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Satire im Ersten Weltkrieg:Saure-Gurken-Zeit für Spott und Häme

Deutsche Soldaten im Manöver, 1909 simplicissimus Satire Erster Weltkrieg

Satirische Karikatur von marschierenden Soldaten im Manöver aus einer Simplicissimus-Ausgabe von 1909

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Eine aberwitzige Flottenrüstung, ein sinnloses Zeppelinprogramm: Im ersten Weltkrieg hätte das Militär vor 100 Jahren ein gutes Ziel für Witz und Ironie sein können. Warum die deutschen Satiriker trotzdem konsequent schwiegen.

Von Philipp Obergaßner

Satirezeitschriften begleiten das Zeitgeschehen gemeinhin mit ätzender Kritik und beißendem Spott. Nicht so in Deutschland während des Ersten Weltkriegs. Da schwenkten die meisten auf einen deutsch-nationalen Kurs. Warum? Und worauf richteten sie dann ihren Blick? Hans Zimmermann war Bearbeiter eines Projekts zur Digitalisierung aller Ausgaben des Simplicissimus.

SZ.de: Herr Zimmermann, was bedeutete der Ausbruch des Ersten Weltkriegs für Satirezeitschriften wie den Simplicissimus?

Hans Zimmermann: Das war für alle Satirezeitschriften eine Saure-Gurken-Zeit. Witz und Ironie, vor allem aber innenpolitische Kritik waren vier Jahre lang fehl am Platz. Im Grunde sind alle eingeknickt beziehungsweise sind kalkuliert auf den deutsch-nationalen Kurs eingeschwenkt. Der Simplicissimus beispielsweise hat sich bewusst dafür entschieden, die "Burgfriedenspolitik" mitzumachen, also innerdeutsche Auseinandersetzungen angesichts der Bedrohung von Außen ruhen zu lassen. Themen, die sich für Satire einfach anboten - die aberwitzige Flottenrüstung oder das militärisch sinnlose Zeppelinprogramm - wurden, wenn überhaupt, nur wirtschaftlich in Frage gestellt, aber als strategisch notwendig angesehen.

Haben die Karikaturisten also bereitwillig das Geschäft der Propagandisten erledigt?

Ja, die Propaganda ist in allen Karikaturen spürbar. Ich habe auch kein Reflexionsmoment beim Rutschen in diesen Krieg gefunden. Das war ja bei Weitem nicht so zwangsläufig, wie es damals dargestellt wurde. Es gibt in all den Kriegsjahren nichts Kritisches, was sich als Ausnahme anführen ließe. Im Gegenteil: das geistlose Durchhalten war bis zum Kriegsende Parole. Ein Beispiel: noch am 4.11.1918, also eine Woche vor der Kapitulation, druckt der Simplicissimus ein Durchhaltegedicht von Josef Winckler.

Hat sich denn auch mit dem Jahr 1916, mit den Schlachten bei Verdun und an der Somme und später mit dem Hungerwinter in Deutschland, nichts an der Darstellung des Krieges geändert?

Ich glaube, die Verzweiflung bei Verdun ist durchaus spürbar. Aber die Veränderungen in der Karikatur sind sehr subtil. Man konnte die Grausamkeit des Krieges nicht mehr leugnen. Die Symbole des schmutzigen Krieges werden also sichtbar, aber die Gräueltaten werden immer nur von den Ausländern begangen.

Hans Zimmermann

Hans Zimmermann war Bearbeiter eines Projekts zur Digitalisierung aller Ausgaben des Simplicissimus, einer Gemeinschaftsarbeit der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar und des Deutschen Literaturarchivs Marbach.

(Foto: privat)

Wie kam es dazu, dass die Karikaturisten ihre Kritikfunktion so vollständig aufgaben?

Ich glaube, das lag größtenteils daran, dass man nicht als Verräter dastehen wollte. Man schwamm eben mit dem Strom. Außerdem waren viele Zeichner bürgerlich-arrivierte Leute: Thomas Theodor Heine, auch Karl Arnold oder Eduard Thöny. Die wollten eben auch ihren Status erhalten. Außerdem hatten Karikaturzeitschriften im Kaiserreich ein anderes Selbstverständnis als ihre Pendants in Demokratien wie England oder Frankreich. Albert Langen beispielsweise, den Gründer des Simplicissimus, plagte ein schlechtes Gewissen, weil er Satire für zersetzend hielt. Er selbst nannte sie "negativ". Als moralische Wiedergutmachung gründete er dann auch die Kulturzeitschrift März.

Wie wurden die Karikaturen bei der deutschen Bevölkerung wahrgenommen?

Glaubt man der Darstellung der Propaganda, war im Alltag ein Gefühl von Rechtmäßigkeit zu spüren. Die moralgetränkten Karikaturen ritten ja ungehemmt auf dem Klischee herum, dass Deutschland die Kulturnation überhaupt ist. Außerdem wurde die Heimatfront im Gegensatz zur Kriegsfront noch halbwegs realistisch dargestellt. Daher galten Satirezeitschriften wie der Simplicissimus eher als Spiegelbild des Kriegsalltags als beispielsweise die Frontzeitungen, die ja gelenkte Propaganda waren.

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© SZ.de/odg/gal
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