Zum Tod von Robert Spaemann Man muss auf etwas aus sein im Leben

Der Philosoph Robert Spaemann im Jahr 2009 in Stuttgart-Botnang

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Robert Spaemann verteidigte zeitlebens den Wunsch des Menschen, über sich selbst hinauszugelangen. Eine Reminiszenz.

Von Martin Mosebach

Hinter dem Haus von Robert Spaemann in Botnang beginnt der Wald, auf einer Hochebene über dem dicht besiedelten Land. Auf den schnurgeraden Schneisen dieser von Menschenhand geformten Natur, von der aus sich gelegentlich Ausblicke auf die verstädterte Ebene eröffnen, ist der alte Philosoph jeden Tag stundenlang spazieren gegangen: ein Bild seiner Existenz, die ganz auf die politische Gegenwart bezogen und zugleich in dem in Jahrtausenden von vielen Köpfen geschaffenen, niemals vollendeten Garten des Gedankens zu Hause war. Seine zahlreichen Besucher bat er bis ins hohe Alter zu solchen Spaziergängen, im zielbewussten Gehen entwickelte sich das Gespräch.

Hier beschrieb er mir einmal, wie er schon in Jugendjahren zu einem seiner Lebensthemen gefunden habe. Zum Indianerspielen der Kindheit habe das Schleichen durchs Unterholz gehört; die breiten Waldwege galt es zu meiden. Aber eines Tages fragte sich der Jung-Indianer: Was würde ein echter Indianer tun, wenn er auf einen gebahnten Weg stieße? Er würde natürlich darauf gehen und sich nicht weiter durchs Gebüsch quälen.

"Um weiter Indianer zu spielen, musste ich aufhören zu denken, wie ein echter Indianer in dieser Lage gedacht hätte. Dies wurde für mich ein großes Motiv: die Suche nach Unmittelbarkeit und die Vergeblichkeit des Bemühens um Unmittelbarkeit und Authentizität." Diese Vergeblichkeit sollte das Bemühen aber keineswegs sinnlos machen.

Robert Spaemann gehörte zu den wenigen philosophischen Denkern der Gegenwart, für die "Wahrheit" eine bestimmende Kategorie ist. Die Suche nach "Wahrheit" gehörte für ihn zu den essenziellen Merkmalen des Lebens, sie war etwas geradezu Instinktives. "Leben" hieß für ihn eben nicht "Denken", sondern etwas dem Denken weit Vorgelagertes, er nannte es ein "Auf etwas aus sein", das alles Leben, vom primitivsten Organismus bis zum Menschen, auszeichne.

Beim Menschen sollte diese Bewegung zu dem Versuch führen, die eigenen Grenzen zu überschreiten. David Humes Wort, den Menschen könne es niemals gelingen, "einen Schritt über sich hinauszugelangen", wurde zum Ansporn seines lebenslangen Bestrebens, diese Unmöglichkeit zu überwinden, eben gerade deshalb, weil es dem Menschen seiner Natur nach aufgegeben sei, in diesem Versuch nicht nachzulassen. Er verweigerte sich der Vorstellung, dieser dem Menschen eingegebene Antrieb, aus sich heraustreten und einer außer ihm anzutreffenden und von ihm unabhängigen Objektivität begegnen zu wollen, sei vielleicht nichts anderes als eine tückische Laune der Natur, die in der generellen Sinnlosigkeit alles Existierenden ins Leere laufen müsse.

Sinnlos war für ihn vielmehr diese Hypothese, weil aus ihr die Sinnlosigkeit alles Denkens und Tuns folge, die Hinfälligkeit aller Maßstäbe. Bei unserm Waldspaziergang blieb er bei diesem Gedanken stehen, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. "Meine ganze Bewunderung gehört Nietzsche, der gewagt hat, dieser Konsequenz ins Auge zu sehen und sie auszusprechen, was sich die sogenannten humanistischen Denker der Gegenwart immer noch nicht trauen. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass sie selber nicht glauben, was sie schreiben und lehren." Der Unmöglichkeit von Wahrheit vermag nur der Übermensch in seiner Isoliertheit standzuhalten, der Mensch hingegen ist im Vertrauen auf die "Wahrheitsfähigkeit der Vernunft" imstande, um sich herum eine Ordnung zu errichten und in ihr einen Widerschein vorgegebener Ordnung zu erkennen.

Spaemann war Katholik, aber er glaubte, man könne zu diesem Schluss auch gelangen, ohne Katholik zu sein; er mochte es deshalb nicht, wenn er "katholischer Philosoph" genannt wurde, er sei ein Katholik, der philosophiert. Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI., die beide das Verhältnis von Glauben und Vernunft zum Hauptthema ihrer Theologie gemacht hatten, haben deshalb über die Jahrzehnte hinweg das Gespräch mit Spaemann gesucht. Spuren dieser Dialoge sind in den Dokumenten dieser Päpste vielfältig zu finden.

Es ist denn auch das Katholische, was seinem Bestehen auf Objektivität und Wahrheit den theoretischen, formelhaften Charakter nimmt. Die berühmte Frage des Pontius Pilatus: "Was ist Wahrheit?" lässt Jesus eben nicht unbeantwortet, weil er sie offen lassen will, sondern weil er als vor dem Prokurator stehende Menschengestalt den Anspruch erhebt, selbst die Wahrheit zu sein. Hier war für Spaemann die Grenze der Vernunft beispielhaft erfasst: ihre Fähigkeit sich der Wahrheit bis zur quasi sinnlichen Anschauung anzunähern - nichts anderes heißt ja "Theoria" -, ohne sie im Letzten verstehen und erfassen zu können, wie denn kein Mensch, und sei es der vertrauteste, trotz aller Nähe jemals ganz verstanden werden kann. Die Unbegreiflichkeit des objektiv Anderen konnte er in wunderbar komische Bilder fassen: "Wir wissen nicht, wie es ist, eine Fledermaus zu sein", sagte er, als auf unserem abendlichen Weg etwas Schwarzes durch das Dämmer schoss.

Zu seiner Jugendlichkeit bis zuletzt gehörte seine Leidenschaft in politischen Fragen. Aus der Zeit seines Heranwachsens unter Hitlers Herrschaft hatte er sich ein unbedingtes Freiheitsbedürfnis bewahrt, das gegenüber totalitären Tendenzen auch eines scheinbar diskursfreudigen Liberalismus empfindlich war. Wie hätte er es gehalten, wenn Hitler gesiegt hätte? "Dann wäre ich Gärtner geworden." Das erinnerte mich an den letzten chinesischen Kaiser, der unter Mao als Gärtner gearbeitet hatte.

Seine Geistesgegenwart verließ ihn bis zuletzt nicht, als er körperlich schon ganz hinfällig geworden war. Für die Nüchternheit seines Urteils bis zu seinem Lebensende mag eine Bemerkung über mein letztes Buch sprechen. Kaum vernehmbar war seine Frage, wie es denn aufgenommen worden sei. "Weitgehend freundlich", sagte ich ihm ins Ohr. Er, nach einer Weile, in der er seine Kräfte für die Antwort sammelte: "Dann müsstest du dich eigentlich fragen, was du falsch gemacht hast." Martin Mosebach ist Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm "Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer" (Rowohlt, 2018).

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