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Zum Tod von Robert Spaemann:Einer, der sich der Welt nicht anpasste

Robert Spaemann

Der Philosoph Robert Spaemann ist im Alter von 91 Jahren gestorben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Egal ob Atomkraft oder Tierversuche: Der Philosoph Robert Spaemann war ein rebellischer Konservativer, der nicht an sich halten konnte, wenn die Wunden und Widersprüche der Moderne sichtbar wurden.

Die Kritzelei hätte Robert Spaemann auch das Leben kosten können. Im Frühjahr 1944 malte der 16 Jahre alte Gymnasiast des Dorstener Petrinums anonym eine Hitler-Karikatur an die Tafel und schrieb darunter: "Achtung! Totengräber Deutschlands!" Mehrere Lehrer verlangten, hier müsse die Gestapo eingeschaltet werden. Der Schulleiter, selbst ein Nationalsozialist, sah die Sache weniger dramatisch, die Geheimpolizei blieb außen vor, der Zeichner unentdeckt.

Robert Spaemann hat später der Versuchung widerstanden, dies als Akt des Widerstands hinzustellen. Er sah im Kreide-Hitler einen Fall von Schülerleichtsinn, mehr nicht. Den Widerspruchsgeist des künftigen Philosophen kann man aber in dieser Geschichte schon erkennen. Man kann den rebellischen Konservativen ahnen, der nicht an sich halten konnte und wollte, wenn ihm etwas gegen die gottgegebene Würde des Menschen zu verstoßen schien und die Wahrheit in Relativismen aufgelöst, wenn die Wunden und Widersprüche der Moderne sichtbar wurden - ob bei der Atomkraft, den Tierversuchen, der Abtreibung oder dem assistierten Suizid. "Passt euch der Welt nicht an", hat einst der Apostel Paulus den ersten Christen mit auf den Weg gegeben. Robert Spaemann hat sich so treu wie unerbittlich daran gehalten.

Seine Mutter war Tänzerin, sein Vater Kulturredakteur der Sozialistischen Monatshefte - beide waren sie überzeugte Atheisten, beide konvertierten sie zum Katholizismus. Der tieffromme Glaube der Konvertiten hat Spaemann geprägt: "Wenn man tief überzeugt ist, dass die Gottesbeziehung im Leben das Wichtigste ist, dann erzeugt das eine gewisse Standfestigkeit", hat er später geschrieben.

Die Mutter starb früh, der Vater ließ sich 1942 zum katholischen Priester weihen und wurde Kaplan in Dorsten. Für die Dorstener war er noch lange "der Sohn vom Kaplan". Der Kaplanssohn wurde allerdings kein Priester. Er studierte Philosophie, Geschichte, Theologie und Romanistik in Münster, München, Fribourg und Paris. Promoviert wurde er 1952 beim Münsteraner Philosophen Joachim Ritter über den französischen Philosophen Louis-Gabriel-Ambroise de Bonald, der die Französische Revolution für ein großes Unglück hielt. Über die Assistenz bei Ritter kam er zu dessen Schülerkreis, der die einflussreichsten konservativ-liberalen Philosophen der Bundesrepublik versammelte: Hermann Lübbe, Odo Marquard, Günter Rohrmoser und Ernst-Wolfgang Böckenförde. Spaemann wurde zunächst Lektor, dann Philosophieprofessor, erst in Stuttgart und Heidelberg, ab 1972 in München, wo er 1992 emeritiert wurde.

Robert Spaemann war ein Konservativer, was die Ausrichtung seiner Philosophie am katholischen Naturrecht betraf, dass es also natürliche, dem Diskurs entzogene Grundlagen des Menschseins, des Zusammenlebens und der Staatsverfassung gibt. Er war ein Konservativer in der Annahme, dass eine rein aufs Innerweltliche bezogene Philosophie bald an die Grenzen der Erkenntnis gerät. "Wenn wir Gott wegnehmen, dann bricht das Denken zusammen", lautete einer seiner Kernsätze. In seinem Hauptwerk "Glück und Wohlwollen" schreibt er 1989: "Dieser Versuch über Ethik enthält hoffentlich nichts grundsätzlich Neues. Wo es um Fragen des richtigen Lebens geht, könnte nur Falsches richtig neu sein." Kein Wunder, dass der ebenfalls 1927 geborene Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., so gerne mit Spaemann diskutierte und ihn als Berater ansah. In der Analyse, dass Religion und Vernunft zusammengehören und in der Klage über die gegenwärtige "Diktatur des Relativismus" waren sie sich einig.