Fotografie-Projekt:David Bowie für einen Tag

Fotografie-Projekt: Starman für einen Tag: Eine Bewohnerin des "Sydmar Lodge Care Homes" beim Fotoprojekt, das ein Mitarbeiter ins Leben rief.

Starman für einen Tag: Eine Bewohnerin des "Sydmar Lodge Care Homes" beim Fotoprojekt, das ein Mitarbeiter ins Leben rief.

(Foto: Robert Speker; Label)

Seit über vier Monaten ist ein Londoner Pflegeheim im Lockdown, dann hatte ein Mitarbeiter eine Idee - und die Senioren wurden zu Covermodels.

Interview von Benjamin Ansari

Mit weit geöffnetem Mund reckt sie den Gehstock in die Luft, als wäre er eine Gitarre. Doch Sheila singt und spielt nicht, sie stellt ein Foto nach - das ikonische Cover von Elvis Presley's erstem Album. Dabei ist die Rentnerin kein Rockstar, sondern wohnt im Pflegeheim "Sydmar Lodge care home" im Norden Londons. Gemeinsam mit anderen Bewohnern hat sie berühmte Albumcover von Musikern wie Adele, David Bowie und Taylor Swift nachgestellt. Die Idee dazu hatte Robert Speker, der sich seit fünfeinhalb Jahren als "activities coordinator" um die Unterhaltung der Bewohner kümmert. Ein Tweet mit den nachgestellten Albencovern der Senioren ging viral: über 136.000 "Likes", mehr als 43.000 Kommentare und "Retweets".

SZ: Herr Speker, mit den Bewohnern des Altenheims stellen Sie Plattencover nach - wie kamen Sie auf die Idee?

Robert Speker: Das Heim ist nun schon seit über vier Monaten im Lockdown. Seit dem 12. März sind Besuche von Familienangehörigen verboten. Das ist für viele Bewohner sehr schlimm. Ich suchte nach kreativen Möglichkeiten, um sie bei Laune zu halten und zum Lachen zu bringen. Mit dem Albumcover-Projekt ist mir das gelungen - wenn auch nur für kurze Zeit. Leider vergessen manche der Senioren schon nach einer Stunde oder am nächsten Tag, dass wir die Fotos gemacht haben. Ich merke aber, dass sie glücklicher sind, wenn wir etwas unternehmen. Humor ist sehr wichtig, um positive Emotionen zu wecken, die den Moment überdauern.

Wie reagierten die Bewohner, als Sie ihnen das Projekt vorschlugen?

Ihr Entsetzen hielt sich in Grenzen, denn sie kennen mich mittlerweile. Wir haben auch schon früher mal bei viralen Trends mitgemacht, zum Beispiel der "Toilet Roll Challenge". Die Cover nachzustellen hat allen viel Spaß gemacht: Es ist einfach unmöglich, nicht in Gelächter auszubrechen, wenn eine ältere Frau sich einen rot-blauen Blitz ins Gesicht schminkt, weil sie David Bowie nachstellt. Oft bleibt im Alltag wenig Zeit, um private Gespräche mit den Bewohnern zu führen. Das Fotoshooting bot eine willkommene Gelegenheit, um zu hören, wie die Menschen während des Lockdowns zurechtkommen und welche Sorgen sie haben.

Haben Sie die Cover ausgesucht oder waren das die Bewohner selbst?

Das war ich. Beim Auswählen der Cover habe ich darauf geachtet, dass sie zu dem Menschen passen, der sie nachstellt. So berühmte Künstler wie Michael Jackson, Bruce Springsteen oder Elvis Presley kannten natürlich alle. Und auch wenn manche Bewohner einige der neueren Musiker oder Sängerinnen nicht kannten, war das nicht schlimm. Es ging ja darum, etwas nachzubilden und gewissermaßen neu zu erschaffen. Das haben alle schnell draufgehabt. Nachdem wir uns auf ein Cover geeinigt haben, habe ich die Bewohner geschminkt, eingekleidet, fotografiert und anschließend die Bilder bearbeitet. Manchmal musste ich die Tattoos der Original-Künstler nachzeichnen.

Robert Speker Porträt

Robert Speker arbeitet seit fünfeinhalb Jahren beim Pflegeheim "Sydmar Lodge Care Home" in London.

(Foto: Aya Speker/Aya Speker)

Wie fanden die Bewohner die Fotos?

Sie waren begeistert. Sie haben sich in ihrer neuen Rolle oft richtig gefallen und sich daraus einen Spaß gemacht, sich fortan so anzusprechen: "Roma, du bist David Bowie; Coba, du bist Michael Jackson." Das wiederholten sie dann immer wieder.

Haben Sie erwartet, dass das Projekt so viel Aufmerksamkeit bekommt?

Nein! Die Reaktionen waren überwältigend. Wir haben so viele wundervolle Kommentare aus der ganzen Welt bekommen. Viele wollten uns helfen und etwas spenden. Wir haben dann drei Wohltätigkeitsorganisationen ausgewählt. So vielen Leuten nur mit ein paar Fotos eine Freude zu bereiten und gleichzeitig Spenden zu sammeln - das ist eine sehr berührende Erfahrung.

Was ist für die Zukunft geplant?

Bislang haben wir zwölf Cover produziert, aber mehr sind in Vorbereitung. Ich möchte allen die Gelegenheit geben, sich am Projekt zu beteiligen. Mittlerweile schlagen mir Familien von sich aus vor, welches Album zu ihren Angehörigen passen würde. Es gibt einfach noch so viele gelungene Titel. Ich finde, dass alte Menschen auf der ganzen Welt Plattencover neu gestalten sollten.

© SZ
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