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Interview am Morgen: Fotografie:"Um sechs Uhr morgens saß ich da und hab den Lautsprecher angebrüllt"

Macht nicht jeder mit: Fotoshootings über Zoom. Im Bild die Schauspielerin Chloë Sevigny, die sich hochschwanger von Elizaveta Porodina fotografieren ließ.

(Foto: Elizaveta Porodina exklusiv für The Cut)

Wie Film und Theater ist auch professionelle Fotografie von Stimmung und Atmosphäre abhängig. Elizaveta Porodina macht seit einiger Zeit wieder Shootings - von ihrem Wohnzimmer aus.

Von Theresa Hein

Die Fotografin Elizaveta Porodina wurde 1987 in Moskau geboren und lebt seit ihrer Kindheit in München. Sie fotografiert unter anderem für Magazine wie die Vogue und Harpers Bazaar , realisiert aber auch Musikvideos wie die der Band Bilderbuch. Seit den Kontaktbeschränkungen muss sie von zu Hause aus arbeiten - und hat dort eine Möglichkeit gefunden, wie man hochauflösende Bilder vom Bildschirm aus schaffen kann. Via Zoom.

Wie kamen Sie auf die Idee, über Zoom Fotoshootings zu realisieren?

Ich war bis Anfang März mit meinem Mann noch auf einer Art Welttournee unterwegs, Paris, New York, wir hatten überall Termine. Danach sollte ich nach London, um Robert Pattinson zu fotografieren. Auf einmal dachte ich mir, ich kann das nicht mehr guten Gewissens machen. Ich hatte das Gefühl, ich handle verantwortungslos, ich muss nach Hause. Was, wenn ich mich in New York mit dem Virus angesteckt hatte, ohne es zu merken? Es war ein ganz komisches Gefühl, alles abzubrechen, was ich mir erarbeitet hatte.

Und dann haben Sie zu Hause einfach Dinge ausprobiert?

Von dem Moment an, in dem mir bewusst wurde, ich kann nicht mehr raus und fotografieren, wusste ich, ich muss jetzt experimentieren. Also habe ich die richtige Technik besorgt und losgelegt. Ich habe angefangen mit einer Freundin in Berlin Quarantäne-Fotos zu machen, von meinem Bildschirm aus. Wie genau das funktioniert ist natürlich ein bisschen Berufsgeheimnis. Die ersten Ergebnisse sahen auch noch ganz anders aus, als das, was ich jetzt mache. Aber da hat man schon viel Potenzial gespürt.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Was war das erste große Projekt, das sie von zu Hause aus fotografiert haben?

Die Fotoredakteurin des Magazins The Cut rief mich an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, ein Fotoshooting mit Chloë Sevigny von zu Hause zu machen. Ich hatte Sevigny noch nie in meinem Leben getroffen, sie war zu dieser Zeit im achten Monat schwanger. Ich wusste sofort, dass wir einen besonderen Moment in einem Menschenleben in der Isolation dokumentieren.

Aber sie sehen die Menschen nicht direkt. Funktioniert das überhaupt?

Es ist natürlich anstrengend. Man muss jede Bewegung erklären und noch genauer als sonst wissen, was man will. Bei dem Shooting mit Sevigny lief das so: Sie hat mir den ganzen Raum gezeigt und gesagt, hier habe ich einen Stuhl, der ist nah beim Licht, und hier habe ich ein Sofa. Und du als Fotografin musst das Bild erstmal gedanklich zusammenzustückeln, bevor es stattfindet. Und dann musst du es der anderen Person erklären, damit sie das auf ihrer Seite nachvollziehen kann. Das war natürlich sehr bizarr, für sie und für mich. Aber ich habe das weiße Sofa gesehen und gewusst, das ist es. Natürlich waren die Bedingungen zusätzlich erschwert: Niemand kann von einer Hochschwangeren in New York zur Zeit der Ausgangssperre erwarten, dass sie ihr Haus verlässt, Möbel verrückt oder sich mal eben selbst ein Licht installiert. Also habe ich mich auf das natürliche Licht im Zimmer konzentriert und ihr gesagt, was ich mir vorstelle. Und sie hat wahnsinnig gut mitgemacht.

Elizaveta Porodina, Fotografin

Die Fotografin Elizaveta Porodina perfektionierte während der Corona-Zeit Fotoshootings über Zoom.

(Foto: Privat)

Also muss man auch Glück mit dem Menschen auf der anderen Seite haben?

Mit Glück hat das nichts zu tun. Man kann das nicht mit jedem machen. Es muss auf jeden Fall eine Person sein, die selbst über künstlerisches Gespür verfügt, wie Chloë Sevigny. Wenn jemand kamerascheu ist oder Technik nicht gut findet oder Bilder nicht versteht, geht das nicht. Weil dann alles zehn Mal so lange dauert. Für solche Projekte braucht man Menschen, die ein bisschen was von Komposition verstehen und auch mit einem Stativ umgehen können. Und es passieren auch komische Dinge. Bei einem Nackt-Fotoshooting in Paris habe ich das Model vom Bildschirm aus gebeten, die Tür aufzumachen, damit mehr Licht hereinkommt. Sie saß da so nackt im Zimmer und hat posiert und an der offenen Tür sind ständig Leute vorbeigegangen.

Was ist die größte Herausforderung?

Das geht bei der Internetverbindung los. Vor kurzem habe ich ein Shooting für die Vogue China gemacht, auf der anderen Seite des Bildschirms war ein Team von 20, 30 Leuten. Drüben im Studio hat das WLan die ganze Zeit geruckelt und ich war mit meinem Bildschirm alle zehn Sekunden eingefroren. Wenn ich wieder was gesehen habe, dann Menschen, die gelacht und die Augen verdreht haben. Die ersten drei Stunden dachte ich, das geht niemals. Ich war um drei in der Nacht aufgestanden wegen der Zeitverschiebung und um sechs Uhr morgens saß ich da und hab den Lautsprecher angebrüllt. Ich glaube, es ist schwieriger, je größer das Team auf der anderen Seite ist. Wenn viele Leute da sind, fühlt man sich schon sehr abgekapselt von der Gruppendynamik auf der anderen Seite. Die anderen sagen dann vielleicht irgendwann, so, jetzt gehen wir zwei Stunden Mittagessen. Und du bist nicht dabei. In der Zeit, in der du vor deinem Computer wartest, bis sie zurückkommen, hat sich vielleicht ihre Laune komplett verändert.

Also kann es das Fotoshooting vor Ort nicht ersetzen.

Die persönliche Energie geht mir wahnsinnig ab. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass es trotzdem funktioniert. Aber es kostet mich sehr viel Kraft. Bei dem China-Shooting ist mir aufgefallen, dass die Models und ich uns nicht verabschiedet hatten. Es war auf einmal vorbei. Das Handy wurde ausgeschaltet, fertig. Dass diese Kommunikation fehlt, dass man sich nicht sagen kann, dass beide gerade etwas Tolles geleistet haben, ist entwürdigend für beide Seiten.

Besteht nicht die Gefahr, dass sich Ihr Beruf verändert und alle irgendwann nur noch über Computer fotografieren?

Die Frage ist eher, ob man sich das wünscht. Ich denke, dass die meisten Menschen sich sehr nach dem menschlichen Kontakt sehnen. Ich wünsche mir auch nicht, nie wieder aus meinem Wohnzimmer rauszugehen. Aber manchmal denke ich mir schon: Ich hätte es genauso gut machen können, wenn ich nicht elf Stunden von einem Ort zu einem anderen fliege und das Klima belaste. Als ich dem Chefredakteur der GQ gesagt habe, dass ich gerade mit Zoom herumprobiere, hat er gesagt: "Wir haben da auch schon experimentiert - aber ich habe das Gefühl, wir sollten darin nicht zu gut werden". Ich wusste, was er meint, aber ich denke nicht, dass wir den persönlichen Kontakt abschaffen. Es ist wie mit Zeitschriften. Niemand braucht sie, aber du willst sie anfassen und beim Lesen in der Hand halten.

© SZ.de/cag

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