Proteste in Brasilien:In dieser Ära Frau zu sein, war schwer

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Die Vorstellung, als Frau unter einem faschistischen Regime leben zu müssen, erfüllt mich mit Schrecken. Die Bewegung "Erinnerungen der Diktatur" hat festgehalten, dass Hunderte junger Brasilianer, die sich dem bewaffneten Kampf in den Sechziger- und Siebzigerjahren anschlossen, Gewalt und Folter erlitten. Lebendige Ratten in der Vagina. Vergewaltigung. Elektroschocks an den Genitalien. Ihre Kinder wurden in die Folterkeller gebracht. Nachdem sie ihre Eltern leiden sahen, verschwanden sie und wurden irgendwo ermordet. Unter dem Kommando dieser Operation war ein Oberst, der später von Bolsonaro geehrt wurde, als sei er ein Held.

In dieser Ära Frau zu sein, ob für oder gegen das Regime, war schwer. Das Gesetz gestand Frauen weniger Rechte zu als Männern. Noch in den Siebzigerjahren mussten Frauen ihren Ehemann oder Vater um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten. Sie durften seit 1932 wählen, mitbestimmen konnten sie jedoch nicht.

Viele verloren ihre Söhne, Brüder und Ehemänner. Es waren die Frauen, die die Suche nach den Körpern forderten, tot oder lebendig. Sie waren es, die Entschädigungen und die Bestrafung der Folterer vorantrieben. Sie bildeten die "Brasilianische Vereinigung der Mütter". Sie ließen sich nicht zum Schweigen bringen.

Dass die verhasste Arbeiterpartei einen eigenen Kandidaten aufgestellt hat, hilft den Rechten

Mit der Verfassung von 1988 atmete die brasilianische Gesellschaft erstmals Demokratie. Aber mit Bolsonaro wird das Leben als Frau schwieriger werden, mit oder ohne erklärter Diktatur. Bolsonaro hat die Schändung des Straßenschildes für Marielle Franco durch einen Gesinnungsgenossen nicht kommentiert. Er ließ durchblicken, dass er Schwangere als Belastung für ihre Unternehmen sieht. Schwule und Lesben blieben nach seinem Willen von der Wirtschaft ausgeschlossen. Er wird sich nicht darum bemühen, dass Mütter leichter studieren oder arbeiten können.

Deshalb brachte die Bewegung "Frauen gegen Bolsonaro" in meiner kleinen Stadt zweitausend Menschen auf die Straße. Einige unterstützen den Kandidaten der Arbeiterpartei, Fernando Haddad. Ich bleibe skeptisch. Als Anarchistin stößt mich die alte Politikerriege ab. Ich versuche, weiter zu blicken. In Brasilien hat oft der Vizepräsident de facto die Macht übernommen, und Haddads Kandidatin für dieses Amt ist Manuela D'Ávila, eine Kommunistin. Der Kommunismus hat hässliche Seiten, aber seine Projekte sind immer noch humaner als die von Bolsonaros General Mourão.

Dass die Arbeiterpartei für diese Wahl mit Haddad überhaupt wieder einen Kandidaten aufgestellt hat, ärgert mich wahnsinnig. Hätten sie nicht die Demut haben können, von Anfang an Manuela D'Ávila als Präsidentschaftskandidatin zu unterstützen? Aber nein. Hat die Arbeiterpartei nicht lange genug den Präsidenten gestellt - mit Lula da Silvas und Dilma Rousseffs Amtszeiten? Rousseffs Präsidentschaft endete in einer lähmenden politischen Krise.

Nun hat die vielen verhasste Arbeiterpartei wieder einen Kandidaten aufgestellt, obwohl sie damit dem "Unaussprechlichen" eine Bresche schlägt. Ich sehe keinen Ausweg - außer dem zum Flughafen, ins Exil. Vielleicht ziehe ich auch in den Nordosten, jenen Teil des Landes, der Bolsonaro noch widersteht.

Katherine Funke, geboren 1981 im südbrasilianischen Joinville, ist Autorin und Journalistin. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt "Popcorn unterm Zuckerhut. Junge brasilianische Literatur" (Wagenbach). Aus dem Portugiesischen von Michaela Metz.

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