Süddeutsche Zeitung

Proteste in Brasilien:"Ich bin Brasilianerin - und schäme mich dafür"

Lesezeit: 5 min

Die Vorstellung, als Frau unter einem faschistischen Regime leben zu müssen, erfüllt unsere Autorin mit Schrecken. Trotzdem fällt es ihr schwer gegen den ultrarechten Bolsonaro auf die Straße zu gehen.

Gastbeitrag von Katherine Funke

Es ist, als erstickten mich grobe Hände. Mein Nacken schmerzt. Ich beiße mir auf die Zunge, um nicht zu schreien. Ich habe Angst. Ich bin Brasilianerin - und schäme mich dafür. Ich bin zu Hause, verfolge die Proteste der Bewegung "Frauen gegen Bolsonaro" auf den Straßen, ohne den Mut, selbst hinauszugehen.

Facebook ist eine Sache, die Straße eine andere. Freundinnen rufen mich zu den Protesten. Die Bewegung unter dem Hashtag #Er Nicht (#Ele Não) wächst Tag für Tag. Ich war nicht dort, und ich werde auch nicht hingehen, denn ich habe Angst, Opfer dieser Gewalttäter zu werden.

Dabei geht es um vieles, es geht darum, Brasiliens Verfassung zu verteidigen, die Kultur des Friedens und der Menschenrechte. Um den Glauben an die Kultur als Motor der sozialen Entwicklung. Es geht darum, mit der Straflosigkeit von rassistischer Kriminalität und Gewalt keinen Pakt einzugehen.

Ich wohne im Süden, in Santa Catarina. Das ist der Bundesstaat, wo 65 Prozent der Stimmberechtigten Jair Bolsonaro gewählt haben, mehr als in Brasilien insgesamt, wo er fast die Hälfte aller Stimmen erhielt. Schlimmer noch: In meiner Stadt triumphierte er mit 72 Prozent der Stimmen. Überall sehe ich Aufkleber, T-Shirts und Fahnen für den Kandidaten Nummer 17.

Seine Gegner nennen ihn in den sozialen Medien "den Unaussprechlichen", "Bolzonazi" oder "Bastonaro". Seine Anhänger aber feiern ihn als "Mythos", "Hauptmann" oder "Bolsomythos". Ein vorgeblicher Held, der mit harter Hand gegen die Korruption kämpft, dann niedergestochen wurde und als Überlebender auf Fotos posiert, als seien seine Hände Waffen.

"Frau" kommt im Wahlprogramm der Rechten nur einmal vor - bei den Vergewaltigungsstatistiken

Der "Hauptmann", das sagen Millionen Brasilianer, wird es schaffen, Brasilien vor der Korruption zu retten und, vor allem, vor der Arbeiterpartei PT. Bolsonaros Regierung wird in jeder Hinsicht Anschauungsmaterial bieten, besonders aus deutscher Perspektive. "Brasilien über alles. Gott über allem", heißt ihr Motto. Es ist ein vom Nazismus inspirierten Plan, und das muss jemand von außen zeigen. Machen Sie Lärm! Und zwar vor dem zweiten Wahlgang, denn dieser könnte für die brasilianische Demokratie fatal sein.

Ich habe nicht nur Angst vor Bolsonaro oder seinem Vize, dem General der Reserve Antônio Hamilton Martins Mourão. Er kleidet sich wie Hugo Chávez und ließ verlauten, er werde einen "Rat der Notablen" berufen, für eine neue Verfassung, ohne das Volk zu hören. Ich habe Angst vor diesem Volk. Es hat sein Ziel erreicht: Bolsonaros rechtsgerichtete Sozialliberale Partei (PSL) installiert 52 Abgeordnete auf Bundesebene. Vorher hatte sie kaum fünf!

Vor der Wahl hat Carlos Bolsonaro, einer der Söhne des "Hauptmanns", auf Instagram ein Foto gepostet. Es zeigt einen homosexuellen Aktivisten, der in Anspielung auf gängige Foltermethoden mit Striemen auf dem nackten Oberkörper, den Mund weit aufgerissen, eine Plastiktüte über dem Kopf trägt. In Rio veröffentlichte der Kandidat Rodrigo Amorim, den Bolsonaro unterstützt, ein Foto, auf dem er ein Straßenschild mit dem Namen von Marielle Franco zerstört. Die schwarze Stadträtin, eine Schwulen- und Lesben-Aktivistin, wurde vor einigen Monaten ermordet. Amorim wurde trotzdem in den Landtag von Rio de Janeiro gewählt. Ich befürchte, dass einige Anhänger Bolsonaros sich die Rückkehr zur Folter wünschen.

Auf Youtube gibt es ein Interview des britischen Autors und Schauspielers Stephen Fry mit Bolsonaro, das Fry vor ein paar Jahren für die BBC führte. Darin sagt Bolsonaro, er wäre unfähig, einen Sohn zu lieben, wenn dieser homosexuell sei. Das ist grausam. Wer sind wir ohne Liebe? Noch größere Machos? Ehrwürdige Eltern? Idioten?

Brasilien ist der Diktatur vor weniger als 30 Jahren entkommen. Viele Brasilianer haben noch immer nicht die Leichen ihrer Kinder oder ihrer Eltern gefunden. Diejenigen, die als Kinder miterleben mussten, wie ihre Eltern gefoltert wurden, berichten darüber, ohne gehört zu werden. Das scheint die meisten Leute nicht zu beunruhigen, Hauptsache, sie werden nicht mehr von der Arbeiterpartei regiert. Diese Menschen erkennen nicht, dass sie ein neoliberales Projekt der extremen Rechten an die Macht heben. Ein Projekt, das privatisieren will, was von den Unternehmen der öffentlichen Hand noch übrig ist. Eine Regierung, die sich vornimmt, die Ärmsten mehr zu besteuern und das Volk zu bewaffnen. Die keine Pläne vorweisen kann, wie sie die Wirtschaft auf Kurs bringen will, aber mit vielen Ausrufezeichen Heilsversprechen gibt. Die nicht mehr in die Kultur investieren will. In deren Wahlprogramm das Wort "Frau" nur ein Mal vorkommt - in einer Statistik über Vergewaltigungen von Frauen und Kindern.

In dieser Ära Frau zu sein, war schwer

Die Vorstellung, als Frau unter einem faschistischen Regime leben zu müssen, erfüllt mich mit Schrecken. Die Bewegung "Erinnerungen der Diktatur" hat festgehalten, dass Hunderte junger Brasilianer, die sich dem bewaffneten Kampf in den Sechziger- und Siebzigerjahren anschlossen, Gewalt und Folter erlitten. Lebendige Ratten in der Vagina. Vergewaltigung. Elektroschocks an den Genitalien. Ihre Kinder wurden in die Folterkeller gebracht. Nachdem sie ihre Eltern leiden sahen, verschwanden sie und wurden irgendwo ermordet. Unter dem Kommando dieser Operation war ein Oberst, der später von Bolsonaro geehrt wurde, als sei er ein Held.

In dieser Ära Frau zu sein, ob für oder gegen das Regime, war schwer. Das Gesetz gestand Frauen weniger Rechte zu als Männern. Noch in den Siebzigerjahren mussten Frauen ihren Ehemann oder Vater um Erlaubnis fragen, wenn sie arbeiten wollten. Sie durften seit 1932 wählen, mitbestimmen konnten sie jedoch nicht.

Viele verloren ihre Söhne, Brüder und Ehemänner. Es waren die Frauen, die die Suche nach den Körpern forderten, tot oder lebendig. Sie waren es, die Entschädigungen und die Bestrafung der Folterer vorantrieben. Sie bildeten die "Brasilianische Vereinigung der Mütter". Sie ließen sich nicht zum Schweigen bringen.

Dass die verhasste Arbeiterpartei einen eigenen Kandidaten aufgestellt hat, hilft den Rechten

Mit der Verfassung von 1988 atmete die brasilianische Gesellschaft erstmals Demokratie. Aber mit Bolsonaro wird das Leben als Frau schwieriger werden, mit oder ohne erklärter Diktatur. Bolsonaro hat die Schändung des Straßenschildes für Marielle Franco durch einen Gesinnungsgenossen nicht kommentiert. Er ließ durchblicken, dass er Schwangere als Belastung für ihre Unternehmen sieht. Schwule und Lesben blieben nach seinem Willen von der Wirtschaft ausgeschlossen. Er wird sich nicht darum bemühen, dass Mütter leichter studieren oder arbeiten können.

Deshalb brachte die Bewegung "Frauen gegen Bolsonaro" in meiner kleinen Stadt zweitausend Menschen auf die Straße. Einige unterstützen den Kandidaten der Arbeiterpartei, Fernando Haddad. Ich bleibe skeptisch. Als Anarchistin stößt mich die alte Politikerriege ab. Ich versuche, weiter zu blicken. In Brasilien hat oft der Vizepräsident de facto die Macht übernommen, und Haddads Kandidatin für dieses Amt ist Manuela D'Ávila, eine Kommunistin. Der Kommunismus hat hässliche Seiten, aber seine Projekte sind immer noch humaner als die von Bolsonaros General Mourão.

Dass die Arbeiterpartei für diese Wahl mit Haddad überhaupt wieder einen Kandidaten aufgestellt hat, ärgert mich wahnsinnig. Hätten sie nicht die Demut haben können, von Anfang an Manuela D'Ávila als Präsidentschaftskandidatin zu unterstützen? Aber nein. Hat die Arbeiterpartei nicht lange genug den Präsidenten gestellt - mit Lula da Silvas und Dilma Rousseffs Amtszeiten? Rousseffs Präsidentschaft endete in einer lähmenden politischen Krise.

Nun hat die vielen verhasste Arbeiterpartei wieder einen Kandidaten aufgestellt, obwohl sie damit dem "Unaussprechlichen" eine Bresche schlägt. Ich sehe keinen Ausweg - außer dem zum Flughafen, ins Exil. Vielleicht ziehe ich auch in den Nordosten, jenen Teil des Landes, der Bolsonaro noch widersteht.

Katherine Funke, geboren 1981 im südbrasilianischen Joinville, ist Autorin und Journalistin. Auf Deutsch erschien von ihr zuletzt "Popcorn unterm Zuckerhut. Junge brasilianische Literatur" (Wagenbach). Aus dem Portugiesischen von Michaela Metz.

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SZ vom 15.10.2018/doer
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