Kristen Stewart als Prinzessin Diana - "Spencer" im Kino:Scheu und kokett

Lesezeit: 4 min

Kristen Stewart als Prinzessin Diana - "Spencer" im Kino: Alles wirkt grünstichig, morbid, angeschimmelt - Prinzessin Diana (Kristen Stewart) erlebt Schloss Sandringham als Gefängnis.

Alles wirkt grünstichig, morbid, angeschimmelt - Prinzessin Diana (Kristen Stewart) erlebt Schloss Sandringham als Gefängnis.

(Foto: DCM)

Kristen Stewart spielt Prinzessin Diana in Pablo Larraíns Film "Spencer". Eine Studie königlicher Klaustrophobie.

Von Fritz Göttler

Am Ende wird der Film fast unverschämt frei und happy, stimmt ein fröhliches Loblied an aufs Fastfood, den Hamburger. Aufbruchstimmung, eine Mutter ist mit ihren beiden Jungs auf dem Weg in ein neues Leben, Diana, Princess of Wales, vermählt mit dem britischen Thronfolger Charles. Alles scheint auf einmal ganz einfach, all I need is a miracle. Das tut gut, nach zwei quälerischen Stunden Klaustrophobie, mit langen Ritualen und erlesensten Speisen, durch die der chilenische Regisseur Pablo Larraín seine Heldin jagt, die todunglücklich ist mit der Rolle, die sie am Hof spielen soll, unter dem Regiment von Königin Elizabeth II. Nicht zuletzt deshalb, weil sie von Charles recht offen betrogen wird mit einer anderen Frau. Man weiß, wie ein paar Jahre nach diesem Moment von Freiheit und Glück das Ende von Diana sein wird, gehetzt von Paparazzi aus aller Welt, in einem Auto-Crash in Paris.

Am Anfang kommt das Militär vorgefahren in Sandringham, dem Landsitz der Queen bei Norfolk. Die Soldaten schleppen Kisten in den Palast, wie sie zum Transport von schweren Waffen, Patronen, militärischem Gerät benutzt werden. Diesmal ist eine Menge Lebensmittel drin, Früchte und Gemüse und knackigrote Hummer. Militärisch ist auch die Disziplin der Köche, wenn sie sich in der Küche zur Zubereitung dieser Speisen aufstellen. Dezember 1991, die königliche Familie feiert Weihnachten, drei Tage.

Ein langer Familientisch, jede Menge servierender Bediensteter, alles hochzeremoniell. Ein Streichquartett spielt. Es ist ein trostloses Ritual, weil ganz für sich, unter Ausschluss jeder Öffentlichkeit. Lähmende Totalen, der Blickpunkt, auf den alles ausgerichtet wäre, bleibt leer, die am Tisch Versammelten sind die einzigen Zuschauer, die Mitglieder der königlichen Familie, Zeugen und Kontrollfreaks, an ihrer Spitze die Queen.

Dazu kommt ihr Oberaufseher Major Gregory, gespielt von Timothy Spall, der sich immer wieder vor allen aufbaut wie eine Vogelscheuche. Beide kontrollieren unerbittlich jede Abweichung, jeden Fauxpas, jede Ungehörigkeit. Für eine Orgie von Fehlleistungen sorgt die drei Tage über Prinzessin Diana, sie weiß das, und es macht sie krank, sie wird nie dazugehören. Werden sie mich umbringen, fragt sie mit verzweifeltem Sarkasmus, weil ich zu spät zum Tee komme? Ein geschlossener Zirkel, kein Rein-, aber auch kein Rauskommen. Royales Mobbing.

Kristen Stewart als Prinzessin Diana - "Spencer" im Kino: Mit den Jungs entkommen: Diana (Kristen Stewart) im Kinderzimmer von William (Jack Nielen) und Harry (Freddie Spry).

Mit den Jungs entkommen: Diana (Kristen Stewart) im Kinderzimmer von William (Jack Nielen) und Harry (Freddie Spry).

(Foto: DCM)

Diana kommt zu spät, immer wieder. Anfangs hat sie sich verfahren, findet nicht nach Sandringham: I'm lost... Und merkt erst allmählich, dass ganz in der Nähe des königlichen Landsitzes das Elternhaus liegt, wo sie aufgewachsen ist. Ihre Verlorenheit ist Teil einer Selbstinszenierung, pathetisch und subversiv - eine aufgeschobene, verdrängte Rückkehr. Sie trägt eine lebhaft rotgrüne Jacke, im Palast ist dagegen jedes Rot verschwunden, alles wirkt grünstichig, morbid, angeschimmelt - dies ist auch der Film des großen Setdesigners Guy Hendrix Dyas. Pablo Larraín ist fasziniert von Familien und Clans, von ihren Hierarchien, die Zuflucht sind und Gefängnis und fast natürlich Neurosen generieren und Perversitäten.

Die einsame junge Frau und das große fremde Haus, das war sein Thema schon in seinem vorigen Film "Jackie", über den Mord an John F. Kennedy. Da sieht man, wie dessen Frau Jacqueline, gespielt von Natalie Portman, für eine TV-Tour durch das neu ausgestattete Weiße Haus führt. Das ist ein Urthema des Kinos überhaupt, von der namenlosen Heldin in "Rebecca" bis zur mysteriösen Delphine Seyrig in "Letztes Jahr in Marienbad" von Alain Resnais, ein Film mit endlosen Korridoren.

Kristen Stewart spielt gern verunsicherte junge Frauen, Neurose und Masochismus

Immer wieder durch Korridore und verlassene Räume schickt auch Pablo Larraín Kristen Stewart als Diana. Stewart spielt gern verunsicherte junge Frauen, zwischen Neurose und Masochismus, in denen sie ihre eigene Sexualität und Sensibilität reflektiert, als Superstar im amerikanischen Kino. In einem ihrer letzten Filme verkörperte sie Jean Seberg, die Heldin aus Godards "Außer Atem", die später ihrer politischen Freizügigkeit wegen vom FBI gehetzt wurde.

Stewarts Darstellung der Diana ist abgesichert durch bemühten britischen Akzent und punktiert mit Versatzstücken, ikonischen Posen, die man aus der Presse kennt - besonders prominent das Bild mit roter Jacke, schwarzem Hut, schwarzem Schleier vor dem Gesicht. Ein bisschen Scheu, ein bisschen Koketterie, eine tolle Mischung fürs Medienzeitalter, eine neue Form der Repräsentation. Das Bild verwischt, immer wieder, wenn sie den Kopf schüttelt und ihre blonden Locken wirbeln lässt.

Im Landsitz scheint Diana die Verklemmung in Person. Mit zusammengepressten Schultern hastet sie durch die Gänge, den Körper krampfhaft aufgerichtet, die Augen unsicher schweifend. Es gibt hier keine Zukunft, klagt sie, und Vergangenheit und Gegenwart sind zusammengeklumpt. Am Ende fängt sie wieder zu tanzen an in den Korridoren, unkontrolliert, mit kindlichem Überschwang. Ihre Naivität ist konstruiert von Männern, Larraín und Hendrix Dyas, und Steven Knight, dem Drehbuchautor.

Trailer zum Film:

Knight hat schon mehrere Familiengeschichten geschrieben, "Eastern Promises", 2003, für David Cronenberg, die Serie "Peaky Blinders", 2013, und "Verschwörung", 2018, eine Variation auf das Millennium-Werk von Stieg Larsson, mit Claire Foy als Lisbeth Salander - der Originaltitel würde auch auf Dianas Geschichte passen, "The Girl In the Spider's Net". Pure Klaustrophobie ist "No Turning Back", 2013, den Knight selbst inszenierte, mit Tom Hardy, ein einsamer Mann in seinem Wagen in einer Regennacht.

Sie solle das eigene Leben, den eigenen Körper hintanstellen, fürs Land, fürs Volk, erkärt Prinz Charles seiner Frau Diana ziemlich ungeniert, sie stehen an einem Billardtisch, und er schiebt ihr die schwarze Kugel zu. Dass Diana der königlichen Familie die Schau stiehlt, war damals ein frivoles Vergehen. Mit der neuen Generation, William, Dianas Sohn, und Kate, hat der Palast gelernt, zu Kates Vierzigstem wurden eben elegante Porträts veröffentlicht - offenes Haar, rotes schulterfreies Kleid von Alexander McQueen, aufgenommen vom Vogue-Fotograf Paolo Roversi. Star Power!

Die Paranoia bei Diana hat einen historischen Rückbezug, sie sieht ihr Schicksal gespiegelt in dem von Anne Boleyn, einer der Frauen des Königs Heinrich VIII., abserviert und enthauptet, als der eine andere fand. In ihrem Schlafzimmer findet Diana ein Buch über Anne. Als sie sich später heimlich - eine Vogelscheuche namens Bertie vermittelt - in ihr Elternhaus schleicht, tritt Anne ihr als Erscheinung entgegen. Lauf los, rät sie ihr. Es würde nicht viel fehlen zur Erlösung, zum glücklichen Ende, nichts als ein Wunder.

Spencer, 2021 - Regie: Pablo Larraín. Buch: Steven Knight. Kamera: Claire Mathon. Schnitt: Sebastián Sepúlveda. Setdesign: Guy Hendrix Dyas. Musik: Jonny Greenwood. Mit: Kristen Stewart, Jack Farthing, Richard Sammel, Amy Manson, Sally Hawkins, Sean Harris, Timothy Spall. DCM, 117 Minuten. Kinostart: 13. 01. 2022

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