bedeckt München 21°

"Porträt einer jungen Frau in Flammen" im Kino:Kunst als weibliche Selbstermächtigung

Héloïse (Adèle Haenel) und Marianne (Noémie Merlant) verlieben sich ineinander.

(Foto: Alamode/Wild Bunch)
  • Die Regisseurin Céline Sciamma erzählt in "Porträt einer jungen Frau in Flammen" die Liebesgeschichte zwischen einer Malerin und ihrem Modell Ende des 18. Jahrhunderts.
  • Beim diesjährigen Filmfestival in Cannes erhielt der Film den Preis für das beste Drehbuch, hätte aber auch den Regiepreis verdient.

Von Philipp Stadelmaier

Als die Malerin die junge Frau, die sie porträtieren soll, zum ersten Mal sieht, rennt diese weg. Raus aus dem Haus auf der windigen Insel in der Bretagne, hin zu den Klippen. Die Malerin, sie heißt Marianne, rennt hinterher. Die junge Frau wird immer schneller, rast auf die Klippen zu, als würde sie springen, doch kurz vor dem Abgrund hält sie an und wendet sich um zur Malerin, die außer Puste hinter ihr steht. "Das wollte ich schon lange machen", sagt die junge Frau. "Sterben?", fragt die Malerin. "Nein. Rennen."

Wir sind an der französischen Atlantikküste, um das Jahr 1770. Die Frau, die davonrennt, heißt Héloïse (Adèle Haenel). Gerade ist sie aus dem Kloster zu ihrer Mutter zurückgekehrt, nachdem ihre Schwester kurz vor ihrer Hochzeit gestorben war - bei einem Sturz von den Klippen. Nun soll sie den Platz der Schwester einnehmen und verheiratet werden. Man hat die Malerin von Paris an die Küste bestellt, um das Porträt der jungen Frau anzufertigen, das den zukünftigen Ehemann im fernen Italien von ihren äußeren Vorzügen überzeugen soll.

Man hat sie auch herbestellt, um auf Héloïse aufzupassen, sie zu kontrollieren. Denn das Kloster hat Héloïse nur ungern verlassen. Sie hat keinerlei Lust zu heiraten. Weswegen Marianne, die Malerin (gespielt von Noémie Merlant), allen Grund hat anzunehmen, dass sie springen wollte. Schon der Tod der Schwester, so hat das Dienstmädchen angedeutet, sei kein Unfall gewesen. Wie sie darauf komme, fragt Marianne. Ganz einfach, antwortet das Dienstmädchen. "Sie hat nicht geschrien."

Dass die Filmemacherin Céline Sciamma für ihren neuen Film "Porträt einer jungen Frau in Flammen" beim diesjährigen Filmfestival in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, kann bei solchen Dialogen nicht überraschen. Mit nur wenigen Worten werden Abgründe skizziert, in die die Figuren hineinstürzen oder vor denen sie gerade noch zum Stehen kommen. Und es braucht auch nur wenige Worte, weil der eigentliche Abgrund in diesem Film nicht in der Sprache, sondern im Bildlichen liegt, in dem, was man nicht beschreiben kann, sondern was man sehen muss.

Die Legende von Orpheus und Eurydike ist sehr präsent in diesem Filmdrama

Zunächst malt Marianne Héloise "blind", denn Héloïse soll nicht mitbekommen, dass sie gemalt wird. So muss Marianne, die ihr als Gesellschafterin vorgestellt wird, ihr Modell bei gemeinsamen Spaziergängen an der Küste studieren, um sie später aus dem Gedächtnis zu zeichnen. Schließlich ist das Porträt fertig. Marianne gesteht Héloïse, wer sie ist, und zeigt ihr das Porträt. Das, sagt Héloïse, sei nicht sie. "Ich wusste nicht, dass Sie Kunstkritikerin sind", entgegnet Marianne. "Ich wusste nicht, dass Sie Malerin sind", erwidert Héloïse. Da nimmt Marianne ein Tuch und zerstört das Gemälde. Die Mutter ist entsetzt, gewährt ihr aber noch eine Chance. Sie wird für einige Tage auf Reisen gehen, bei ihrer Rückkehr hat das Bild fertig zu sein. Héloïse bietet nun von sich aus an, für Marianne Modell zu sitzen. Das Porträt wird zum Vorwand für die beiden Frauen, Zeit miteinander zu verbringen. Die Fertigstellung muss hinausgezögert werden. Während dieser Zeit kommen sie sich näher, trinken, nehmen Drogen, schlafen miteinander. Sie kümmern sich um die Dienstbotin, die schwanger ist und mit ihrer Hilfe ihr Kind abtreibt. Und sie lachen viel.

"Man muss zu zweit sein, um lustig zu sein." Diesen Satz sagt Marianne einmal zu Héloïses Mutter. Marianne wird auch Héloïse bald zum Lächeln bringen und dieses in ihrem Porträt festhalten. Freude und Arbeit gehen Hand in Hand. Man muss zu zweit sein, um ein Bild, ein Porträt zu machen. Auch Sciamma führt in ihrer Inszenierung beide Frauen ganz eng zusammen: Einmal sehen wir Mariannes Profil im Vordergrund, das Héloïses Profil genau verdeckt.

Im Grunde hätte die Filmemacherin in Cannes auch noch den Regiepreis verdient gehabt. Sie identifiziert sich in ihrer Inszenierung mit der Arbeit der Künstlerin, mit ihrer Arbeit an Héloïses Porträt, aus der die Liebe entsteht. Das Porträt, das die Malerin herstellt, drückt ebenso den Blick der Malerin aus wie den Blick der Porträtierten; der Blick der Filmemacherin hält beide zusammen. Diese intime Verschränkung zweier in sich versunkener, in einem Porträt vereinter Blicke ist das Kraftzentrum der Liebesgeschichte.

Héloïses Porträt ist ebenso wie Sciammas Film eine Studie über die (Selbst-)Darstellung von Frauen. In ihrem vorherigen Film "Mädchenbande" hatte Sciamma die Geschichte einer jungen schwarzen Frau aus der Pariser Banlieue erzählt, die der sexistisch-rassistischen Realität um sich herum ihre Energie und Fantasie entgegenstellte. Dabei wurde die Protagonistin noch sehr auf ihre soziokulturelle Rolle festgenagelt. Der neue Film handelt hingegen vom Widerstand gegen das Patriarchat, das Frauen als Hochzeitsmaterial ansieht, nicht als unabhängige Künstlerinnen. Kunst wird zur weiblichen Selbstermächtigung, Männer erscheinen nur in Nebenrollen. In einer Szene verbrennt Marianne ein früheres Hochzeitsporträt von Héloïse, angefertigt von einem Mann. Die Bilder von Frauen, die von Männern oder für Männer gemacht werden, müssen früher oder später in Flammen aufgehen.

Daher ist die Arbeit am Porträt weniger die Arbeit an einem konkreten Gemälde, sondern an einer Erinnerung. Die Geschichte von Orpheus und Eurydike ist sehr präsent in Sciammas Film. Auf dem Weg aus der Unterwelt dreht sich Orpheus nach seiner Geliebten um - und verliert sie dabei für immer. Sie lebt nur in seiner Erinnerung fort. Man muss zu zweit sein, um ein Porträt zu machen, um sich zu verlieben und um sich zu verlieren.

Portrait de la jeune fille en feu, F 2019 - Regie, Buch: Céline Sciamma. Kamera: Claire Mathon. Mit Noémie Merlant, Adèle Haenel, Luàna Bajrami. Alamode/Wild Bunch, 122 Minuten.

© SZ vom 31.10.2019/luch
Kinostart - 'Das perfekte Geheimnis'

Kino
:Todsünde aus dem Telefon

Was passiert, wenn man bei einer Dinnerparty alle Nachrichten auf den Smartphones laut vorliest? Es wird auf jeden Fall unterhaltsam - wie in "Das perfekte Geheimnis" von "Fack ju Göhte"-Regisseur Bora Dagtekin.

Von Doris Kuhn

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite