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Rhetorik und Macht:Worte, die vergiften

Demonstration themed with the slogan '#unteilbar' (indivisible) in Berlin

Für die Freiheit der Kritik, gegen Rassismus und Antisemitismus: '#unteilbar'- Demonstration Mitte Okttober in Berlin

(Foto: REUTERS)

Die Formel "Politisch korrekt" ist das Morsezeichen der Denkfaulen. Es bespöttelt die Werte der Gleichheit und der Würde, die den Kern der Demokratie ausmachen.

Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewusster ich mich ihr überlasse", schreibt Victor Klemperer in "LTI - Notizbuch eines Philologen", und ergänzt: "Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da." Vielleicht haben sich wirklich viele den Worten unbewusst überlassen und nicht bemerkt, wie sie nach und nach alles vergiften, wie die Rede von der "politischen Korrektheit", wie Arsen, nach und nach alles zerstört.

Anfangs mag es mitunter Ausdruck eines nachvollziehbaren Unmuts darüber gewesen sein, dass jede noch so unbedachte Äußerung mit einer Hermeneutik des Verdachts belegt werde, dass jeder Irrtum, jedes Unwissen, jede Ungeschicklichkeit sofort als Beleg tiefster Verfehlungen und also als "politisch unkorrekt", gegeißelt werde. Aber davon ist nichts mehr übrig. Kaum jemand weiß mehr, wann der Begriff entstanden ist, welche Bedeutungen ihm einmal innewohnten. "Politisch korrekt" ist eine bloße Chiffre geworden, seiner eigenen wandelvollen Geschichte beraubt. Es ist gegenwärtig das wirkmächtigste Instrument der Diffamierung eines Gegenübers. Das Urteil, etwas oder jemand sei "politisch korrekt", ist die Kurzformel, die signalisieren soll, mit den kritischen Einwänden einer anderen Person oder Position brauche man sich nicht auseinanderzusetzen, deren Zweifel, Hinweise, Gründe können missachtet werden, weil sie, nun, "politisch korrekt" seien. "Politisch korrekt" ist das Morsezeichen der Denkfaulen, mit dem sich reflexhaft alles abwehren lässt, was eingeübte Überzeugungen oder Habitus infrage stellen könnte.

Es ist ein geschickt arrangiertes Ensemble aus Worten und Motiven, die gemeinsam all jene diskreditieren wollen, die sich auf Menschen- und Bürgerrechte beziehen. Sie werden bespöttelt als "Moralisten" - als müsse sich rechtfertigen, wer das Grundgesetz für ein schützenswertes Gut hält. Diejenigen, die unter Religionsfreiheit nicht nur Respekt vor katholischer und protestantischer, sondern auch vor jüdischer oder muslimischer Frömmigkeit verstehen, die Armut nicht nur für ein Problem der Umverteilung, sondern auch der Anerkennung halten, diejenigen, die Stigmatisierung von bestimmten Körpern oder bestimmten Familien kritisieren, werden als "Gutmenschen" verhöhnt - als sei Zynismus neuerdings ein Ausweis der Kultiviertheit.

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Dabei purzeln die Vorwürfe munter durcheinander: Mal wird bemängelt, die "politisch Korrekten" seien "elitär" und "weltfremd", dann wiederum gelten sie als zu sehr in der Welt verhaftet und unfähig, in ästhetischen Kategorien zu denken, mal wird unterstellt, die "politisch Korrekten" verstünden die Nöte der Menschen nicht, dann wiederum, wenn sie Nöte adressieren, wird das als "Identitätspolitik" folklorisiert und als zimperlich infantilisiert.

Nur manche sollen als "echte" Deutsche zählen, nur manche Personen ihre Ängste artikulieren

Die widersprüchlichen Zuschreibungen, die mit dem Label "politisch korrekt" verbunden sind, entblößen die klammheimliche Ideologie der Hierarchisierung von Menschen. Es sollen nur manche als "echte" Deutsche zählen, nur manche Frauen als "richtige" Frauen gelten, es sollen nur manche Personen ihre Ängste artikulieren, nur manche Gruppen ihre Rechte selbstbewusst wahrnehmen dürfen. Die anderen werden als "wütend", "humorlos" oder "kosmopolitisch" diskreditiert. Der Vorwurf der "politischen Korrektheit" ist nur noch ein menschenverachtender Code, der jene "ab ins Körbchen" kommandieren will, die es wagen, die Würde tatsächlich aller Menschen für unantastbar und die Grundrechte wirklich aller für unveräußerlich zu halten.

Das Fatale ist nicht allein, dass dies genau der politischen Absicht der rechtsextremen Bewegungen und ihrer politischen Marionetten entspricht. Der Trigger-Begriff des "politisch Korrekten" (ähnlich wie der der "Umvolkung" oder des "Genderwahns") war immer schon Kern jenes Product-Placements, das das eigene antidemokratische, völkisch-autoritäre Dogma unbemerkt ins Herz der Gesellschaft transportieren wollte. Da ist es nun angekommen. Alice Weidel und Björn Höcke können sich gelassen zurücklehnen, weil der rhetorisch-affektive Kitt zwischen den rechtsradikalen Fanatikern und der bürgerlichen Mitte jetzt auch ohne ihr Zutun wirkt.

Der Schaden zeigte sich spätestens nach den Anschlägen von Halle: Wenn ein frauenverachtender, antisemitischer, rassistischer Rechtsextremist an Jom Kippur ein Massaker anrichten will, bevorzugt an Juden, aber hauptsächlich an "Nicht-Weißen", wenn er schließlich eine Frau kaltblütig ermordet und in einem Döner-Kebab-Laden einen jungen Mann - dann ist das analytische Instrumentarium der Gegner der "politischen Korrektheit" gespenstisch untauglich, die Realität einer solchen Tat zu beschreiben - und die Opfer gleichwertig zu betrauern. Wer praktisch gelebte Gleichheit nicht ertragen kann, hat keinen Begriff des Gesetzes mehr. Denn ins Gesetz ist die Idee der Gleichbehandlung eingeschrieben.

Deshalb reicht es nicht, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nur dann zu registrieren, wenn gerade ein terroristischer Anschlag verübt wurde, es reicht nicht, "Nie wieder" zu deklarieren, wenn im Alltag immer wieder jene Hierarchisierungen von Menschen als "echte" oder "unechte", als "von hier" oder "Gesindel", als "zugehörig" oder "anders" toleriert werden. Es reicht nicht, sich auf einmal für Rassismus und Antisemitismus zu schämen, wenn im Alltag schamlos all jene alleingelassen werden, die sich ihm in Schulen oder Vereinen, in Kirchen oder Clubs entgegenstellen. All die vollmundigen Erklärungen und Maßnahmen gegen rechtsradikale, völkische Fanatiker nützen nichts, wenn gleichzeitig all jene Bürgerinnen und Bürger herablassend bespöttelt werden, für die Respekt vor anderen keine elitäre Zumutung, sondern eine soziale Selbstverständlichkeit bedeutet. Es ist trostlos, dass das Plädoyer für universale Menschenrechte, für rechtsstaatliche Institutionen und politische Vernunft mittlerweile als radikale, randständige Position gilt.

Kolumne von Carolin Emcke

Carolin Emcke, Jahrgang 1967, ist Autorin und Publizistin. Im Jahr 2016 wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Alle Kolumnen von ihr lesen Sie hier.