Politik:Türkische Pegida

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Demo von Erdogan-Anhängern in Köln

Die türkische Pegida fühlt sich in keiner deutschen Partei aufgehoben. Demo von Erdoğan-Anhängern am 31.07.2016 in Köln.

(Foto: dpa)

Viele Deutschtürken im Erdoğan-Rausch erinnern an enttäuschte Russlanddeutsche, die auf Deutschland schimpfen. Der Unterschied: AKP-Fans stellen in ihrer Community die Mehrheit.

Von Tim Neshitov

Wenn Grünen-Chef Cem Özdemir vor einer türkischen Pegida warnt, dann ist das eine griffige Bezeichnung für etwas, was seit Jahren schon da ist: Der Frust der Deutschtürken, die sich von Deutschland innerlich verabschiedet haben. Enttäuschte gibt es in jeder Gesellschaft, bei einer Pegida aber schlägt Enttäuschung in Verachtung und Wut um.

Neben Türken, die Deutschland lieben, leben hier auch Türken, die dieses Land leider von Herzen verachten. Manche von ihnen haben sogar einen deutschen Pass. Deutschland ist in ihren Augen ein Land voller Lügenmedien und schwacher Politiker, die einen Volkshelden wie Recep Tayyip Erdoğan nur dämonisieren, weil sie es mit ihm nicht aufnehmen können.

Dieses Weltbild wurde auf rotbeflaggten Pro-Erdoğan-Demonstrationen der letzten Jahre immer wieder sichtbar, nun erlebt es seine Sternstunde. Die türkische Pegida zu soziologisieren, ist schwer. Ihr Zorn richtet sich nicht nur gegen Merkel und die Presse, nicht nur gegen Kurden, Aleviten und die Gülen-Bewegung. Zu dieser Pegida gehört auch die Überzeugung, man kämpfe für und nicht nur gegen etwas, zum Beispiel für Demokratie. Deswegen stoßen auch Menschen dazu, die ernsthaft denken, Erdoğan sei ein Demokrat.

Déjà-vu? Es erinnert an radikal enttäuschte Russlanddeutsche

Allem Anschein nach hat den Begriff "türkische Pegida" als Erster Ali Ertan Toprak verwendet, Vorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschlands. In einem Interview mit der Welt im vergangenen November führte Toprak den Begriff aus: "Über Jahre hinweg wurden in Deutschland Strukturen aufgebaut, die ein einziges Ziel verfolgen. Sie sollen hiesige Gegner der türkischen Regierungspartei AKP bekämpfen und für den nationalistisch-islamistischen Kurs in der Türkei werben."

Die Enttäuschung der Deutschtürken wird offensichtlich von der Türkei aus gelenkt. Die "Strukturen", die dabei auffallen, die beiden Unionen mit den schwer einprägsamen Namen - die Union Europäisch-Türkischer Demokraten und die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) - weisen solche Vorwürfe routiniert zurück. Das Milieu ist aber da, am sichtbarsten in Gestalt der permanenten Pro-Erdoğan-Party auf Facebook und Twitter, bei der sich jeder wie der Hauptredner vorkommen darf, und bei der sehr viel mehr Galle fließt als etwa bei der jüngsten Kundgebung in Köln.

Déjà-vu? All das erinnert tatsächlich an die radikal enttäuschten Russlanddeutschen, einen weiteren Teil der Gesellschaft, der gerne auf das Land schimpft, das es nicht vorhat zu verlassen. Die enttäuschten Russlanddeutschen ließen zuletzt im Januar von sich reden. Damals behauptete ein dreizehnjähriges russlanddeutsches Mädchen aus Berlin-Marzahn, Lisa, es sei von "Südländern" entführt und vergewaltigt worden, woraufhin Russlanddeutsche vor das Kanzleramt zogen und nicht nur dorthin. Es rumorte deutschlandweit. Man protestierte gegen Merkels Flüchtlingspolitik und gegen eine deutsche Polizei, die an einer Aufklärung von Lisas Vergewaltigung nicht interessiert sei. Der russische Außenminister prangerte von Moskau aus "Vertuschung" an.

Wie sich herausstellte, wurde das Mädchen weder entführt noch vergewaltigt, aber die aufgeheizten Demonstrationen haben dreierlei gezeigt. Erstens fühlen sich einige Russlanddeutsche derart unwohl in Deutschland, dass sie sich nach Wladimir Putins starker Hand sehnen, wohlwissend, dass diese Hand zum Beispiel in Sachen Wohlstandsverteilung in Russland konsequent versagt hat.

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