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Oper:Kuss als Erlösung

Parsifal in der Wiener Staatsoper

Verzweifelt auf der Suche nach Erlösung: Elīna Garanča als Kundry, Nikolay Sidorenko als der vom Regisseur erfundene "Der damalige Parsifal". Und ganz hinten Jonas Kaufmann als Parsifal.

(Foto: Michael Pöhn / Wiener Staatsoper)

Der doppelte Parsifal: Der russische Regisseur und Dissident Kirill Serebrennikov inszeniert Wagner aus der Ferne - und stellt Jonas Kaufmann in der Titelrolle ein Schauspieldouble an die Seite.

Von Reinhard J. Brembeck

Jetzt also Wien. Der Dirigent Philippe Jordan wurde 1974 in Zürich geboren und war bis vor Kurzem der Musikchef der Pariser Opéra, wo er sich elf Jahre als Anti-Star und umfassender Repertoirekenner etablierte, ohne allerdings je Sternstunden herbei zu musizieren. An der Wiener Staatsoper arbeitet er seit dieser (Lockdown-)Spielzeit als Musikdirektor ohne Livepublikum und bewies jetzt in der auf Arte Concert fürs dreimonatige Nachstreamen festgehaltenen "Parsifal"-Premiere, dass er schon ganz angekommen ist in Wien. Dass er von den Wiener Musikern geliebt wird und dass auch der Sachse Richard Wagner zutiefst im Herzen ein Wiener ist und war, zumindest als Musiker.

Jordan und seine Mitwiener ließen die letzte, rätselhafteste und beste Oper Wagners zügig und in einem Guss aufleben, in einem klar konturierten, aber weichen und warmen Klang. Das vermittelte sich so zumindest vier Stunden lang aus den klapprigen Lautsprechern des Laptops, obwohl beim Zuschauen nach und nach die Sehnsucht schmerzlich übermächtig wurde, diesen Klang endlich wieder live in der Staatsoper zu erleben, wo die Fortissimostürme die Balkonbesitzer aus ihren Sitzen fegen können und die leisen Passagen Magie und Erotik hauchen. Was man sich vor dem Bildschirm aus der Erinnerung dazu reimen muss.

Kirill Serebrennikov ist ein politisch agierender Filmemacher und Regisseur, er war in Moskau Theaterleiter und wurde wegen angeblicher Veruntreuung von Staatsgeldern 2017 verhaftet, angeklagt und verurteilt. Der heftig wegen vieler Unstimmigkeiten kritisierte Prozess löste eine bis heute nicht abgerissene Solidaritätsbewegung ("Free Kirill!") aus, die Serebrennikov zu dem in Kunstkreisen derzeit berühmtesten Dissidenten machte. Die Verfolgung durch die russischen Staatsmächte hat ihn aber nicht daran gehindert, von Moskau aus Opern zu inszenieren, via digitaler Hilfsmittel und vor Ort agierender Gehilfen. Erstmals kam so 2018 Mozarts "Così" in Zürich heraus, jetzt hat er aus der russischen Ferne den "Parsifal" gedeutet, wenig überraschend als eine Befreiungsoper.

Wagners Machomännertruppe, die sich im Zeichen des ominösen Grals mit Weltverbesserungsprojekten beschäftigt, aber aufgrund einer seltsamen Erkrankung ihres Chefs Amfortas handlungsunfähig herumsitzt, ist in Serebrennikovs Lesart eine Gang von Gefängnisinsassen in Russland. Es ist eine Situation, die unter den Einschränkungen durch Seuche und Politik auch dem westlichen Zuschauer unangenehm vertraut vorkommt. Der Regisseur, der auch Bühne und Kostüme erdacht hat und über der Szene auf drei Leinwänden triste Schwarzweißfilme zeigt, lässt die gefangene Menschheit dealen, schlägern, sich langweilen. Ein strenger Typ namens Gurnemanz, der dauernd etwas zu singen und sehr viel Rätselhaftes zu erzählen hat, sorgt ein wenig für Ordnung, wenn er nicht gerade seine Mitgefangenen tätowiert: Alle sind von ihm gezeichnet. Georg Zeppenfeld macht das alles grandios. Seine Stimme gehorcht ihm in jeder Lage, sie glänzt in der Höhe, besitzt unabweisbare Autorität, mischt Drohung mit Erlösungssehnsucht.

Jeder Ton in diesem Stück lechzt nach Erlösung

Dann ist da diese seltsame Dame, Kundry, eine elegante Frau in diesem Unterschichtsmännerhaufen. Sie wird von den Gefängniswärtern respektiert, sie verteilt mehr oder weniger heimlich Medikamente, sie ist immer ein Rätsel. Zumal sie auch als Chefin eines Modemagazins arbeitet, in dem nur Frauen beschäftigt sind. Rätselhaft auch ihre Beziehung zu einem Herrn namens Klingsor: Ist das der Gefängnischef, der Chefredakteur oder Verleger, soll es gar Putin sein? Wolfgang Koch singt ihn als impotenten Macho, der Kundry wie ein Edelzuhälter behandelt, weshalb sie ihn kurzerhand über den Haufen schießt. Das gerechte Ende eines Schufts.

Elīna Garanča zeigt diese Kundry als eine Frau in den mittleren Jahren, die genauso wie all die Männer um sie herum auf der Suche nach dem Lebenssinn ist. Garanča hält sich singend und spielend fern von allen Opernklischees, sie sucht in der Schönheit ihres Mezzosoprans die Erlösung, doch sie wird sie nur in der Liebe finden, in der Liebe zu dem Gefängnisobergauner Amfortas. Eine frühe Liaison der beiden muss bitter geendet sein, Amfortas versucht sich seither regelmäßig selbstzumorden, das Blut nässt sein Hemd und die Verbände an den Armen. Ludovic Tézier leidet gefasst nach innen, er umkreist singend immer nur die Vergangenheit, den Moment, in dem seine große Liebe zu Kundry in die Brüche ging, warum auch immer.

Jeder Ton in diesem Stück lechzt nach Erlösung, alle Klänge und jede Phrase sind hymnisch mit der Zuversicht getränkt, dass es diese Erlösung geben wird. In der Wirklichkeit, im Hier und Jetzt und nicht erst in einem fernen Elysium. Dieser ganz besondere Tonfall macht aus dem "Parsifal" ein Werk, das alle Kunstanstrengung ausmerzt, sie zumindest unkenntlich macht. Blickt man nur ein paar Millimeter unter die aus Christentum, Buddhismus, Mittelalterkindereien, Antisexromantik und Frauenfeindlichkeit geklitterte Oberfläche, dann entdeckt man genau jenen sanft jubelnden Humanismus, den die Musik unaufhörliche vier Stunden aus nur wenigen Motiven dauergeysiert.

Kaufmanns Parsifal ist ein Buchhalter des Glücks

Und dann kommt er, der Erlöser, Parsifal. Bei Serebrennikov erscheint da nicht nur Jonas Kaufmann, sondern auch dessen Double, der ephebenhaft schöne Nikolay Sidorenko. Kaufmann ist ein in die Jahre gekommener Parsifal, der sein Erlösergeschäft routiniert erledigt und die Gefängnisinsassen zuletzt in die Freiheit der russischen Wälder entlässt und der Kundry mit Amfortas - durch ihren Kuss von seinen Leiden geheilt - wieder als gealtertes Traumpaar zusammenbringt. Kaufmanns Parsifal ist ein Buchhalter des Glücks, der Glaube an seine Mission ist ihm abhanden gekommen. Zumal Kaufmann auch diese Rolle zuverlässig wie immer singt, dunkel im Timbre, ein wenig herrisch und abweisend, in manchen effektvoll zurückgenommenen Hochtönen gequetscht.

Kaufmann fehlt aller Irrsinn, um das kindliche Außer-der-Welt-Sein des Parsifal darstellerisch und stimmlich zu beglaubigen. Parsifal aber ist anders als Tristan oder Otello kein Mann dieser Theaterwelt, da er vom Kind direkt zu einer in Wagners Fantasie geschmiedeter Emanation Jesu mutiert, indem er vor Frau, Erotik und Sex davonläuft. Der Wahnwitz dieser grandios in Musik umgesetzten Gedankenführung schimmert bei Kaufmann nie durch.

Deshalb muss der in Moskau geborene und in Deutschland lebende Theater- und Filmschauspieler Nikolay Sidorenko als "Der damalige Parsifal" (so steht es auf der Website der Staatsoper), als Kaufmanns Alter Ego antreten. Ohne zu sprechen, ohne zu singen. Allein durch sein Spiel und seine Erscheinung erfüllt Sidorenko all jene Träume, die Wagners Parsifal im Hörer jemals erweckt hat. Kein Wunder, dass Elīna Garančas Kundry diesen Jüngling gar nicht mehr aus ihrem Kuss freilassen will, der dauert und dauert.

Das Hellsichtigwerden im Kuss, das Wagner auf dem Partiturpapier fordert, wird ja im gängigen Opernkuss zweier Sänger nie offenbar. Hier aber, im Kuss zwischen der Meistersingerin und dem Großschauspieler, wird dieses Motiv endlich einmal sinnlich nachvollziehbar. Doch hier begreift nicht nur Parsifal, dass er Amfortas erlösen muss, das begreift da auch Kundry. Durch diesen Kuss und seine Folgen aber erlöst Serebrennikov den "Parsifal" aus der Aura der Frauenfeindlichkeit und der Erotikphobie.

© SZ
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