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"ParaNorman" im Kino:Fasziniert von zappelnden Skeletten

Das Nike-Imperium seines Vaters hatte Travis Knight nie interessiert, statt seinen Körper zu trainieren, tüftelte er lieber im Keller an erst mal eher unbeholfen animierten Kreationen. In den Zeiten vor dem Internet war er auf seine eigene Phantasie angewiesen und auf die kindliche Lust, Puppen und Spielzeuge zum Leben zu erwecken.

Einen besonderen Zauber übten von Anfang an die Stop-Motion-Animationen auf ihn aus, King Kong, der sich das Empire State Building hochhangelt, die zappelnden Skelette von Ray Harryhausen.

Die Stop-Motion-Animation, die nicht mit gezeichneten, sondern mit wirklichen Objekten und Puppen arbeitet und in der jedes einzelne der 24 Filmbilder pro Sekunde millimetergenau eingerichtet und adaptiert und bewegt werden muss, mag heute wie ein Anachronismus anmuten.

Doch im Laika-Studio, das nach dem sowjetischen Hund benannt ist, der als erstes Lebewesen ins All flog - "ein einfaches kleines Tier, das die Sterne berührte" - werden mit der alten Technik neue filmische Effekte verwirklicht: "Man kann das mit den Malern des neunzehnten Jahrhunderts vergleichen", sagt Travis Knight: "Als die Fotografie erfunden wurde, war die Malerei plötzlich nicht mehr die beste Methode, um die Realität nachzuahmen.

Für die Künstler war das ein Schock, aber auch eine kreative Befreiung. Jetzt konnten sie impressionistisch malen, Gefühle darstellen, all das malen, was jenseits der sichtbaren Realität liegt. Genauso war es auch im Bereich der Animation - in dem Moment, da die Computer die Realität perfekt imitieren konnten, eröffneten sich neue Möglichkeiten, verrückte Geschichten und extreme visuelle Stile."

Natürlich wird auch bei Laika das Handgemachte unterstützt von den modernen Computertechniken - mit "Coraline" und nun "ParaNorman" haben sie die ersten abendfüllenden Stop-Motion-Filme in digitalem 3 D geschaffen. 3 D ist hier kein oberflächlicher Marketing-Effekt, sondern integraler Bestandteil der Story. Es erlaubt dem eher zögerlichen, bedächtigen Stop-Motion-Bilderfluss, die Räume plastisch aufzubauen, sie mit zaghaften, tapsigen Zombies zu füllen, die unbeholfen und unsicher in der diesseitigen Welt sich zurechtzufinden versuchen.

Triumphe durch Outlaws

Ein Film mit einem nerdigen Helden braucht ein entsprechendes Team. "Als ich das Skript las, hat es mich umgehauen, wie sehr Normans Leben meinem ähnelt. Ich war auch einer dieser sonderbaren, versponnenen Jungs, gehörte nie zu den coolen Kids. Aber ich hatte besondere Talente, die mir Türen öffneten, und das trifft im Grunde auf jeden zu, der bei Laika arbeitet."

Normans Regisseur Chris Butler schrieb das Drehbuch nach eigenen Kindheitserfahrungen, er hatte zuvor an Tim Burtons "Corpse Bride" und "Coraline" seinen Sinn für morbide Atmosphären und schwarzen Humor trainiert. Unterstützt wird er von Sam Fell, der ein bisschen Flair aus dem britischen Aardman-Studio, von seiner Arbeit am computergenerierten "Flutsch und Weg" mitbringt.

Es ist eine reiche amerikanische Tradition des Abseitigen und Ausgesonderten, aus der Travis Knight und seine Leute sich bedienen, von Ray Bradbury bis William Eggleton. Die Triumphe Amerikas kommen von seinen Outlaws. Ein Land, in dem man nicht unbedingt dazugehören muss.

Paranorman, USA 2012 - Regie: Chris Butler, Sam Fell, Buch: Chris Butler. Kamera: Tristan Oliver. Musik: Jon Brion. Im Original mit den Stimmen von Kodi Smit-McPhee, Anna Kendrick, Casey Affleck, Leslie Mann, John Goodman, Eliane Stritch. Universal, 93 Minuten

© SZ vom 23.08.2012/cag/pak
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