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Kino und Corona:Awkward Season

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Am 25. April soll die 93. Oscar-Verleihung stattfinden. Steven Soderbergh wird bei der Show Regie führen - und entscheiden, ob die großen Deko-Oscars aus der Folie dürfen.

(Foto: Mark Ralston/AFP)

Die Oscars, die Grammys und andere Verleihungen finden auch in der Pandemie statt. Irgendwie. Wo bleibt da der Glamour?

Von Susan Vahabzadeh

In diesem Jahr werden zum 93. Mal die Oscars verliehen. Seit der Kinojahrgang 1927 bei der ersten Verleihung 1929 prämiert wurde, sind sie nie ausgefallen. Nicht mal während des Zweiten Weltkriegs wurde eine einzige Zeremonie abgesagt - nach dem Angriff auf Pearl Harbour wurden die Stars allerdings gebeten, sich der entbehrungsreichen Zeit entsprechend anzuziehen. Auch damals, lange vor der ersten Fernsehübertragung, waren schon Fotografen und Kamerateams für Wochenschauen dabei, und so kommt es, dass 1942 der Vorjahressieger James Stewart, der seinen Oscar für "Die Nacht vor der Hochzeit" noch im Smoking entgegengenommen hatte, in Uniform erschien.

Gegen eine Pandemie sind die Oscars bisher noch nicht angetreten. Aber es bleibt dabei: Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences wird ihre Preise verleihen. Wahrscheinlich wird das erst im April passieren, und keiner kann zuverlässig sagen, dass es wirklich eine Präsenzveranstaltung im Dolby Theatre in Los Angeles geben wird. Die Academy wird dort Filme prämieren, die weniger Aufmerksamkeit erzielt haben als je zuvor, weil die Pandemie alles an den Rand gedrängt hat. Aber die Oscars finden statt.

1929, beim zweiten Mal, sah die Oscar-Verleihung noch nach einer großen Dinner-Party aus.

(Foto: Mauritius/World Book In)

Klar ist vor allem eines - die Streamingdienste können sich Hoffnungen auf die Hauptpreise machen. Als Favoriten gelten eine ganze Reihe von Filmen, die auf Netflix oder Amazon liefen, "Ma Rainey's Black Bottom" mit Chadwick Boseman nach einem Stück von August Wilson beispielsweise, "The Trial of the Chicago 7" und "One Night in Miami", die beide von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung handeln. Der Venedig-Sieger "Nomadland" mit Frances McDormand ist allerdings ein traditioneller Kinofilm - und die Geschichte über eine Frau, die nach dem Finanzcrash zu einer Reisenden auf Arbeitssuche wird, gilt beim Branchenblatt Variety als Favorit. Am 3. Februar werden die Nominierungen für die Golden Globes bekannt gegeben - und damit ist die Saison für Prophezeiungen und Zeremonien dann offiziell eröffnet.

Der 25. April, das Datum für die Oscars, gilt in der Branche noch als sicher

Eigentlich ist die Zeit zu Beginn des Jahres für die Unterhaltungsindustrie ziemlich aufregend, besonders fürs amerikanische Filmgeschäft. Erst gibt es die Golden Globes. Ende Januar verfügt man sich nach Park City in Utah zum Sundance Film Festival - das musste die geplanten Vorführungen in Autokinos in Los Angeles absagen und fand diesmal nur virtuell statt. Dann ist die Berlinale dran, und zuletzt geht es zu den Oscars - und irgendwann dazwischen werden die wichtigsten Preise für die Musikindustrie verliehen, die Grammys. 2020 sind diese für die Unterhaltungsbranche wichtigen Termine so gerade eben noch vor der Ausbreitung des Coronavirus durchgerutscht. In diesem Jahr ist alles anders.

62nd Grammy Awards âÄ" Arrivals âÄ" Los Angeles, California, U.S., January 26, 2020 - Billie Eilish

Die Pop-Musikerin Billie Eilish trug schon bei der Verleihung der Grammys im Januar 2020 eine, wenn auch hauchdünne, Maske.

(Foto: Mike Blake/Reuters)

Schon die Verschiebungen an sich sind problematisch - als die Grammys vom 31. Januar auf den 14. März verlegt wurden, kollidierte das mit der Gala der Schauspieler-Gewerkschaft, die daraufhin auf den 4. April wanderte. Die Golden Globes sollen am 28. Februar verliehen werden - schiebt man sie näher an die Oscars, verlieren sie ihren Stellenwert als Oscar-Orakel. Bleiben sie, wo sie sind, werden sie nur als virtuelles Event stattfinden können. Es gibt einen Domino-Effekt.

Anfang Dezember hatte das Branchenblatt Variety verkündet, die Oscars würden auch in diesem Jahr in einer Zeremonie im Dolby Theatre vor Publikum vergeben werden - die Verleihung war zu diesem Zeitpunkt schon auf den 25. April verschoben worden, weil die Academy gehofft hatte, bis dahin wären die Kinos wieder geöffnet. Der 25. April, das Datum für die Oscars, gilt in der Branche noch als sicher. Der Hollywood Reporter zitiert Eric Roth, im Vorstand der Academy, allerdings mit einer sehr verhaltenen Einschätzung: Man "tue alles Menschenmögliche, um irgendeine Art von Oscar-Zeremonie" abhalten zu können. Das schließt eine Verlegung ins Virtuelle schon mal nicht aus.

Auch bei den Grammys wird für unterschiedliche Szenarien geplant

Bei den Emmys, den Fernsehpreisen, wurde im September vorgemacht, dass das durchaus geht. Jimmy Kimmel moderierte, und am Anfang war die Sendung so geschnitten, dass man glatt hätte meinen können, er trete vor Publikum auf. Das war nur ein Gag - allerdings konnte Kimmel vom Studio aus mit vielen Gästen zu Hause so gut via Bildschirm kommunizieren, dass das Ergebnis ganz lustig war. Die diesjährige Oscar-Show soll von Steven Soderbergh inszeniert werden, eine Entscheidung darüber, ob es einen Moderator geben soll oder nicht, wurde bisher noch nicht verkündet. Eine virtuelle Show ohne Moderator - in den vergangenen zwei Jahren haben die Oscars wegen einer Skandalserie bei der Besetzung darauf verzichtet - wäre eine echte Herausforderung.

92nd Academy Awards - Oscars Show - Hollywood

So viele Leute! Ohne Abstand und Masken! Bilder wie dieses vom Oscar-Sieg von Kwak Sin-ae und Bong Joon-ho für "Parasite" 2020 wird es 2021 nicht geben.

(Foto: Mario Anzuoni/Reuters)

Auch bei den Grammys wird für unterschiedliche Szenarien geplant - wobei es am 14. März wohl keineswegs möglich sein wird, eine Show mit Publikum abzuhalten. Harvey Mason, derzeit Präsident der Recording Academy, wird von Entertainment Weekly mit dem Statement zitiert, die Show sei mit Absicht sehr flexibel geplant, damit man "alles berücksichtigen kann, was mit Covid-19 vor sich geht".

Es gibt ja noch eine Option: Vernunft walten lassen. Einer, der sich Hoffnungen machen kann, auf der Bühne des Dolby Theatre stehen zu dürfen, ist der Produzent Marc Platt, dessen Film "The Trial of the Chicago 7" als einer der Favoriten gilt. "Klar", sagt er, "wir wären begeistert, wenn es eine Oscar-Verleihung gibt, aber es sieht nicht so aus, als wäre die Welt darauf gerade angewiesen." Wenn einige Filmkünstler das Highlight ihrer Karriere nicht in großer Robe auf der Bühne, sondern bloß vor einem Computerbildschirm erleben, wird die Welt sich jedenfalls weiterdrehen.

© SZ/khil
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