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Oscar in Grafiken:Weiß, männlich, Netflix

Schon wieder kaum Frauen, schon wieder kaum Nichtweiße - dennoch hält die diesjährige Oscarverleihung ein paar Überraschungen bereit. Ein datenanalytischer Blick auf die 92. Academy Awards.

Von Carolin Gasteiger

Fünf zu null steht es in der begehrtesten Kategorie. Mal wieder ist keine einzige Frau für einen Regie-Oscar nominiert - und das, obwohl im vergangenen Jahr gleich mehrere beachtenswerte Filme von Frauen in den Kinos liefen. "Porträt einer jungen Frau in Flammen" von Céline Sciamma etwa oder Melina Matsoukas' "Queen & Slim". Und vor allem Greta Gerwigs "Little Women". Viele haben damit gerechnet, das Gerwig, die immerhin vor zwei Jahren als beste Regisseurin für "Ladybird" nominiert war, erneut in dieser Kategorie antritt. Umso enttäuschter die Reaktionen. Mit dieser Nicht-Entscheidung für eine Frau bleibt das Missverhältnis von Frauen und Männern in der Kategorie Beste Regie bestehen. Immer noch wurden in der 92-jährigen Geschichte der Academy Awards lediglich fünf Regisseurinnen nominiert. Und nur eine von ihnen, Kathryn Bigelow, hat 2010 schließlich einen Oscar als beste Regisseurin gewonnen, für "Tödliches Kommando - The Hurt Locker".

Allein die Academy, die im Zuge von #MeToo und #OscarsSoWhite vor zwei Jahren mehr Frauen und Nichtweiße in die Jury holte, zu schelten, greift jedoch zu kurz. Denn das Problem liegt tiefer: Im aktuellen Hollywood Diversity Report etwa steht, dass von zehn Regiejobs von US-Filmen lediglich 1,3 von Frauen übernommen werden. Wirft man einen Blick auf weitere Kategorien, die die Arbeit hinter der Kamera auszeichnen, bestätigt sich der Eindruck, dass die Oscars schlicht den Missstand einer ganzen Branche abbilde: Die Filmindustrie wird immer noch von weißen Männern dominiert.

Zu viele nominierte Männer sind das eine. Das andere sind zu wenige nominierte Nichtweiße. Unter den zwanzig Nominierten für beste Haupt- und Nebendarstellerinnen und beste Haupt- und Nebendarsteller ist Cynthia Erivo, die für ihre Hauptrolle in "Harriet" nominiert ist, die einzige Nichtweiße. Im vergangenen Jahr waren fünf nichtweiße Schauspieler unter den Nominierten, unter den vier Gewinnern war schließlich Olivia Colman ("The Favourite") die einzige Weiße.

Auch in anderen Kategorien sind auffallend wenige Nichtweiße nominiert. Von allen 130 Nominierten, ausgenommen die sieben Kategorien, in denen Filme nominiert sind und nicht Personen, sind lediglich 16 nichtweiß, darunter in der Kategorie "Visuelle Effekte" drei Argentinier.

Allerdings konkurriert mit Bong Joon-ho zum ersten Mal ein Südkoreaner um einen Oscar für die beste Regie. Sein Film "Parasite" hat insgesamt sechs Nominierungen und macht die Konkurrenz auch in den Kategorien Szenenbild, Schnitt und Original-Drehbuch zumindest ein bisschen diverser.

A propos "Parasite" - hier ist ein weiteres Detail bemerkenswert. Erst zum sechsten Mal in der Geschichte der Academy Awards ist ein Film zugleich als bester internationaler (früher fremdsprachiger) Film und als bester Film insgesamt nominiert. Bislang haben alle, darunter "Das Leben ist schön" (1999), "Tiger & Dragon" (2001) und Michael Hanekes "Liebe" (2013) in der internationalen Kategorie gewonnen. "Parasite" könnte als erster Film in der Geschichte dieses Muster brechen. Dafür müsste er sich jedoch gegen vielbeachtete Favoriten in der Kategorie bester Film wie Sam Mendes' "1917", "Joker" von Todd Philipps oder eben Greta Gerwigs "Little Women" durchsetzen. Und das wäre selbst für ein aufbruchbereites Hollywood eine wirkliche Überraschung.

Tatsächlich stehen die Oscars in Zeiten, in denen sich Publikum und Branche immer mehr für Serien interessieren, nur bedingt stellvertretend für die Unterhaltungsindustrie. Und so drängen Streamingdienste immer stärker auf die Nominiertenlisten - namentlich in diesem Jahr Netflix.

Mit dem zehnfach nominierten "The Irishman" und dem sechsfach nominierten "Marriage Story" gehören allein zwei der acht nominierten Filme in der Kategorie bester Film zu Netflix. Hinzu kommen "The Two Popes" (drei Nominierungen), die Dokumentationen "American Factory" und "Am Rande der Demokratie", die Animationsfilme "Ich habe meinen Körper verloren", "Klaus" und den Dokumentar-Kurzfilm "Vom Leben überholt". Macht insgesamt 24 Netflix-Nominierungen. Im vergangenen Jahr waren es noch 15, beim traditionellen Filmstudio Disney 17. Der Kampf zwischen Streamingdiensten und dem alten Hollywood ist in vollem Gange. In einem Punkt haben Netflix, Amazon und Co. jedoch schon gewonnen: Was die Diversität betrifft, liegt dem Hollywood Diversity Report zufolge im Fernseh- und Streamingbereich die einzige Hoffnung. Was sich dort gerade tut, könnte "den Weg für einen Neuanfang der kompletten Branche ebnen."

© SZ.de/luch
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