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Brad Pitt und Jennifer Aniston:Es war einmal in Hollywood

26th Annual Screen Actors Guild Awards - Media Center

Brad Pitt und Jennifer Aniston: dieses schüchterne Lächeln von beiden, die sehnsüchtigen Blicke, ihre vorsichtige Berührung!

(Foto: Emma McIntyre/AFP)

Der Rummel um Jennifer Aniston und Brad Pitt vor den Academy Awards zeigt, wie Hollywood bisweilen funktioniert - und was das für die Vergabe der Oscars bedeutet.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es gibt also seit drei Wochen dieses Foto von Jennifer Aniston und Brad Pitt, und weil ein Bild ja bekanntlich mehr sagt als tausend Worte, haben sich die Leute tausend Worte für den Schnappschuss von den Screen Actors Guild Awards ausgedacht: dieses schüchterne Lächeln von beiden, die sehnsüchtigen Blicke, ihre vorsichtige Berührung - die sind doch verliebt! Das Kopfkino liefert Fantasien, was passieren könnte, bei den Academy Awards am Sonntag zum Beispiel: Pitt ist als bester Nebendarsteller nominiert, für "Once Upon a Time in ... Hollywood". Aniston wird, das verkündete die Filmakademie am Mittwoch, nicht als Präsentatorin auftreten, doch sie dürfte natürlich im Publikum sitzen. Dann begegnen sich die beiden während der After Party auf dem Dach des Dolby Theatre und - hach! Es war einmal in Hollywood ...

Was die Leute aber wirklich über Aniston und Pitt wissen, ist: überhaupt nichts. Die beiden, von 2000 bis 2005 miteinander verheiratet, ehe sich Pitt bei den Dreharbeiten zu "Mr. & Mrs. Smith" in Angelina Jolie verliebte, sind die Einzigen, die wissen, was zwischen ihnen los ist - und sie sagen dazu kein Wort.

Das führt zu noch mehr Spekulationen um "Braniston", die übrigens so genannt werden, weil bei der Vorname-Vorname-Variante "Brennifer" die Verwechslungsgefahr mit "Bennifer" (Ben Affleck und Jennifer Lopez, längst getrennt) zu hoch wäre. Es führt aber auch zur Frage: Kann es sein, dass all das Gedöns nur Teil einer ausgebufften Oscar-Strategie ist? Pitt konkurriert in seiner Kategorie mit den Hollywood-Adligen Tom Hanks, Anthony Hopkins, Al Pacino und Joe Pesci; er gilt als Favorit, weil er den Stuntman Cliff Booth mit stevemcqueenesker Coolness spielt. Golden Globe und Screen Actors Guild Award hat er bereits gewonnen, nur: Die Oscars sind der Heilige Gral, und gerade Schauspieler müssen weise agieren, wenn sie gewinnen wollen.

Es ist Awards Season, die ohnehin verrückte Stadt Los Angeles ist in diesen Wochen noch ein bisschen verrückter. Beinahe jeden Tag vergibt irgendwer irgendeinen Preis, und alles kulminiert in dieser einen Nacht, die noch immer die bedeutendste ist. Ein Sieg bei den Oscars ist unbezahlbar - was nicht heißt, dass er nicht käuflich ist. Im Jahr 1957 zum Beispiel hatte der Produzent Bill Doll für "Around the World in Eighty Days" im Madison Square Garden in New York eine ausschweifende "Great Gatsby"-Party für 18 000 Leute geschmissen, inklusive Elefanten, Schampus-Turm und Geschenken für jeden Gast. Es funktionierte.

Pitt hat sich bei Trennungen nicht nur Freundinnen gemacht

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences zählt mittlerweile 8469 Mitglieder, und sie alle dürfen über den besten Film abstimmen. In den Einzelkategorien nominieren nur Mitglieder aus der jeweiligen Zunft die Kandidaten, also bestimmen weniger als 2000 Schauspieler darüber, welche ihrer Kollegen für eine goldene Statue infrage kommen. Es geht um Kunst, doch wie bei jeder Wahl menschelt und eifersüchtelt es auch in Hollywood - und ehrlich gesagt: Pitt hat sich bei Trennungen von Partnerinnen (Juliette Lewis, Christina Applegate, Robin Givens, Gwyneth Paltrow, Aniston und zuletzt Jolie) nicht nur Freundinnen gemacht.

"Man kann brillante Leistungen nicht ignorieren", sagt PR-Experte und Academy-Mitglied Stu Zakim: "Wir sind jedoch alle Menschen, persönliche Gespräche spielen eine große Rolle." Vor drei Jahren galt Casey Affleck ("Manchester by the Sea") als Favorit auf den Oscar als bester Hauptdarsteller, dann tauchten Vorwürfe der sexuellen Belästigung auf. "So was kann einen umbringen", sagt Zakim: "Hätte Affleck nicht gewonnen, dann allein deswegen." Affleck gab den ungerechtfertigt Beschuldigten und nie Verzweifelnden, entschuldigte sich jedoch bei jeder Gelegenheit für die Aufregung - und gewann den Oscar.

Wer nun aber glaubt, dass prominente Schauspieler allesamt in Laufweite voneinander in den Hollywood Hills wohnen, der irrt gewaltig. Pitt kann nicht einfach an Haustüren klopfen und um Stimmen bitten, zumal die Regeln der Academy mittlerweile strenger sind. Das führt zu der Beobachtung, dass über Promis heutzutage weniger bekannt ist als über Normalsterbliche, die ja oftmals ihr komplettes Leben bereitwillig auf sozialen Medien teilen. Star-Accounts sind meist kuratierte Marketing-Plattformen, wirklich äußern müssen sich Promis nur beim Bewerben ihrer Filme (wo Fragen nach ihrem Privatleben abgewimmelt werden) oder auf diesen Award-Veranstaltungen, und das führt direkt zu Pitt.

Cynthia Erivo, Brad Pitt

Brad Pitt mit der ebenfalls für einen Oscar nominierten Cynthia Erivo - und einem Namensschild.

(Foto: AP)

Der Film von Quentin Tarantino ist eine Hommage auf Hollywood, wie es mal gewesen ist und nie wieder sein wird, das kommt gut an bei Leuten, die dieses Hollywood selbst erlebt haben. Nicht vergessen: Es stimmen ausschließlich Leute aus der Filmbranche ab, nur 14 Prozent der Academy-Mitglieder sind jünger als 50 Jahre. Pitt gibt sich also seit Monaten charmant-bescheiden. "Ich werde mich zurückhalten", hatte er schon im September auf die Frage gesagt, ob er denn für sich selbst werben werde: "Das würde eher das Gegenteil bewirken." Beim Mittagessen der Nominierten im Ray Dolby Ballroom trug er gar ein Namensschild - als würde irgendwer nicht wissen, wer er ist.

Pitt, 56, legt gerade ein Meisterwerk in augenzwinkernder Selbstironie hin, allein dafür sollte er einen Oscar bekommen. Nirgends war das so offensichtlich zu bestaunen wie bei den Screen Actors Guild Awards: Er wird als bester Nebendarsteller ausgezeichnet und scherzt erst einmal, dass er diese Trophäe eines nackten Typen zu seinem Profil auf dem Dating-Portal Tinder hinzufügen werde. Dann hält er ein Loblied auf die Schauspielerei und bedankt sich bei all seinen "Brüdern und Schwestern" dieser Zunft. Über seine Rolle sagt er in Anspielung auf all die Gerüchte über die gescheiterte "Brangelina"-Beziehung: "Seien wir ehrlich: Das war eine schwierige Rolle. Ein Typ, der high ist, sein Shirt auszieht und nicht mit seiner Frau klarkommt - ganz schön weit hergeholt."

Besser kann man eine Dankesrede nicht halten, und es geht weiter: Hinter den Kulissen zwar, doch begleitet von Kameras, verfolgt er auf einem Monitor, wie Aniston ebenfalls ausgezeichnet wird. Pitt wirkt stolz, gerührt, vielleicht sogar ein bisschen verliebt, und dann begegnen sich die beiden für diesen Augenblick, der millionenfach geteilt wird: Die mögen sich noch (oder wieder), sie gönnen einander Erfolge, alles gut - wo ist nochmal der Stimmzettel für die Oscars?

Die Academy Awards sind die glamouröseste Veranstaltung des Jahres, traurige Gesichter sind unerwünscht, die Gestaltung des Sitzplans ist so, als müsste man eine Tischordnung für eine Hochzeit mit 3300 Gästen festlegen. Niemand soll neben jemandem sitzen, den er nicht leiden kann, mit dem er einst verbandelt oder der mit dem gleichen Partner liiert war. Das ist bei Pitt eine nahezu unlösbare Aufgabe, bereits bei den Golden Globes sagte er: "Jede Frau, die neben mir steht, wird zu meiner Freundin erklärt." Schnitt auf Aniston, die fröhlich lacht. Hach!

Pitt hat bereits angekündigt, keine Begleiterin zu den Oscars zu bringen. Es soll nicht der Abend des Roter-Teppich-Promis werden, sondern der des grandiosen Schauspielers, der nun endlich den Oscar bekommt. Es gibt viele Möglichkeiten, sich um die Statue zu bemühen, die 15-Millionen-Dollar-Kampagne für "Million Dollar Baby" im Jahr 2005 etwa oder Leonardo DiCaprios Wird-aber-Zeit-Strategie vor vier Jahren. Wer sich ein bisschen umhört in Hollywood auf all den Veranstaltungen rund um die Oscars, der erfährt: Besser als Pitt in diesem Jahr kann man es nicht machen, er dürfte am Sonntag belohnt werden. Es war einmal in Hollywood ...

© SZ/ick
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