bedeckt München

Oscar-Moderator Neil Patrick Harris:Er will, das fällt auf, gemocht werden

Eine kleine Geste, gewiss. Niemandem, außer vielleicht Fryman selbst, wäre aufgefallen, dass Harris die Kollegin vergessen hatte. Doch nun bemerkte jeder im Saal, wie wichtig es ihm war, sich wirklich bei jedem zu bedanken. Er ist der liebe Kerl von Hollywood - und das vielleicht nicht nur aus Berechnung. Er will nicht polarisieren oder verstören. Er will, das fällt auf, gemocht werden. Natürlich mag in Los Angeles offiziell jeder jeden. Doch Harris mögen die Kollegen sogar dann, wenn die Aufnahmegeräte ausgeschaltet sind und das Lästern beginnt. Über den Goldjungen lästert niemand.

Harris wird in die Kaste der Hollywood-Berühmtheiten nicht hineingeboren, er stammt aus Albuquerque in New Mexico, die Eltern sind Anwälte und besitzen ein Restaurant. Der Sohn kommt jedoch früh mit der Unterhaltungsindustrie in Berührung. Von 1989 an spielt er den minderjährigen Arzt Doogie Howser in der gleichnamigen Fernsehserie, er wird zum Teeniestar, er spielt in Kinofilmen ("Starship Troopers"), Serien ("Will and Grace") und Broadway-Stücken ("Proof") mit. Weltweit bekannt wird er schließlich durch die Rolle des Schwerenöters Barney Stinson, die er von 2004 an in "How I Met Your Mother" verkörpert. Harris gibt den oberflächlichen Frauenhelden, das Schlitzohr mit einem, natürlich, goldenen Herzen. Das Internet ist bis heute voll mit Barneys Lebensweisheiten.

Präsent, ohne aufdringlich rüberzukommen

Die Frauenheldenrolle war schon deshalb lustig, weil Harris bereits seit 1989 weiß, dass er schwul ist. Auch dazu gibt es eine goldige Geschichte. Harris spielte in einer Folge der Krimiserie "B.L. Stryker" mit. Hauptdarsteller: Burt Reynolds. Der habe ihn nach einer Szene auf den Mund geküsst. "Die Mitarbeiter dachten, dass es ziemlich lustig war", schreibt Harris in seiner Autobiografie. Aber ihm sei das unangenehm gewesen: "Ein Kuss von Burt Reynolds lässt dich schwul werden."

2006 macht er seine sexuelle Neigung öffentlich, 2014 heiratet er seinen Kollegen David Burtka. Mittlerweile leben die beiden in Harlem, zusammen mit ihren von einer Leihmutter ausgetragenen Zwillingskindern Gideon Scott und Harper Grace. "Wir haben Sperma von mir und David in zwei Eier gepflanzt. Wie durch ein Wunder haben beide funktioniert", sagt Harris: "Wir sind beide Eltern, und ich liebe beide Kinder bedingungslos."

Es sind diese zuckersüßen Geschichten und das Fehlen jeglicher Skandale, die Harris so beliebt machen. Dazu kommt ein geschickter Umgang mit der Öffentlichkeit. Harris ist präsent, ohne aufdringlich rüberzukommen.

"Die schauen alle so weiß aus."

Direkt vor den Oscars etwa gibt es keine Pressekonferenz, die öffentlichen Auftritte sind dosiert und kurz. Harris nennt in Entertainment Weekly seine Lieblingsfilme (darunter den Kinderklassiker "Die Goonies"), er lässt Architectural Digest sein Haus filmen. Dazu immer wieder mal kurze Ankündigungen auf der Oscars-Homepage: "Es wird eine musikalische Einlage geben, es könnte auch etwas Magie vorkommen." Das war's.

Vermeintliche Affronts werden als Streiche eines Schlawiners gewertet. Direkt nach dem Mittagessen im Beverly Hilton etwa veröffentlichte Harris ein Selbstporträt mit den Nominierten und schrieb darunter: "Die schauen alle so weiß aus." Ein Hinweis darauf, dass die Nominierungen in diesem Jahr doch recht hellhäutig ausfielen: unmissverständlich, aber zugleich nicht aggressiv, sondern witzig. Das ist Neil Patrick Harris.

Bei der Oscar-Verleihung haben übrigens erst zwei Menschen live "Fuck" gesagt: 2011 passierte es der Schauspielerin Melissa Leo, ein Jahr später dem Regisseur T. J. Martin. Beide mussten sich danach entschuldigen. Es wird ganz sicher einen Neil-Patrick-Harris-Moment geben bei dieser Oscar-Verleihung. Nur welchen? Vermutlich würde Hollywood sogar lachen, wenn er auf der Bühne die F-Bombe zünden würde. Der Goldjunge darf das.

© SZ vom 21.02.2015/khil
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema