Oscar-Kandidat "Kollektiv":Schweine zum Tanzen bringen

Oscar-Kandidat "Kollektiv": Ein Kerzenmeer der Trauer nach dem katastrophalen Brand des Clubs Colectiv in Bukarest 2015, mit dem der Film "Colectiv" beginnt.

Ein Kerzenmeer der Trauer nach dem katastrophalen Brand des Clubs Colectiv in Bukarest 2015, mit dem der Film "Colectiv" beginnt.

(Foto: Vadim Ghirda/AP)

Eine Brandkatastrophe in Bukarest, katastrophale Korruption in den Krankenhäusern: "Kollektiv - Korruption tötet", Alexander Nanaus dokumentarische Anklage gegen den Mafia-Staat, ist Rumäniens Kandidat für die Oscars - und in der ARD-Mediathek zu sehen.

Von Fritz Göttler

"Hier brennt was", sagt der Mann auf der Bühne des Nachtclubs, es ist Andrei Găluț von der Metal-Band Goodbye to Gravity, und richtet den Blick nach oben, "das ist nicht Teil der Show". Sekundenschnell breitet das Feuer sich aus, die Zuschauer geraten in Panik, der Saal hat nur einen einzigen Ausgang. 27 Menschen, darunter alle Bandkollegen von Andrei, sterben beim Brand im angesagten Club Colectiv in Bukarest in der Nacht des 30. Oktober 2015, und es gab 180 Verletzte. Mit dieser schrecklichen Nacht beginnt Alexander Nanau seinen Dokumentarfilm "Colectiv", auf Deutsch: "Kollektiv - Korruption tötet".

Der Film lief auf dem Filmfestival Venedig 2019, wurde mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet und ist der rumänische Beitrag für den Oscar des besten internationalen Films 2021. Hierzulande ging er wegen der geschlossenen Kinos fast unter, er lief unter dem Titel "Kollektiv - Korruption tötet" im MDR. International aber tauchte er in vielen Top-Ten-Listen der Kritiker auf, Indiewire nannten ihn gar einen der "besten Journalistenfilme aller Zeiten". Bis Mitte April ist er noch in der ARD-Mediathek zu sehen - man sollte die Chance nutzen.

Von den Brandopfern, die man nach der Katastrophe in diverse rumänische Kliniken gebracht hatte, starben in den folgenden Wochen noch einmal 37 - eine unglaubliche Zahl. Sie starben nicht direkt an ihren Verbrennungen, sondern an multiresistenten Keimen, die sie sich bei der Behandlung in diesen Kliniken zugezogen hatten. Diese sei, war offiziell versichert worden, ausgezeichnet, europäischer Standard.

Colective

Mirela Neag und Cătălin Tolontan, Journalisten der "Gazeta Sporturilor", bei ihrem Ermittlungen im Film "Colectiv".

(Foto: ARD)

"Kollektiv" wird zum Signal für einen politischen Skandal. Die Gazeta Sporturilor wird auf den Fall aufmerksam - eine Sportzeitung im Boulevard-Format! - der Chefredakteur Cătălin Tolontan, seine Kollegin Mirela Neag und ihr Team fangen an zu recherchieren. Tests ergeben: In den Kliniken des Landes werden Desinfektionsmittel verwendet, die wegen der Gier des Herstellers gestreckt sind, bis zu zehnfach verdünnt und damit unwirksam. Sie konnten die Kranken nicht schützen.

Die Enthüllungen einer Sportzeitung bringen die gesamte Regierung ins Wanken

Der Chef der Firma Hexi Pharma wird verhaftet, er ist verstrickt in ein nationales System von Nepotismus, Schmiergeldern, Korruption, Inkompetenz, das weit in die Politik reicht. Der Geheimdienst war über die Vorwürfe informiert worden, hatte nicht reagiert. Das Stichwort Mafia fällt, schließlich ist der Aufschrei so groß, dass der Gesundheitsminister und mit ihm die gesamte Regierung zurücktreten muss. Ein junger Experte wird als neuer Gesundheitsminister eingesetzt, er soll verlorenes Vertrauen zurückgewinnen: Vlad Voiculescu war vorher Patientenanwalt.

"Die rumänischen Unbestechlichen" hat eine Zeitung über den Film geschrieben. "Die Unbestechlichen" hieß in unseren Kinos Alan J. Pakulas "All the President's Men", der Spielfilm über den Watergate-Skandal, und wie Reporter der Washington Post ihn aufklärten. "Kollektiv" ist anders, pures Dokumentarkino ohne Kommentarstimme, und doch mehr, geht an jenen Punkt, wo die Theorie gern das Dokumentieren vom Erzählen scheidet.

Der Film macht seine eigene Unsicherheit zum Thema, die eigene Ungläubigkeit. "Ich fühlte mich nicht vorbereitet", erzählt Alexander Nanau, "da war diese Frage, wo und wann man aufhören sollte zu drehen ... man hoffte, dass man die richtigen Entscheidungen treffen würde, den richtigen Figuren folgen."

Als Klinikchef hat man in Rumänien eine höchst einträgliche Position, die Regularien, nach denen die Posten vergeben werden, sind lächerlich, das Auswahlverfahren sei der Versuch, Schweine zum Tanzen zu bringen. Das sagt Vlad Voiculescu, der neue Minister, der mehr politische Transparenz versuchen will. Man sieht ihn auch hinter die Kulissen, bei internen Besprechungen - offenbar hat er den Filmemachern erlaubt, überall dabei zu sein.

Colective

Ein junger Experte wird eingesetzt, er soll verlorenes Vertrauen wiederherstellen: Vlad Voiculescu war vorher Patientenanwalt.

(Foto: ARD)

Vlad versucht die Postenvergabe neu zu regeln, fachliche Kompetenz statt Schmiergelder und schwarze Konten. Die Politik mokiert sich: "Wen sollen wir für Testuntersuchungen denn heranziehen, geehrter Herr ... Außerirdische?" In offenen Wunden der Patienten werden Würmer gefunden. Der Chef von Hexi Pharma stirbt bei einem Verkehrsunfall. Haben die Ermittlungen ihn in den Suizid getrieben? Vlad wird von Auftritt zu Auftritt melancholischer.

Natürlich gibt es klassische Elemente des politischen Thrillers, beim Observieren auf den Straßen oder beim Umgang mit Whistleblowern. Bei den Konferenzen über die richtige Strategie stehen Kaffeebecher und Teller mit Gebäck auf dem Tisch. Als Vlad sich mit einem wichtigen Zeugen per Telefon abstimmen will, schiebt er zwischendrin beim Verhandeln ein paar Happen eines Fertiggerichts in den Mund.

Auch der Dokumentarfilm weiß, was es bedeutet, für die Kamera zu spielen

Den Mythos der objektiven, der unsichtbaren Kamera hat der Dokumentarfilm schon seit Langem aufgegeben. Hier steht die Kamera im Zentrum des Koordinatennetzes, sie richtet den Blick aus, definiert den Raum, und die Menschen wissen um ihre Präsenz. Auch der Dokumentarfilm weiß, was es bedeutet, für die Kamera zu spielen. Der junge Minister - er erinnert in seiner schüchternen Jugendlichkeit an Edward Snowden - spielt, wenn er seine Nervosität bekämpfen will, mit Stiften in seiner Hand.

Colective

Tedy Ursuleanu ist eine der Überlebenden der Nacht im Club, sie zeigt ihre Verbrennungen in Performances.

(Foto: ARD)

Und er weiß, dass das alte System noch lange nicht besiegt ist. Seine Macht reicht nur bis zu den nächsten Wahlen, und irgendwann schlägt das korrupte System zurück, es gibt anonyme Drohungen gegen die Journalisten und ihre Familienangehörigen.

Zusammen mit Tedy Ursuleanu bildet Vlad Voiculescu das Paar, um das der Film untergründig kreist. Tedy ist eine der Überlebenden der Nacht im Colectiv, mit schrecklichen Narben am ganzen Körper und im Gesicht, eine Hand ist zum Stumpen verbrannt. Den Film hindurch sieht man, wie sie sich aufs Weiterleben vorbereitet, einmal wird ihr eine Fingerprothese angepasst. Und dann stellt sie in stillen Performances ihren Körper zur Schau, die Fotos werden auf einer Vernissage präsentiert, die auch Voyeurismus erlaubt. Da treffen sie sich dann, der junge Minister und die junge Frau, verbunden durch die Arbeit an den Schmerzen.

Colectiv, RU/LUX 2019 - Regie, Buch, Kamera: Alexander Nanau. Co-Drehbuch: Antoaneta Opris. Schnitt: Dana Bunescu. Mit Cătălin Tolontan, Tedy Ursuleanu, Vlad Voiculescu. 109 Minuten, ARD Mediathek, bis 15. April.

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