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Oscar 2020:Wird schon passen

Arbeiter bei den Vorbereitungen zur Oscar-Verleihung 2020 in Los Angeles

(Foto: AFP)
  • Nach vier Jahren harter Anstrengung durch Neuberufungen ist die Oscar Academy immer noch zu 84 Prozent weiß und zu 68 Prozent männlich.
  • Die Gewinnerkür verursacht außerdem kaum mehr Aufruhr: Es gibt wenig Raum für wirklich absurde Entscheidungen, gegen die man leidenschaftlich und mit guten Argumenten protestieren könnte.

Von Susan Vahabzadeh

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences wurde 1927 gegründet - das macht sie zu einem Traditionsunternehmen, und wie alle Traditionsunternehmen verändert sie sich nur langsam. So hallte auch in diesem Jahr, als die Academy die Nominierungen für die 92. Oscars bekannt gab, wieder ein Aufschrei durch die Medien. Es wurde, wie schon 86 Mal zuvor, keine Frau in der Regie-Sparte nominiert, und in allen wichtigen Kategorien ist der Hashtag #Oscarssowhite, der die Academy 2016 in hektische Veränderungsversuche stürzte, immer noch aktuell.

Andererseits ist der Südkoreaner Bong Joon-ho als bester Regisseur und bester Drehbuchautor nominiert, sein Film, die bissige Sozialsatire "Parasite" außerdem als bester fremdsprachiger Film - und als bester Film überhaupt. Heißt das nicht, dass sich die Oscars geöffnet haben fürs Weltkino, was daran liegen könnte, dass die Academy in den letzten Jahren mehr stimmberechtigte Mitglieder aus dem Ausland aufgenommen hat? Nein, eigentlich nicht: Seit Jean Renoirs "La Grande Illusion" 1939 auf Französisch um die Haupttrophäe konkurrierte, ist das immer wieder mal geschehen.

Nach vier Jahren harter Anstrengung durch Neuberufungen ist die Academy immer noch zu 84 Prozent weiß

Die Academy ist ein Spiegel der Industrie, nicht der Gesellschaft - und sie war 2015 so weiß (zu 92 Prozent) und männlich (zu 75 Prozent), dass sie sich viel Mühe geben musste, sich langsam einer Zusammensetzung anzunähern, die für die amerikanische Bevölkerung repräsentativ ist. Nach vier Jahren harter Anstrengung durch Neuberufungen ist sie immer noch zu 84 Prozent weiß und zu 68 Prozent männlich. Kein Wunder, findet April Reign, die #Oscarssowhite startete, dass die Nominierungen sich nicht verändert haben.

Die Prognosen besagen dann auch, dass "Parasite" am Sonntagabend im Dolby Theatre in Hollywood nicht Gesamtsieger wird, sondern eher als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet wird. Als bester Film, da sind sich Branchenblätter und Wettbüros einig, hat "1917" von Sam Mendes die besten Chancen, ein Drama über den Ersten Weltkrieg, das sich auf zwei britische Soldaten konzentriert und so konzipiert ist, als bestünde es nur aus einer einzigen, zweistündigen Aufnahme. Als beste Darstellerin gilt Renée Zellweger als gesetzt, die in "Judy" eine der tragischsten Figuren Hollywoods verkörpert, Judy Garland. Joaquin Phoenix sollte den Oscar als bester Schauspieler bekommen, für seinen mitreißenden Auftritt in "Joker". Der Film ist mit elf Nominierungen theoretisch auch der Favorit, mehr Nominierungen hat keiner. Die reine Menge will aber nichts heißen - so könnte beispielsweise das Mafiaepos "The Irishman" von Martin Scorsese auch leer ausgehen, obwohl es in zehn Sparten nominiert ist - dieselbe Zahl wie "1917" und Quentin Tarantinos "Once Upon A Time in Hollywood".

Überhaupt waren die Prognosen früher mit mehr Fachsimpelei behaftet, und die Ergebnisse verursachten mehr Aufruhr. Das scheint vorbei zu sein: Der letzte Aufruhr, den es bei den Oscars gab, war weniger der Entscheidung an sich geschuldet als ihrer Präsentation - als vor zwei Jahren erst einmal der falsche Film ausgezeichnet wurde. Um in diesem Jahr richtig Aufregung zu verursachen, müsste schon Warren Beatty auf die Bühne treten und den noch am ehesten umstrittenen Anwärter auf den besten Film, "Jojo Rabbit" auszeichnen. Alles andere ginge schon in Ordnung: Ob nun "Parasite" oder Greta Gerwigs "Little Women", das Scheidungsdrama "Marriage Story" oder "The Irishman": Es gibt wenig Raum für wirklich absurde Entscheidungen, gegen die man leidenschaftlich und mit guten Argumenten protestieren könnte; all diese Filme haben ihre Verdienste. Bei den Darstellern sieht es ähnlich aus - wenn Scarlett Johansson für "Marriage Story" an Zellwegers Stelle träte, wäre auch keiner empört.

Da schaut man fast nostalgisch auf die großen "Upsets" der Vergangenheit, beispielsweise die Verleihung von 1955, als der echten Judy Garland der Oscar als bester Hauptdarstellerin prophezeit worden war, endlich, für "A Star is Born". Klappte dann aber nicht, stattdessen gewann Grace Kelly - aber auch nicht für die beiden Klassiker, die sie im Vorjahr gedreht hatte, "Das Fenster zum Hof" und "Bei Anruf Mord", beide von Alfred Hitchcock, sondern für einen weitgehend vergessenen Film namens "Ein Mädchen vom Lande". Hitchcock war nie ein Darling der Academy, und ihren Siegerfilm hatte Kelly noch schnell fast nebenbei gedreht.

Wirklicher Mut zum Risiko, wurde der bei den Oscars mal belohnt? Eher nicht

Das erzeugte durchaus Irritationen, genauso wie die Entscheidung im Rennen von 1975, zwischen Al Pacino für "Der Pate II" und Jack Nicholson für "Chinatown". Keine der beiden legendären Performances gewann, sondern der Außenseiter Art Carney für den längst vergessenen Film "Harry und Tonto". Oder, der Klassiker unter den Oscar-Kontroversen: Der erste Teil der Boxer-Saga "Rocky" mit Sylvester Stallone wurde 1977 als bester Film prämiert, was erst einmal ganz okay klingt, die Konkurrenten aber waren drei wahre Schwergewichte: Sydney Lumets "Network", Alan J. Pakulas "All the President's Men / Die Unbestechlichen" und Martin Scorseses "Taxi Driver".

Die Macher dieser drei Filme waren, jeder auf seine Art, große Risiken eingegangen. Martin Scorsese kommentierte in "Taxi Driver" den desolaten Zustand Amerikas am Ende des Vietnamkriegs, Sidney Lumets "Network" ging hart mit dem amerikanischen Fernsehen ins Gericht, was auch damals schon als verwandtschaftliche Nestbeschmutzung ausgelegt wurde, und "All the President's Men" wagte sich an aktuelle Zeitgeschichte heran - die Option auf das Buch von Carl Bernstein und Bob Woodward über den Watergate-Skandal hatte Robert Redford schon gekauft, als noch gar nicht abzusehen war, dass Präsident Nixon tatsächlich sein Amt verlieren würde. Und als der Film ins Kino kam, waren die Wunden noch nicht verheilt. Für diesen Mut gingen alle drei Filme in die Geschichte ein - bei den Oscars nützte er damals nichts.

Dennoch waren diese Filme der ganze Stolz ihrer Studios - und mit ihnen wurde auch Geld verdient. Das ist bei den heutigen Oscarfavoriten nicht immer so. "Little Women" etwa befindet sich zwar in der Gewinnzone, und die hundert Millionen Dollar, die der Film bislang in den USA eingespielt hat, sind durchaus ordentlich für einen Kostümfilm über vier Schwestern im 19. Jahrhundert - aber für Sony, das produzierende Studio, wird im vergangenen Jahr "Spider Man: Far from Home", der 1,3 Milliarden an den Kinokassen eingespielt hat, schon eher das Flaggschiff sein.

Es gibt eine Zweiteilung im Kino, die Einspielkönige und die Filme für die Ewigkeit sind nicht mehr deckungsgleich - und alle Versuche, die Superhelden und ihre Erfolge in die Oscars zu integrieren, führten bisher zu nichts. Würde man, wie es kurz im Gespräch war, für die Kassenschlager eine eigene Kategorie einführen, wäre das für beide Seiten eine Entwertung - es spräche den Blockbustern jede sonstige Qualität ab, und den Filmen in den anderen Kategorien würde das Potenzial aberkannt, ihr Publikum zu erreichen. Ein Dilemma, das dazu geführt hat, dass man nicht mehr so recht weiß, wofür die Oscars eigentlich stehen.

Hollywoods Stolz war es immer, populäre Kunstwerke zu schaffen - und Oscars gab es für jene, die das am besten hinbekamen. Heute ist der Oscarfilm ein eigenes Genre geworden, mit der Trophäe im Hinterkopf konzipiert. Das trifft auf so ziemlich alle diesjährigen Favoriten zu, bis auf "Parasite" vielleicht. Da steht die Welt ein wenig auf dem Kopf - und was das Kino angeht, könnte sie weniger Kalkül und mehr Inspiration ganz gut vertragen.

© SZ vom 08.02.2020/luch

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