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Oper:Der Saubär kommt ans Ziel

Nürnberg
La Calisto

Im Verwaltungstrakt des Mädchenpensionats: Almerija Delic (Diana), Martin Platz (Linfea) und eine namenlose Statistin als Sekretärin (von links).

(Foto: Ludwig Olah)

Dirigent Wolfgang Katschner und Regisseur Jens-Daniel Herzog machen mit Francesco Cavallis "La Calisto" Nürnberg zum Pilgerort für Barockopernfans

Von Egbert Tholl

Freiheit ist auch Verpflichtung; hier wird sie zum Triumph. Der Komponist und venezianische Opernunternehmer Francesco Cavalli arbeitete rasant. Manchmal notierte er, gerade für die instrumentalen Zwischenspiele, nur die Basslinie, was Mitte des 17. Jahrhunderts auch dem Stil des Musizierens entsprach: Man kannte sich aus und improvisierte.

Am Staatstheater Nürnberg leitet Wolfgang Katschner die Aufführung von Cavallis Oper "La Calisto", und die Staatsphilharmonie Nürnberg klingt, unterstützt von Continuo- und Alte-Musik-Profis, als improvisiere das Orchester. Tut es natürlich nicht, alles ist fixiert, aber die Spontaneität des Spiels, die erfindungsreiche Agogik, die Frische des Klangs - all dies erzeugt eine herrliche Unmittelbarkeit. Zudem macht Katschner, was man zu Cavallis Lebzeiten wohl auch machte und was viele Jahre später so entdeckungsfreudige Dirigenten wie René Jacobs taten: Er nimmt Musik hinzu. Musik aus der Zeit Cavallis. Einen Komponistennamen kennt man, Monteverdi, die anderen sind Funde. Und so verschleift sich hier am Ende das Bild vom Sternenhimmel, die Idee von Calisto als unsterbliches Sternzeichen, die Musik Cavallis mit Monteverdis Toccata.

Katschner bietet fürs Continuo auf, was geht, Orgel, Cembalo, Regal, Harfe, Gitarre, Chitarrone, erweitert vor allem die Übergangsmusiken zwischen den Szenen mit den Gastkompositionen, vergrößert die Rolle der Posaunen bis hin zu einem Moment lässigen Jazzgrooves. Die Aufführung macht fabelhaft viel Spaß, auch wegen der einfallsreichen, genauen und sehr flotten Inszenierung des Nürnberger Intendanten Jens-Daniel Herzog.

Schon im Libretto steht: Die Erde ist verdorrt, verwüstet, Jupiter (Jochen Kupfer) soll was tun. Er tut auch was, nämlich sich verlieben. Landet im Dreiteiler mit seinem mafiösen Vorstadtstenzkumpel Merkur (John Carpenter) wie Don Giovanni mit Leporello, hier umhüllt von Autoabgasen, im Mädchenpensionat von Diana (Almerija Delic). Deren Lieblingsschülerin Calisto malt die Tafel voll mit Gleichungen und Diagrammen zu Wind- und Solarenergie. Macht Jupiter sie an, bescheinigt sie ihm: "Saubär. Bei mir kannst du nicht landen." Der Saubär verwandelt sich in Diana und kommt zum Ziel. Was eine Fülle von Verwirrungen auslöst, erst irre lustig, dann auch böse und schließlich sich auflösend in reiner, etwas zu lieblicher Poesie.

Julia Grüter ist ein Geschenk. In die könnten sich alle Götter des Olymps verlieben, weil sie eine herrlich freie und doch extrem gut fokussierte Stimme hat, wunderleicht und voller Klang, und weil sie mit allergrößter Natürlichkeit Calistos Nöte, Sehnsüchte und auch deren Trotz spielt. Herzog renovierte die Sprache und die Rollentypen. Es gibt viel brillanten Humor, von Martin Platz als liebesenttäuschte Lehrerin, Irina Maltseva, John Pumphrey und Wonyong Kang als mopedfahrende Vollidioten. Kupfers Jupiter verführt, falls nötig, im Falsett, Lamerija Delic ist eine Wucht als Diana. Aber auch leibesweich. Zwischendrin flattert David DQ Lee mit seiner Counterstimme, und das Ballett zeigt wütend-lustiges Frauenselbstbewusstsein. Toll!

© SZ vom 07.12.2019
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