bedeckt München 15°
vgwortpixel

Oper:Das hohe C als Lustschrei

Rigoletto

Hofnarr Rigoletto (Aris Argiris) intrigiert gegen den Graf von Ceprano (Holger Ohlmann). Das Spiel wird sich rächen.

(Foto: Christian POGO Zach)

Herbert Föttinger inszeniert "Rigoletto" am Gärtnerplatztheater

Bekifft und sturzbesoffen, muss dieser geile junge Mann erst einmal den Kopf ins kalte Wasser tauchen und sich selbst ein paar Mal mit der flachen Hand ins Gesicht hauen, um wieder klar denken zu können: Nein, seine angebetete Süße wurde ihm nicht geraubt, sondern aus dem Haus ihres Vaters, seines Hofnarren Rigoletto, direkt ins eigene Bett gelegt. Da freilich ist die Liebesgeschichte der beiden schon zu Ende, bevor sie richtig angefangen hat.

Auch wenn Gilda die Sympathieträgerin der Oper und für Regisseur Herbert Föttinger der seelisch verkrüppelte Rigoletto besonders interessant sind, so wird bei Lucian Krasznec vor allem der Herzog von Mantua eine schillernde Figur von heute: ein junger Mächtiger, der keine Verantwortung kennt, nur Lustgier; der aus uneingestandener Angst, man könnte ihn hintergehen und ausschließlich ob seiner Macht schätzen, gleich gar nicht an Treue denkt oder auch nur an Verbindlichkeit. Stets latent aggressiv ist dieser Herzog und dabei ein kleiner Junge, der beim Spielen schnell ans Äußerste geht. Krasznec wächst mit seinem feinen, tragfähigen lyrischen Tenor darstellerisch über sich hinaus, nicht zuletzt, wenn er inmitten seiner aufgegeilten Höflinge das hohe C wie einen geschmeidigen Lustschrei ausstößt.

Dirigent Anthony Bramall und Regisseur Föttinger ziehen an einem Strang, wenn sie das Geschehen auf der wild bewegten, aus verschiedensten Architekturelementen, Fenstern und Treppen bestehenden Drehbühne (Walter Vogelweider) aufheizen und immer wieder ins Grelle und in ein hitziges, gleichwohl nie überdrehtes und vom Gärtnerplatzorchester exzellent gemeistertes Tempo treiben. Selten ist ein Männerchor in Verdis "Rigoletto" ein auch musikalisch so unterleibsgesteuert krakeelender Haufen; selten auch strotzt der zwielichtige Sparafucile, der sich als Mörder des Duca dingen lässt, vor derart derbdreister Jungmännlichkeit wie bei Levente Páll. Seine Edelnutte Maddalena singt und spielt Anna-Katharina Tonauer nicht zuletzt im Dreier mit Krasznec und der intensiven, klangschönen Gilda von Jennifer O'Loughlin famos. Wo sonst im berühmten Quartett des dritten Akts Rigoletto und seine Tochter nur beobachten, wie sich der Herzog an Maddalena ranmacht, liebkosen sich hier im Stehen die beiden Frauen und der Mann wechselseitig: ein ebenso berührendes wie verstörendes Bild, bei dem der Vater naturgemäß außen vor bleibt.

Aris Argiris tritt im ersten Akt als Rigoletto in der Maske eines Jokers wie im Film auf und offenbart mit mächtigem Bassbariton einen Mann, der die Katastrophe herbeiführt mit Geheimniskrämerei vor Gilda und in seiner Funktion als Höfling, der das System des Herzogs stützt, in dem Frauen nur Ware sind. Rigolettos Doppelspiel und sein Hohn über die Männer, deren Töchter und Frauen geschändet wurden, rächt sich schließlich bitter.

© SZ vom 01.02.2020
Zur SZ-Startseite