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Online-Filmfestivals als Notlösung:Ohne Mundschutz

Corona, der Spielverderber: Wie aus dem Dokfest München ein Online-Festival wurde - an dem die berühmte Geigerin Hilary Hahn in Massachusetts ebenso teilnehmen kann wie Zuschauer aus Köln oder Hamburg.

Von Martina Knoben

Als Bayern am 13. März, einem Freitag, alle Schulen schließt und Besuche in Altenheimen verbietet, ist den Leitern des Münchner Dokfests, Daniel Sponsel und Adele Kohout, endgültig klar: Das Festival wird in diesem Jahr nicht stattfinden. Die beiden werfen sich einen Blick zu, sie sitzen zusammen im Büro. Und Sponsel lässt seinen Controller das Festival neu kalkulieren, als Online-Festival, unter anderem ohne die Einnahmen im Kino. Dann geht alles sehr schnell, so schnell wie sich in diesem Corona-März überhaupt alles veränderte, als jeden Tag mehr verboten, geschlossen oder eingeschränkt wurde. Corona, der große Spielverderber. Absagen, verschieben oder online gehen, das waren die Möglichkeiten, die dem Dokfest blieben. Ein Wochenende und einen Tag später hatten Sponsel und Kohout das Festival neu durchgerechnet und mit ihren Hauptgeldgebern, dem Bayerischen Staatsministerium für Digitales und dem Münchner Kulturreferenten Anton Biebl, telefoniert. Beide sagten Unterstützung zu. Am 19. März ging die Nachricht an die Presse: "Das Dokfest München 2020 findet als Online-Festival statt."

Ein Blick auf die Homepage des Festivals, kurz vor seiner Eröffnung an diesem Mittwoch, suggeriert: Es ist alles wie immer. Es gibt dieselben Reihen, vom Internationalen Wettbewerb bis zu den "Münchner Premieren", es gibt den "Marktplatz" als Branchentreff, das Kinder- und Jugendprogramm. Auch alle 14 Preise werden verliehen. Kurz vor dem Festivalstart ist auch im Organisationsbüro des Dokfests alles - fast - wie immer. Der 1. Mai kein Feiertag, dafür gibt es zu viel zu tun. Gesichtsmasken trägt keiner. Die Räume im Kreativquartier am Leonrodplatz sind so weitläufig, dass Abstandhalten leicht möglich ist.

Für Daniel Lang wäre ein Mundschutz gerade auch äußerst unpraktisch. Der Regisseur, der auch als Moderator für das Dokfest arbeitet, trifft in den nächsten Minuten die Geigerin Hilary Hahn, beim Dokfest läuft ein Film über sie, "Hilary Hahn - Evolution of an Artist". "Hilary is coming. Hilary hat sich gerade eingeloggt", kündigt Daniel Lang an. Benedict Mirow ist ebenfalls zugeschaltet, er ist der Regisseur des Films. Gespräche mit Regisseuren und Protagonisten sind die Würze von Filmfestivals, sie finden üblicherweise im Anschluss an die Vorführung im Kinosaal statt. Und wäre es nicht ein besonderer Moment gewesen, die berühmte Musikerin Hilary Hahn live zu erleben? Aber ob sie für einen dreißigminütigen Auftritt eigens angereist wäre? Dass solche Interviews in Corona-Zeiten als Zoomkonferenz stattfinden müssen, hat auch Vorteile.

Szenen des Dokfests: In einem iranischen Frauengefängnis spielt der Film "Sunless Shadows".

(Foto: Dokfest)

In einem kleinen Raum, der schon vom Vormieter, der Münchner Polizei, als Studio genutzt wurde, unter anderem für Schusswaffen-Schulungsvideos, hat nun auch das Dokfest ein Ministudio aufgebaut. Lang sitzt hier vor einem Computer und einem Mikro, sparsam, aber effektiv ausgeleuchtet mit zwei Scheinwerfern, im Hintergrund ist das leuchtendorange Dokfest-Logo zu sehen. Außerdem ein Stehtisch mit zwei Barhockern, was lässige Festivalatmosphäre suggerieren soll. Als ob sich in diesen Zeiten Menschen noch so nahekommen könnten...

Was macht ein Filmfestival aus, ohne große Leinwand und inspirierenden Partyrummel?

Was macht ein Filmfestival aus, wenn nicht nur die große Leinwand, sondern vor allem der inspirierende Partyrummel, die Begegnungen eines gelungenen Publikumsfestivals fehlen? Was unterscheidet "Dokfest@Home", wie das Dokfest in diesem Jahr heißt, vom Angebot eines Streamingdienstes? "Wir sollten nicht nur Filme zur Verfügung stellen, sondern auch eine Programmstruktur und ein attraktives Rahmenprogramm, um ein virtuelles Festivalfeeling zu schaffen", erklärt Sponsel schon im März.

Aber welche Filme kann das Dokfest@Home überhaupt zeigen? Ebenfalls noch im März schreibt Sponsel alle Rechteinhaber der ursprünglich programmierten Filme an. Werden sie auch bei der Online-Edition dabei sein? Und zu welchem Preis? Gebühren für das Abspielen auf Festivals, sogenannte Screening Fees, sind üblich und fallen bei einer Onlineausgabe höher aus, weil die Reichweite größer ist. Man muss ja in diesem Jahr nicht in München sein, um alle Dokfestfilme zu sehen. Ende April steht das neue Festivalprogramm, mit 121 Dokumentarfilmen, 159 waren ursprünglich kuratiert. Einige prominente Premieren, etwa der neue Film von Pepe Danquart, sind auf dem Weg ins Netz verloren gegangen, weil Produzent oder Regisseur keine Online-Premiere wollten. Und auch die Gastland-Reihe - geplant war Kanada -, macht rein im Netz keinen Sinn, ebenso die vorgesehene Retrospektive zur tschechischen Dokumentarfilmerin Helena Třeštíková.

Eine besonders knifflige Entscheidung beschäftigt einen Mitarbeiter des Festivals über Wochen: die für den Server, der es ermöglichen soll, dass Zuschauer über die Webseite des Dokfests Filme als Stream angezeigt bekommen. Diverse Kandidaten sind im Rennen, ihre Eignung wird mit Hilfe eines "Pflichtenheftes" geprüft: Lassen sich Filme mit allen üblichen Endgeräten und Browsern abrufen? Können weit über hundert Filme gleichzeitig gesehen werden? Sind Empfehlungen möglich? Kann der Festivaltrailer abgespielt werden? Und was kostet es? Mehr als 40 Punkte werden abgefragt. Am Ende hat man sich für einen Anbieter aus Berlin entschieden.

Zwischen Hilary Hahn, die sich aus Massachusetts zugeschaltet hat, Benedict Mirow und Daniel Lang hat sich inzwischen ein angeregtes Gespräch entwickelt. Die Leitung ist manchmal "sluggy" oder "buggy", langsam und fehlerhaft, wie Mirow moniert. Er und Hilary Hahn nehmen ihre Aussagen vorsichtshalber auch auf ihren Handys auf. Im Studio zeichnet ein Techniker der Gespräch auf. Wenn die Technik stimmt - und es sieht dann ganz danach aus - werden die Gespräche ungeschnitten ins Netz gestellt, um möglichst viel Live-Atmosphäre zu retten. Wobei "live" in Coronazeiten diverse Bedeutungen haben kann: Sponsel, Lang und eine Mitarbeiterin im Studio witzeln über real live (womit im Dokfestjargon live aufgezeichnet gemeint ist) und "live live", bei dem ein Gespräch zwar aufgezeichnet, aber im Moment der Entstehung schon ausgespielt wird. Auch das bietet das Dokfest an.

Onlinefestivals sind wichtig, viele Beteiligte brauchen die Aufmerksamkeit - und Preisgelder

Online ist Neuland für das Dokfest. Eine terra incognita, die auch andere Filmfestivals gerade betreten. Während Cannes auf unbestimmte Zeit verschoben und das Filmfest München abgesagt ist, wagen gerade die nicht so großen Festivals, etwa die Kurzfilmtage Oberhausen oder das Dokumentarfilm-Festival Visions du Reél in Nyon den Schritt ins Netz. Diese Online-Editionen sind für viele Beteiligte auch mehr als ein Ersatz für ein paar quirlige Festivaltage. Gerade Dokumentar- und Arthousefilmer sind auf die Aufmerksamkeit, die Festivals generieren, angewiesen, auch auf die Preisgelder und Referenzpunkte für die Filmförderung. Daniel Sponsel hatte schon früh einen Antrag an die Filmförderungsanstalt FFA gestellt, das Abspielen auf einem Onlinefestival als Kinovorführung und nicht als Video-on-Demand zu werten. Hier operiere man derzeit in einer "Grauzone", sagt er.

Kurz vor dem Start des Dokfests treibt nun vor allem eine Frage die Beteiligten um: Wie wird es laufen? Zahlen Besucher 4,50 Euro für ein Ticket, um einen Film des virtuellen Festivals zu sehen? "Viele wünschen sich, dass es nicht funktioniert, weil das die Kinos schützen würde", sagt Sponsel. Die Kinos waren schon vor Corona in der Krise und sind es unter den neuen Bedingungen erst recht. Daran ändert auch der Solidaritäts-Euro nichts, den das Dokfest seinen Partnerkinos anbietet: Wer will, kann auf den Preis von 4,50 Euro einen Euro drauflegen, als Kino-Soli. Und sollte das Dokfest im Netz funktionieren - was bedeutet das für die Zukunft des Festivals? So sehr Sponsel dem Erfolg entgegenfiebert - er ist hin- und hergerissen. Womöglich liegt die Zukunft des Dokumentarfilms ja im Netz. Und es ist noch überhaupt nicht klar, ob das nun eine gute oder schlechte Nachricht ist.

© SZ vom 05.05.2020

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