Neue Dokumente über die NS-Zeit Bestien der Besatzung

Die Entdeckung und die späte Publikation dieser Chronik sind einer Kette kaum glaublicher Zufälle zu verdanken. 1960 suchte Robert Scott Kellner, Soldat der US-Army, erstmals seine Großeltern auf, zu denen der Kontakt wegen chaotischer Familienschicksale abgerissen war. 1968 gab der 83-jährige Friedrich Kellner dem damals 27-jährigen Enkel neun der zehn Tagebuchbände mit. Der erste war zu dieser Zeit verschwunden.

Erst 1981 kam Robert Scott Kellner dazu, die Veröffentlichung zu betreiben, die er sich zur Lebensaufgabe machte. Mehrere deutsche Verlage lehnten ab. 2005 gelang endlich ein Durchbruch: Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes wurde das Kellner-Tagebuch in der George Bush Presidential Library in College Station (Texas) ausgestellt.

Der Spiegel berichtete kurz darüber, es folgten Artikel im Gießener Anzeiger und in der Jerusalem Post. Aufmerksam geworden, nahm die Arbeitsstelle für Holocaustliteratur der Justus-Liebig-Universität Gießen Kontakt zu Kellner jr. auf und regte eine Edition an.

In dieser Phase tauchte das verloren geglaubte erste Heft wieder auf, was die Gießener Forscher als "seltenen Glücksmoment für Editionsphilologen" empfanden. Mittlerweile drehte ein kanadisches Filmteam eine Dokumentation, die Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte in Berlin und Bonn die so lange schlummernden Tagebücher Kellners, der nach 1945 wieder aktives SPD-Mitglied war.

Kellner war nicht Historiker, ein Schriftsteller war er auch nicht. Er erfasste die Gegenwart mit einer Methode, die er verfeinernd von Anfang bis Ende durchhielt. Er fing auf Bahnhöfen, in Geschäften, in Wartezimmern, im Gericht, in Nachbardörfern und anderswo Stimmen ein, die er sogleich festhielt.

Quellen waren auch Soldaten auf Urlaub. Einer berichtete am 28. Oktober 1941, er habe in Polen gesehen, wie jüdische Männer und Frauen nackt vor eine Grube getrieben und auf Befehl der SS von hinten erschossen wurden. "Der Graben wurde dann zugeschaufelt. Aus den Gräben drangen oft noch Schreie!"

Der Realität erstaunlich nahe

Dieser Eintrag belegt, dass auch im Hinterland bekannt war, wie das Programm der Ausrottung der Juden ablief und wie bestialisch Deutsche in den besetzten Gebieten wüteten. Schon früh ahnte er: "Die Schandtaten werden niemals wieder ausgelöscht werden können."

Penibel wertete Friedrich Kellner das NSDAP-Hauptblatt Völkischer Beobachter, die Hessische Landeszeitung, die damals bedeutende Abendzeitung Hamburger Fremdenblatt sowie die Deutsche Justiz und die SS-Zeitschrift Schwarzes Korps aus. Die ihm unglaubhaften Propagandameldungen, verschwiegene Tatsachen und Vergleiche verschiedener Aussagen setzte er an seinem Schreibtisch zu einem Gesamtbild über das Alltagsgeschehen in Deutschland wie über das weltweite Kriegsgeschehen zusammen, das der Realität erstaunlich nahe kam.

Das Hauptmotiv Friedrich Kellners war seine demokratische Grundüberzeugung: "Die Zivilisation hängt von der Achtung des Rechtes ab." Aus ihr bezog er die innere Stärke für seine Art des verzweifelten individuellen Widerstands. Er wusste: "Ein Volk, das seine Grundrechte aufgibt, ist ein Scheißhaufen." Er hatte das unstillbare Bedürfnis, das Geschehen aus seiner eingeengten Sicht für die Nachwelt zu archivieren, und die Absicht, heimlich Material für die Bestrafung von Tätern und ihren Gehilfen zu sammeln.

Ein deutscher Patriot

Die Herausgeber haben das Tagebuch mit textkritischen, literaturhistorischen, historiographischen und sprachwissenschaftlichen Anmerkungen angereichert. Einen mitreißenden Text hat Robert Kellner beigesteuert, der seinen Großvater als "einen der wahrhaftigsten deutschen Patrioten" verehrt.

Elf Tage vor dem Ende des Kriegs formulierte Friedrich Kellner sein Bekenntnis: "Unter Gerechtigkeit verstehe ich: Vergeltung und Bestrafung der Sünder. Der Nationalsozialismus muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden." Am 8. Mai 1945 mahnte er: "Wer gar dem nationalsozialistischen System stille Tränen nachweint oder den Versuch macht, in irgend einer Form den Nationalsozialismus wiederauferstehen zu lassen, der ist als irrsinniger Lump zu behandeln."

Diese Erwartungen Kellners haben sich nicht so erfüllt, wie er hoffte. Mehr als 40 Jahre nach seinem Tod ist die NPD, die unsere Verfassung abschaffen will, nicht verboten.

FRIEDRICH KELLNER: "Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne." Tagebücher 1939-1945. Herausgegeben von S. Feuchert, R. Kellner, E. Leibfried, J. Riecke, M. Roth. Wallstein Verlag, Göttingen 2011. 2 Bände, 1200 Seiten, 59,90 Euro.

Der Autor ist Koordinator von Stolpersteine-Projekten in Berlin.

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