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Rekonstruktion von Notre-Dame:200 Tonnen Trümmer

Notre Dame Cathedral in Paris ahead of Easter celebrations to be held under lockdown

Der Schock über das beschädigte Bauwerk sitzt in Frankreich nach wie vor tief.

(Foto: Reuters/Gonzalo Fuentes)

Erst der Brand, dann die Streiks, jetzt das Virus: Wie steht es um den Wiederaufbau des Pariser Wahrzeichens Notre-Dame? Ein Treffen mit dem Historiker Jean-Michel Leniaud.

Von Joseph Hanimann

Über dem Osterfest lag vor einem Jahr in Paris noch der Schatten von Rauchwolken. Die Glocken von Notre-Dame sind seither stumm, die Tore bleiben verschlossen. Umso weiter öffneten sich die Tore der anderen Gotteshäuser, angefangen mit dem neoklassischen Monumentalbau der Kirche Saint-Sulpice als Ersatzkathedrale. Nicht nur sie, sondern auch viele andere Kirchen weit über Paris hinaus werden an diesen Ostertagen aber ebenfalls geschlossen bleiben. Man könnte den Glauben verlieren. Oder ihn vielleicht gerade wiederfinden.

Einen festen Glauben braucht jedenfalls, wer auf eine baldige Wiedereröffnung von Notre-Dame setzt und, wie der pensionierte Armeegeneral Jean-Louis Georgelin, verspricht, am 16. April 2024, auf den Tag fünf Jahre nach dem Brand, werde in der restaurierten Kathedrale ein "Te Deum" gesungen werden. Georgelin ist ein Mann mit martialischem Auftreten und schroffer Rhetorik, ein solider Katholik und treuer Kirchgänger. Er ist der Vertrauensmann Emmanuel Macrons und Chef des im letzten Sommer geschaffenen Etablissement public für die Wiederinstandsetzung von Notre-Dame. Sein Ruf als Außenseiter im Milieu der Denkmalpflege ist für ihn kein Problem, im Gegenteil. Den Chefarchitekten für die Pariser Kathedrale, Philippe Villeneuve, kanzelte er in einer Sitzung des Parlamentsausschusses mit den Worten ab, er solle "die Schnauze halten". Mit seiner Energie und seiner Durchsetzungskraft hat er sich dennoch ein gewisses Ansehen errungen.

Die Arbeit am angeschwärzten gotischen Monument unter dem gigantischen Baukran ist stark in Verzug geraten. 200 Tonnen verkohlte Balken und Gewölbetrümmer sind weggeräumt und sortiert. Die 500 Tonnen des noch vor dem Brand installierten Baugerüsts sind aber immer noch da. Winterstürme, Streiks und nun Corona haben die am Seil operierenden Spezialeinheiten immer wieder daran gehindert, das verbogene Stabknäuel zu zerlegen und abzutragen. Vor dem nächsten Jahr wird die Restaurierung nicht anfangen können. Entsprechend still ist es einstweilen um die Spekulationen geworden, wie Notre-Dame dereinst aussehen sollte. Kaum einer wagt sich mehr mit kühnen Visionen hervor, vielleicht auch aus Angst vor dem Armeegeneral.

Am besten sollten wir das so machen wie die Italiener bei der Restaurierung der Grabtuchkapelle, sagt der Experte

Zwei Fragen werden sich demnächst dennoch aufdrängen. Wie soll der Dachstuhl wieder aufgebaut werden? Originalgetreu aus Eichenholz? Aus Stahl? Aus einem Betonaggregat? Und: Was passiert mit dem abgestürzten Vierungsturm des Architekten Eugène Viollet-le-Duc (1814-1879)? Der Kunst- und Architekturhistoriker Jean-Michel Leniaud hat da so seine eigenen Vorstellungen. Er ist einer der besten Kenner der Kathedrale und des Zusammenhangs von Baugeschichte und Denkmalpflege überhaupt. Seit 2017 ist er zudem Vorsitzender des Freundeskreises der Pariser Notre-Dame.

In einem Land, das sich streitfreudig immer neu in gegensätzliche Lager spaltet, war, so Leniaud, die Pariser Kathedrale stets ein Ort, wo man politisch, religiös, künstlerisch, gesellschaftlich wieder zusammenkam. In Reims wurden die Könige gekrönt, in der Basilika von Saint-Denis wurden sie begraben. In der Pariser Notre-Dame aber hat Heinrich IV. zur Beendigung der Religionskriege seine Glaubensbekehrung zelebriert, hat Napoleon im Beisein des Papsts sich selber zum Kaiser gekrönt, fanden 1918 die Feierlichkeiten zum Ende des Weltkriegs und Totenmessen für die Staatspräsidenten statt. Mehr als der alte Louvre oder der Élyséepalast bot die Kathedrale die Szenerie für das Gegenüber von Herrschern und dem peuple de Paris.

Zugleich war Notre-Dame aber immer auch ein Terrain des Rivalisierens um Einfluss zwischen Klerus und politischer Macht, katholischer Glaubensgemeinde und gemeinem Volk. Für Viollet-le-Duc, den visionären Vollender der Kathedrale im 19. Jahrhundert, war das ein entscheidender Punkt, dem er in seinen Forschungen nachging. Als ein paar Jahrzehnte nach dem um 1160 in Angriff genommenen Kirchenbau der Klerus das teils aus Privatspenden finanzierte Gotteshaus ohne Seitenaltäre, Betbänke und Chorabsperrungen dem profanen Volksgebrauch zu entziehen und für liturgische Zwecke zu nutzen suchte, kam es zu Spannungen. In Reaktion darauf habe Ludwig IX. im Jahr 1246, so Viollet-le-Duc, die königliche Macht über die Kathedrale ausgeweitet, was zur Folge hatte, dass die Spenden der Bürger nachließen. Was nicht gebaut war, wurde nicht mehr vollendet.

Diese romantische Sicht auf das Mittelalter verdient manche Korrekturen. Für Jean-Michel Leniaud ist Viollet-le-Duc dennoch von zentraler Bedeutung. Dieser Architekt, der quer durch Frankreich die mittelalterlichen Bauten nach seiner Idealvorstellung von Gotik, aber mit moderner Technik zurechtrestaurierte, sah - ähnlich wie in Deutschland Karl Schnaase beim Kölner Dom - in der Gotik die künstlerische Vollendung des Christentums. Das Restaurieren betrieb er vorstrukturalistisch als strenge Systemoperation. Jedes Detail vom Blattgesims bis zum Gewölbeschlussstein musste seine Funktion haben. Leniaud spricht von einem "Delirium des Systems", hält Viollet-le-Duc aber gerade deshalb für so interessant und für die Zukunft von Notre-Dame maßgebend.

Sollte die Kathedrale in ein paar Jahren in alter Pracht neu erstehen, wartet schon ein weiteres Problem

Sind damit alle Aussichten auf etwas Zeitgenössisches beim Wiederaufbau ausgeräumt? Am besten sollten wir das so machen wie die Italiener bei der Restaurierung der Grabtuchkapelle nach dem Brand im Turiner Dom, meint Leniaud: "Sie ließen zuerst die Architekten quer durchs Land sich mit Visionen austoben und entschieden sich dann für eine originalgetreue Restaurierung". Ein begehbares Glasdach, hängende Gärten oder Laserstrahltürme über Notre-Dame kann man also vergessen. Mit solchen unmittelbar nach dem Brand aufgeblühten Fantasien ist es wahrscheinlich vorbei. Wachsende Übereinstimmung kommt auf, dass die Gesamterscheinung von Notre-Dame erhalten bleiben soll. Kühner und zeitgemäßer als das Experimentieren mit Formen und Materialien, meint Leniaud, wäre die Suche danach, wie man die Hilfsmittel des digitalen Zeitalters für die Tradition klassischer Konstruktionen nutzbar macht.

Immer mehr Befürworter melden sich auch zur Frage eines originalgetreuen Wiederaufbaus von Viollet-le-Ducs Vierungsturm mit den imposanten Apostelstatuen zu Wort. Laut Leniaud handelt es sich um ein "wahres Meisterwerk", das seit anderthalb Jahrhunderten fest zum Erscheinungsbild von Notre-Dame gehört. Die Kathedrale sei mitsamt den Zusätzen Viollet-le-Ducs von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden und müsse also auch diese Zusätze wiederbekommen.

Der Schock über das beschädigte Bauwerk, dessen statische Dauerhaftigkeit bis heute nicht erwiesen ist, sitzt in Frankreich nach wie vor tief. Eindrücklich sind auch die Touristen aus aller Welt, die seit einem Jahr hinter den Absperrungen ins Leere knipsen. Sollte jedoch in ein paar Jahren die Kathedrale in alter Pracht neu erstehen, wartet schon ein weiteres Problem. Die Ausbalancierung der rivalisierenden Ansprüche auf liturgische, politische, kunsthistorische und touristische Nutzung hat sich abermals verschoben. Dreizehn Millionen Besucher pro Jahr sind für Notre-Dame zu viel. Die Kathedrale braucht ein angemessenes Museum, um den Kirchenraum zu entlasten, mahnt Leniaud. Das angrenzende Hôtel-Dieu, ein seit dem Mittelalter existierendes Krankenhospiz, dessen Räumlichkeiten die Pariser Krankenhausverwaltung teilweise veräußern will, hätte dafür einen geeigneten Ort bieten können. Statt für ein Museum entschied man sich aber für ein kommerzielles Projekt. Ohne kohärente Gesamtplanung auf dem Ostteil der Seine-Insel wäre auch eine noch schöner gewordene Notre-Dame nur eine halbe Freude.

© SZ vom 09.04.2020/luch
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