Nina Hoss über Philip Seymour Hoffman "Er war einer der größten Schauspieler unserer Zeit"

"Wir haben sofort Dinge gefunden, über die wir uns unterhalten konnten." Philip Seymour Hoffman (links) und Nina Hoss in einer Szene von "A Most Wanted Man".

(Foto: Senator Filmverleih)

In dem britischen Agententhriller "A Most Wanted Man" spielt Nina Hoss eine Geheimdienstlerin - an der Seite des jüngst verstorbenen Oscar-Preisträgers Philip Seymour Hoffman. Ein Gespräch über Lüge, US-Filme und einen großartigen Kollegen.

Von Paul Katzenberger

Nina Hoss gilt als eine der gefragtesten Schauspielerinnen Deutschlands, eine der wenigen, die sowohl auf der Bühne als auch auf der Leinwand regelmäßig Erfolge feiern. Die Medien hängten ihr lange das Image der schönen, kalten Blondine an, doch Kritiker loben ihre zurückgenommene, minimalistische Art zu spielen. Sie stellt mit Vorliebe geheimnisvolle Außenseiterfiguren dar, etwa in Christian Petzolds DDR-Drama "Barbara" von 2012, in dem sie als Ärztin auftritt, die von der Stasi drangsaliert wird.

In dem neuen britischen Agententhriller "A Most Wanted Man" nach einem Roman von John le Carré spielt sie nun die Mitarbeiterin eines desillusionierten deutschen Geheimdienstlers: Günther Bachmann, der vom jüngst verstorbenen Philip Seymour Hoffmann in dessen letzter Hauptrolle dargestellt wird, verabscheut die einfachen Wahrheiten seiner Vorgesetzten und versucht gegen alle Widerstände tatsächlichen Gegebenheiten auf den Grund zu gehen. Bedingungslose Unterstützung erfährt er in dem Film unter der Regie von Anton Corbijn dabei von seiner loyalen Mitarbeiterin Erna Frey (Nina Hoss), die ihn für seine Rechtschaffenheit bewundert. Das passt zur Nina Hoss im echten Leben, der der Stern bescheinigte, "allürenfrei und ohne Brimborium einfach einen guten Job zu machen".

SZ.de: In "A Most Wanted Man" treten Sie an der Seite von Philip Seymour Hoffman auf, der im Februar starb. Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit ihm?

Nina Hoss: Er war für mich einer der größten Schauspieler unserer Zeit, wenn nicht sogar der größte. Daher hatte ich vor unserem ersten Treffen großen Respekt. Doch diese Befangenheit hat er mir sofort genommen.

Wie hat er das angestellt?

Er ist unglaublich offen auf mich zugegangen. Die erste Begegnung war die Szene im Auto, in dem man ja wie in einem Druckkasten sitzt, und ich dachte: 'Mein Gott, ich muss mich kneifen, neben dir sitzt Philip Seymour Hoffman.' Doch wir haben sofort Dinge gefunden, über die wir uns unterhalten konnten, zum Beispiel über das Theater. Wir haben uns auf Anhieb verstanden.

Hatte das Auswirkungen auf Ihre Interpretation der Rolle von Erna Frey?

Wir hatten eine ähnliche Sicht auf die Art und Weise, wie wir die Beziehung, die wir im Film zueinander haben, erzählen wollen. Wie die miteinander umgehen, wie die miteinander reden. Weil er begriffen hat, dass Erna Frey das einzige Spiegelbild für ihn ist, durch das er den Günther Bachmann privat zeigen kann, hat er mir Sätze zugeschustert, hat immer gesagt, das muss Nina machen, sonst kommen wir in keinen Dialog. Dafür bin ich ihm sehr dankbar, weil mir das mehr Raum gab, meine Figur zu entwickeln.

Wie haben Sie Hoffman unabhängig von Ihren Film-Dialogen mit ihm als Schauspieler wahrgenommen?

Es war beeindruckend, ihm bei der Arbeit zuzusehen. Wie er sich vorbereitete, und seine Konzentration zu spüren, und das Unbedingte, das er hatte.

Wie blicken Sie auf den Herbst 2012 zurück, als "A Most Wanted Man" gedreht wurde? Heute, nachdem Hoffman tot ist.

Es ist wahnsinnig traurig. Für mich war es erst einmal gar nicht zu fassen, wie für so viele von uns. Ich war einfach geschockt. Als ich den Film auf dem Filmfestival in Edinburgh das erste Mal gesehen habe, habe ich mich ständig daran erinnert. Das letzte Bild von ihm, das ist alles eine einzige Verabschiedung, ohne dass ich es wusste. Vielleicht muss ich mir den Film nochmal ansehen, um das loslassen zu können.

Anton Corbijn, dem Regisseur, geht es ganz anders. Er hat gesagt, dass es für ihn nach dem Tod Hoffmans schwieriger geworden sei, den Film anzusehen. Er begründet das damit, dass ihn die Filmfigur an den echten Hoffman erinnern würde. Er spüre dieselbe Einsamkeit und es sei inzwischen klar, dass Hoffman ähnlich wie seine trinkende Filmfigur nicht gut auf sich aufgepasst habe. Können Sie das nachvollziehen?

Ich fände es vermessen von mir, zu behaupten, ich hätte es gesehen, begriffen oder bemerkt, dass er einsam war oder nicht. Ich kann über Philip Seymour Hoffman in der Hinsicht nichts sagen. Dazu kannte ich ihn nicht gut genug. Ich habe nur etwas gespürt, und das war, dass er ein unglaublich offener, lebenslustiger, intensiver Mensch war.

Also eigentlich nicht so wie seine Figur im Film?

Nein, so habe ich ihn nicht erlebt. Aber ich kannte ihn auch nicht so gut wie Anton und man trägt das ja auch nicht so vor sich her. Die Abende, die ich mit ihm in der Runde verbracht habe, die waren immer sehr lustig und sehr energetisch. Wir haben über Politik diskutiert, über Theaterstücke und Regisseure. Das war immer auch komisch. Wir hatten Freude.

Empfanden Sie ihn als politisch denkenden Menschen?

Er war absolut jemand, der die Dinge kritisch hinterfragt und das auch dem Bachmann mitgab.

"A Most Wanted Man" ist eine sehr deutsche Geschichte, die Schlüsselfiguren des Films sind aber mit Schauspielern aus dem angelsächsischen Raum besetzt, außer Hoffman also zum Beispiel mit Willem Dafoe und Rachel McAdams. Für die deutschen Darsteller im Film, neben Ihnen Daniel Brühl, Martin Wuttke und Rainer Bock, bleiben die Nebenrollen. Ist das nicht sehr unausgewogen?

So ist das Geschäft. Die deutschen Schauspieler haben den Film sicher authentischer gemacht, doch in Amerika kennt uns leider keiner.

Dafür aber in Deutschland. Könnte es das hiesige Publikum nicht komisch finden, dass die wichtigsten Protagonisten durch Ausländer dargestellt werden, die weniger wichtigen aber durch Deutsche, und das in einer deutschen Geschichte?

Die Meisterleistung Philip Seymour Hoffmans besteht ja auch darin, sich vergegenwärtigt zu haben, dass er hier in einem europäischen Film auftritt.

Wie macht sich das bemerkbar?

Europäer spielen anders als Amerikaner, sie kommen aus einer anderen Schule. Die Filme werden anders gefilmt, weil man eine andere Erzählsprache hat, und die kannte er. Und er wusste das auch umzusetzen. Er ist kein Amerikaner, der da durchwütet. Ich finde, es ist eine hervorragende Leistung von ihm.

Meinen Sie, dass er sich vielschichtiger und subtiler gab, als sich viele amerikanische Protagonisten darstellen?

Vor allem meine ich die Brüchigkeit Bachmanns. Dieses Angeschlagene hat er seinen Figuren zwar immer mitgegeben, doch er hätte sich auch für eine andere Art und Weise der Umsetzung entscheiden können. Die, die er gefunden hat, ist einfach sehr klug und sehr europäisch.

An welchen Punkten unterscheidet sich Ihrer Meinung nach die amerikanische von der europäischen Erzählweise?

Ein Aspekt ist sicher das Tempo. Wenn wir vom Arthouse-Kino sprechen, lässt sich der europäische Film Zeit. Es gibt zwar auch amerikanische Filme wie "Meek's Cutoff" von Kelly Reichardt, die eine ähnliche Sprache sprechen. Doch wenn wir von Hollywood-Blockbustern ausgehen, besteht da ein großer Unterschied, der auch eine andere Art und Weise des Spiels erfordert.

Sie verkörpern in "A Most Wanted Man" eine Geheimdienst-Mitarbeiterin. Wie stehen Sie persönlich zur Arbeit der Geheimdienste?

Ich habe nicht gerade das größte Vertrauen in sie. Nach allem, was wir erfahren, müssen wir immer alles hinterfragen. Das ist das, was einem übrig bleibt: Man wird misstrauisch.

In dem DDR-Drama "Barbara", das 2012 herauskam, spielen Sie eine Ärztin, die Opfer der Stasi wird. Hat diese Erfahrung Ihre Interpretation der Rolle von Erna Frey beeinflusst? Sich einmal in das Opfer hineingedacht zu haben, mag einen ja beeinflussen, wenn man dann die "Täterin" spielt.

Nein. Weil beide Filme jeweils in einer anderen Zeit handeln. Ich bin sehr vom Buch ausgegangen (John le Carrés Roman "Marionetten", auf dem der Film basiert; Anm. d. Red.), in der sie ausführlich beschrieben wird. Le Carré zeigt sie aus einer wohlsituierten Diplomaten-Familie stammend, aus Hamburg, hinter ihr steht sehr viel Geld, sie ist Seglerin, und sie muss eigentlich nicht arbeiten.

Das ist in der Tat nicht die Ärztin in "Barbara". Deren Lebenssituation ist ja von Zwängen sehr beherrscht.

Genau. Bei Erna Frey ist das anders. Sie hat sich für diesen Beruf entschieden, und gerade für die Herangehensweise, die Günther Bachmann vertritt. Sie will diesem Mann helfen, in der Art und Weise, wie er vorgeht, weil sie das nicht nur als moralisch richtig empfindet, sondern sogar als effektiver. Weil er an den Kern der Ursachen will und nicht nur an den schnellen Erfolg. Deswegen hatte das etwas für mich zutiefst Westdeutsches und gar nichts mit "Barbara" zu tun.

"Westdeutsch" als Synonym für die freie Entscheidungsmöglichkeit, das stimmt natürlich fast immer in Abgrenzung zur untergegangenen DDR. Doch Parallelen gibt es trotzdem. Denn auch in "A Most Wanted Man" sind die Beschattungssubjekte überwiegend gute Menschen, wie auch in "Barbara".

Abgesehen von Abdullah, ganz zum Schluss (dem Beschatteten; Anm. d. Red.). Aber an einem Punkt sehe ich tatsächlich eine Ähnlichkeit: Erna Frey hat sich noch ein Gewissen bewahrt, während Bachmann sein Gewissen im Alkohol ertränkt.

Einen Sohn gegen den Vater zu benutzen, ist ja auch nicht schön.

Genau. Das ist ihm auch bewusst. Ihm ist klar, in welchen Konflikt das den Sohn stürzt, er weiß aber auch, dass es nötig ist. Diese Arbeit kann einen krank machen. Das ist bei ihm passiert.

Was nicht verwunderlich ist. Denn ob das überhaupt gutgehen kann, mit der Lüge etwas Gutes zu erreichen, ist von Anfang an fragwürdig.

Das ist sicher eine der Grundfragen, die der Film für mich aufwirft: Wie viel rechtfertigt man mit dieser vermeintlichen Terrorgefahr und unterhöhlt dabei die Grundsätze einer Demokratie?

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Filmkritik
"A Most Wanted Man" im Kino

Am Ende seiner Kräfte

In "A Most Wanted Man" wirkt Philip Seymour Hoffman wie ein Mann, der angeschlagen ist, trotzdem kämpft und verliert. Auch im echten Leben hat Hoffman seinen Kampf verloren. So spiegelt der Film das viel zu kurze Leben.