Neues Sarrazin-Buch Eugenischer Weltbürgerkrieg

Es ist ja nicht richtig, dass Thilo Sarrazin als Erster versucht, den Rückstand der islamischen Welt durch Gründe innerhalb des Islam zu erklären. Die islamische Welt selbst zweifelt an ihrer Fortschrittsfähigkeit, spätestens seit Napoleon einen Fuß auf ägyptischen Boden gesetzt hat. Dan Diner beschreibt in seinem Buch "Versiegelte Zeit" mit großer Kenntnis, warum beispielsweise die islamische Welt den Buchdruck verschlief und den Rückstand nie wieder aufholte.

Aber Sarrazin interessiert sich nicht für den Islam als Religion, er interessiert sich für gar keine Religion. Zu seinen interessantesten Vorschlägen gehört die Forderung, den konfessionellen Religionsunterricht in den Schulen durch Ethikunterricht oder, jawohl, liebe Leser im Osten, "Staatsbürgerkunde" zu ersetzen. Für ihn ist der Islam kein Glauben, dem Strom der Geschichte ausgesetzt und veränderbar, sondern ein Schicksal, ein genetischer Defekt, der zu Demokratie-Unverträglichkeit und "unterdurchschnittlichen Bildungsleistungen" führt.

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Die Deutsche Verlagsanstalt will Thilo Sarrazins neues Buch nicht publizieren. Nun streiten Verlag und Autor vor dem Landgericht München. Von Marie Schmidt  mehr ...

Die primitive Koran-Exegese ist nur der Anlass für eine Ausweitung jener biologistischen Kampfzone, die anders als bei seinem ersten Buch nicht nur Deutschland umfasst, sondern den ganzen Kontinent: "Der demografische Strukturwandel und die Verwandlung der Deutschen zur Minderheit im eignen Land vollziehen sich weitaus schneller, als 2010 von mir unterstellt", was die "fühlbare Abnahme der kognitiven Fähigkeiten in Europa" zur Folge habe. Da ist er in seinem Element, kann mit Statistiken, dem CIA-Factbook und "Nettoreproduktionsraten" hantieren, um das Bild eines Kontinents zu entwerfen, der durch hochproduktive muslimische Gesellschaften von Afrika über den Nahen Osten bis nach Zentralasien eingekreist werde. Und so sehr ihn die Knechtung der muslimischen Frau dauert, so suspekt ist sie ihm doch wiederum als Mutter neuer kleiner Muslime.

Auf dem wachsenden Markt für Ängste muss die Dosis immer weiter erhöht werden

Denn irgendwann ist er unübersehbar, der kaum verdeckte Zuchtgedanke, der in seinem ersten Buch selbst wohlmeinende Leser konsternierte. Nur greift Sarrazin diesmal noch weiter aus und entwirft einen demografischen Konflikt im globalen Maßstab, eine Art eugenischen Weltbürgerkrieg. Angesichts dieser drohenden "demografischen Überwältigung" haben Deutschland und Europa mindestens "das Recht, ja sogar die Pflicht" zu handeln.

Aber ob ihm da alle folgen? Dass er in Kriminalitätsstatistiken und bei Bildungsabschlüssen die Religionszugehörigkeit messen will, ist ja das eine, auch das Kopftuchverbot an Schulen hätte sicherlich noch Chancen. Aber die Änderung der Genfer Konventionen? Die Unterbindung jeder Einwanderung von Muslimen? Oder die militärisch erzwungene Abschiebung von Flüchtlingen in die Herkunftsländer? Die Bereitschaft, einen militärischen Konflikt mit Libyen vom Zaun zu brechen, ist womöglich begrenzter, als Sarrazin das hofft.

Deutschland braucht dieses Buch so nötig wie einen Ebola-Ausbruch, und doch ist der Erfolg unabwendbar. Die zweitschlimmste Deutung dafür wäre, dass ein Autor auf einem gewachsenen Markt für Islamängste nur die alten Thesen in höheren Dosen anbietet.

Aber was, wenn viele das Buch gar nicht als Überdosis empfinden? Wenn ein Teil seines Erfolges gar nicht darauf zurückginge, dass die Leser ihre "berechtigten" Fragen an den Islam von Sarrazins biologistischen Übersteigerungen trennen, sondern, umgekehrt, Sarrazin gerade mit der Anrufung alter Ängste um Reinheit und Blut einen Nerv trifft? Wenn also, anders ausgedrückt, manche Vorbehalte gegen den Islam nichts mit Religion oder Kopftuch oder Terror zu tun haben, mit kultureller Überfremdung und schon gar nicht mit westlichen Werten, sondern darin eine uneingestandene Furcht zutage träte, etwas nie Bewältigtes, historisch Vererbtes, was jede Debatte über Integration zur Kulissenschieberei macht? Die Antwort auf diese Frage könnte unerträglich sein.

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