Neues Sachbuch "Ich beschwöre euch Elfen und alle Geschlechter der Dämonen"

Als medizinischer Laie kann man seine Diagnosen schwer überprüfen. Doch plausibel klingen sie allemal. Viel von dem, was Kranke und Verletzte an Sprüchen und Segnungen zu hören bekamen, war demnach therapeutisch sinnvoller, als man zunächst annehmen mag.

Bild aus dem Diözesanmuseum Rottenburg-Stuttgart: Der Heiliger Bernhard von Aosta und der Heiliger Blasius.

(Foto: KNA)

Nehmen wir den Fiebersegen mit den Siebenschläfern von Ephesus: Er rührt von der Legende von sieben christlichen Hirten, die auf Geheiß des römischen Kaisers Decius eingemauert wurden, weil sie seine Götter nicht anbeteten. Fast 200 Jahre später bricht ein Landwirt die Höhle auf, um sie als Schafstall zu nutzen. Die Hirten leben noch, sie haben nur geschlafen. Erzählt die Legende.

Im 9. Jahrhundert ist sie bis Nordfrankreich verbreitet, in einem Codex des Regensburger Klosters St. Emmeram wird sie in einen Segensspruch integriert, zur Therapie gegen Fieber und Schüttelfrost. Durch die Fürsprache der Siebenschläfer möge Gott den Gesegneten beschützen, heißt es da. Wie jene solle der Kranke "nach der Kinder Art im Mutterschoß ruhend weder Mühe noch Schmerz oder Tod spüren". Und so fort. Ähnliche Zeugnisse führt Wolfgang Ernst bis ins 16. Jahrhundert an. Hokuspokus? Mag sein, aber offenbar ein überaus nützlicher. Der Neurologe hält diese Art von Erzähltherapie für tauglich, "einen fieber- und schmerzdämpfenden Ruhezustand zu fördern".

Gegen Augenleiden, Regelblutungen und zur Schmerzlinderung bei Frakturen gab es ebenso Heilsprüche wie gegen Zahnschmerzen und Epilepsie. Wobei sie bei Epileptikern neurologisch betrachtet wirkungslos blieben, denn im bewusstlosen Zustand verarbeitet das Gehirn keine akustischen Signale. Die Sprüche gegen Schlafstörungen klingen hingegen wie ein Exorzismus: "Ich beschwöre euch Elfen und alle Geschlechter der Dämonen, dass ihr zurückweicht vom Diener Gottes N." Zur Wurmvertreibung rekurrierte man auf Hiob aus dem Alten Testament - eine Katastrophengeschichte mit Happy End. Segenssprüche wie diese dienten zumindest als therapiebegleitende Entspannungsmaßnahme.

Ja aber, sagt sich der aufgeklärte Mensch, im Mittelalter waren sie für solchen Zauber noch zugänglich, heute sind wir klüger. Das ist Quatsch. "Die Gehirne unserer mittelalterlichen Vorfahren arbeiteten wie die unseren." Und gesunde Gehirne gottgläubiger Menschen, stellt Ernst fest, funktionieren unter den gleichen neuronalen Arbeitsabläufen wie gesunde Gehirne von Atheisten. Weil im Mittelalter die Religion das Leben bestimmte, weil die Menschen zum Beispiel noch alle Siebenschläfer mit Namen aufzählen konnten und die Bibel in- und auswendig kannten, auch wenn sie des Lesens nicht mächtig waren, verfügten sie über ein Sensorium, das säkularen Menschen abhanden gekommen ist. Ein Sensorium, das auf der Kenntnis von Heiligenlegenden basiert und das Voraussetzung ist, um Segenssprüche neuronal zu verarbeiten. Die Mediziner des Mittelalters glaubten an die psychosomatische Wirkung des gesprochenen Wortes. Der Schulmediziner des 21. Jahrhunderts bezeichnet es als "elektrochemisches Potential".

WOLFGANG ERNST: Beschwörungen und Segen. Angewandte Psychotherapie im Mittelalter. Böhlau-Verlag, Köln-Weimar-Wien, 2011. 386 Seiten, 49,90 Euro.