Neapel-Tetralogie von Elena Ferrante:Es gibt wieder Szenen glühender Intensität, aber sie sind seltener

Lesezeit: 4 min

In diesem letzten Band versetzt einmal ein Erdbeben Elena in helle Panik. Danach erläutert sie der Freundin, dass die sichtbare Welt ihr wie ein Provisorium erscheine, kurz davor, sich in aggressive Einzelteile aufzulösen. "Erinnerst du dich an das Silvesterfest 1958, als die Solaras auf uns geschossen haben? Vor den Schüssen fürchtete ich mich nicht so sehr. Aber ich hatte Angst, dass die Farben des Feuerwerks scharf sein könnten, vor allem das Grün und das Violett waren messerscharf, dass die uns zerschneiden könnten, dass die Raketenschweife meinen Bruder Rino wie Feilen, wie Raspeln streifen und sein Fleisch aufreißen könnten, dass sie einen anderen, abstoßenden Bruder aus ihm heraussickern lassen könnten..."

Lilas Energie, die nicht nur ihre Freundin in Bann hält, sondern eine Zeit lang den ganzen Rione mitsamt den Mafiosi, wäre also der verzweifelte Versuch, die Auflösung der Welt durch unausgesetzte Aktivität aufzuhalten. Die Selbstauflösung, von der wir von Anfang an wissen, bedeutet dann auch die Aufgabe dieses Kampfes.

Am Schluss führt uns Elena Ferrante viele Gestalten ihres umfangreichen Romanpersonals wieder zu

Es gibt wieder Szenen glühender Intensität in der "Geschichte vom verlorenen Kind", aber sie sind viel seltener als in den vergangenen Bänden. Über weite Strecken dominiert Elenas raffende und resümierende Abhandlung ihrer privaten und beruflichen, alles in allem recht gewöhnlichen Kalamitäten. Sie hat sich, Ende des dritten Bandes, von ihrem Mann getrennt und mit Nino Sarratore eingelassen, ihrem Jugendschwarm, einem Opportunisten von oberflächlichem Charme, der Elena nun notorisch betrügt und sie mit ihren drei Töchtern (eine ist von ihm) im Stich lässt. Elenas Leben ist ein Auf und Ab, geprägt von der Doppel- und Dreifachbelastung einer Frau, die alles will: Familie, Liebhaber, künstlerische Selbstverwirklichung und gesellschaftlichen Erfolg.

Dass die Faszination des letzten Bandes nicht an die vorangehenden heranreicht, liegt aber vor allem daran, dass Lila ihre Magie verloren hat. Sie ist alt und verbittert geworden, eine zänkische, keifende Person, deren Autorität im Rione verblasst ist.

Am Schluss führt uns Elena Ferrante viele Gestalten ihres umfangreichen Romanpersonals wieder zu, die wir schon fast vergessen hatten; auch sie Opfer der Zeit, aufgedunsen, verkommen oder tot. Der grandiose Effekt von Prousts "Ballet des têtes" im Schlussband der "Recherche" stellt sich nicht ein. Aber natürlich ist das ein unfairer Vergleich. Elena Ferrante ist nicht der Proust unserer Zeit. Aber ihre Tetralogie gehört trotz der Schwächen des Finales zu den erstaunlichsten, ambitioniertesten und überzeugendsten literarischen Projekten des jungen 21. Jahrhunderts. Und Karin Krieger hat es trotz hohen Zeitdrucks bewundernswert elegant und stimmig übersetzt.

Elena Ferrante: Die Geschichte des verlorenen Kindes. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 614 Seiten, 25 Euro. E-Book 21,99 Euro.

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