Literatur Die Enttarnung von Elena Ferrante ist Sensationsjournalismus

Eine Übersetzerin soll hinter den Erfolgsromanen unter dem Pseudonym Elena Ferrante stecken.

(Foto: AFP)

Geld, Geheimnisse, ein Pseudonym, Judenverfolgung - die Enthüllungsgeschichte über die italienische Autorin liest sich, als sei hier ein Vergehen aufgedeckt worden.

Von Maike Albath

Nino Sarratore ist ein Lügner. Ein Blender, intelligent und begabt, der sich intellektuellen Moden anpasst, geltungssüchtig, politisch wankelmütig, berechnend. Dass er jede Frau verführt, die ihm über den Weg läuft, versteht sich fast von selbst. Nino Sarratore ist eine erfundene Figur, einer der Helden in Elena Ferrantes großer Neapel-Tetralogie "Meine geniale Freundin". Die Ich-Erzählerin Lenù verwendet Jahre ihres Lebens auf Nino. Er ist die schlimmste Ausprägung der patriarchalen Gesellschaft, das schlimmste Beispiel für einen italienischen Mann. Seine herausragende Eigenschaft: die der Selbstermächtigung.

Mit dieser Haltung hat der Journalist Claudio Gatti sich in der Wirtschaftszeitung Il Sole 24 ore darangemacht, das Pseudonym "Elena Ferrante" zu lüften. Unterstützt von seiner Zeitung und drei weiteren internationalen Medien, darunter auch der FAZ, gibt er Auskunft über die Vermögensverhältnisse des Ehepaares Anita Raja und Domenico Starnone. Denn deren Einkünfte sind das zentrale Argument seiner Recherche, derzufolge die Übersetzerin Anita Raja die durch den Erfolg ihrer Bücher plötzlich reich gewordene Autorin "Elena Ferrante" ist.

Eine typische "follow the money"-Strategie. Private Details, wie der angebliche Spitzname des Ehemannes, sind erfunden, andere verzerrt. Der Tonfall von Gattis Text ist der einer Enthüllungsrecherche, die einem Vergehen auf die Spur kommt - so als habe niemand ein Recht, die eigene Autorschaft zu verbergen, schon gar nicht eine Frau. Umsatzsteigerungen, die eigentlich niemanden etwas angehen, sind bei einer Intellektuellen offenkundig ebenfalls obszön.

Römische Freunde wussten: Anita Raja und ihr Mann Domenico Starnone gelten als Urheber

In einem zweiten FAZ-Artikel erzählt Claudio Gatti die Lebensgeschichte der Mutter von Anita Raja, die als Tochter einer jüdischen Familie im Alter von zehn Jahren nach Italien kam, den Holocaust überlebte, in Neapel aufwuchs und dort heiratete. Geld, Geheimnisse, ein Pseudonym, Judenverfolgung. Brisanter geht es kaum. Doch wer hätte diese Geschichte erzählen dürfen? Höchstens Elena Ferrante.

Ist es wichtig, die Autorin samt ihren Vermögensverhältnissen hinter dem Pseudonym hervorzuziehen und ihrer Familiengeschichte den Status eines Passepartouts zuzuschreiben, der erst jetzt das "wahre" Verständnis des Werks ermöglicht? Anita Raja und Domenico Starnone haben sich entschieden, sich nicht zu Wort zu melden und auch nicht Auskunft darüber zu geben, ob lediglich einer von ihnen oder beide die Urheber der Ferrante-Bücher sind, ob einer schreibt und der andere konzipiert. Sie sind ernsthafte, zurückgezogene Personen, die eine genuine Leidenschaft für Literatur haben.

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Anita Raja, Jahrgang 1953, war bis vor kurzem Bibliothekarin; sie zählt zu den besten italienischen Übersetzerinnen aus dem Deutschen, was sie in ihren Übertragungen von Christa Wolf häufig gezeigt hat. Kaum jemand hat mehr Gespür für Satzrhythmus und sprachliche Gestaltung, für die Färbung einer Figurenrede als sie. Und vermutlich hat kaum jemand ein empfindsameres Ohr für einen falschen Zungenschlag.

Wie ihre gesamte Generation war sie von den Umbrüchen, die in die Neapel-Serie einfließen, direkt betroffen, sie hat die Radikalisierung der Linken in den Siebzigerjahren und den Niedergang der Kultur unter Berlusconi erlebt. Dem Literaturbetrieb stand sie immer distanziert gegenüber, und selbst als in Italien ihr Name und der ihres Mannes im Zusammenhang mit Elena Ferrante zu kursieren begannen, schwieg man unter den römischen Freunden darüber.

Unangenehm ist der Gestus der Enthüllung: Als habe die Autorin ihre Leser getäuscht

Starnone, 1943 in Neapel geboren, hat eine Reihe sehr guter Romane veröffentlicht, er war Lehrer von Beruf, hat später als Journalist bei der linken italienischen Tageszeitung Il Manifesto gearbeitet, Drehbücher verfasst und zudem an der Turiner Schreibschule von Alessandro Baricco unterrichtet. Über seine Kindheit in einem schwierigen Milieu in Neapel und die eruptive Gewalt hatte er in seinem Roman "Via Gemito" geschrieben. Zu seinen Bestsellern gehörte der 1995 erschienene Band "Solo se interrogato", dessen Erzählungen vom Schulalltag in Italien handeln. Die Abgründe der Welt des Films prangert er in "Spavento" an, "Schrecken", der 2009 erschien, und scheint einige Auswüchse der aktuellen Geschehnisse vorwegzunehmen. 2014 erschien "Lacci", "Schnürsenkel", ein Roman über eine Ehe, die in die Wirren der 68er-Bewegung gerät.