Nachruf auf Claude Lanzmann Vom Unsagbaren erzählen

Nicht die Ereignisse des Holocaust sind das eigentliche Thema von "Shoah", sondern die Erinnerung daran: der französische Filmemacher Claude Lanzmann (1925-2018).

(Foto: Regina Schmeken)

Claude Lanzmann versuchte, die Erinnerungen an den Holocaust und seine Überlebenden zu bewahren. Sein Film "Shoah" setzte Maßstäbe der Erinnerungskultur - nun ist der Regisseur im Alter von 92 gestorben.

Von Fritz Göttler

Es ist schön, Claude Lanzmann selbst zu sehen in seinem Film "Der letzte der Ungerechten", 2013, wie er zusammensaß in einem Hotelzimmer in Rom mit Benjamin Murmelstein, der der letzte Vorsitzende des Judenrats von Theresienstadt gewesen war und dem immer wieder Kollaboration vorgeworfen wurde, weil er mit den Nazis überhaupt verhandelt hatte. Lanzmann war jung und dynamisch, mit langen Haaren, wie es nach '68 eben in Mode war. Die Aufnahmen stammen aus dem Material, das er für seinen monumentalen Film "Shoah" sammelte, aber weil er sich dort auf das Überleben in den Konzentrationslagern konzentrierte, war es nicht benutzt worden. Lanzmann rekelt sich entspannt auf dem Sofa, konfrontiert den alten Murmelstein mit den Vorwürfen und lässt ihn selber sein Handeln damals erklären. Am Ende des Films sieht man die beiden im römischen Sonnenlicht flanieren.

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Lanzmanns "Shoah" war ein Ereignis im Jahr 1985, als der Film im Forum der Berlinale gezeigt wurde. Filmfestivals hatten damals richtige Power, waren nicht nur loses Sammelsurium von belanglosen Filmen, Glamourbemühungen, Konkurrenzstress. "Shoah" dauerte über neun Stunden, um den Rhythmus zu entwickeln, in dem Überlebende von den Schrecken und Grausamkeiten und Demütigungen der Lager erzählten. "Ich wollte keine Gefühle hören", hat Lanzmann in einem Interview mit dem SZ-Magazin vermerkt, "ich wollte so genau wie möglich erfahren, wie alles ablief. Ich wollte Beschreibungen, akkurate, brutale, wertfreie Beschreibungen. Räumliche und zeitliche Präzision. Dafür habe ich alles getan. Meine Gefühle haben mich dabei ganz und gar nicht interessiert."

Es gab noch einen anderen Lanzmann, einen Kraftkerl - lebens- und liebeslustig

Jahre hat Lanzmann an dem "Shoah"-Projekt gearbeitet, 350 Stunden Gesprächsmaterial produziert, immer wieder musste er von einer Woche auf die nächste die Finanzierung sichern. Es war Besessenheit, die ihn trieb, hinaus in alle Welt, um die Überlebenden aufzusuchen, sie vor seine Kamera zu platzieren, sie mit Fragen zu traktieren, bohrend, unerbittlich, damit sie ihre verdrängten Erinnerungen hervorkramten. Abraham Bomba, den Friseur von Treblinka, hat er dazu in einen Friseursalon gesetzt. "Er hat den Frauen und Kindern, die in die Gaskammer kamen, die Haare abgeschnitten, zwei Minuten pro Frau, vier Scherenschnitte, mehr Zeit war nicht." Unter dem Druck der Erinnerungen fängt Bomba in der Szene zu weinen an. Insistenz ist die absolute Qualität von "Shoah", sein Markenzeichen fast.

"Shoah" ist ein Film über die Erinnerung und wie sie das Überleben bestimmt. Es gibt kein Archivmaterial, das illustrieren würde, was erzählt wird, das wäre ein Fehler gewesen, sagt Lanzmann, ein Verrat am großen Projekt.

Die Ursprünge, die Motive für "Shoah" sind immer noch kaum zu klären. Und es ist nicht ganz einfach, den "Shoah"-Lanzmann zusammenzubringen mit dem Lanzmann davor. Seine Autobiografie, die vor nicht ganz zehn Jahren erschien, kann dabei helfen, "Der patagonische Hase", und die Auswahl seiner Reportagen und Texte, die 2014 veröffentlicht wurde, "Das Grab des göttlichen Tauchers". Lanzmann, geboren am 27. November 1925, schloss sich noch bevor er achtzehn war der Kommunistischen Jugend Frankreichs an, 1943 dann der Résistance, er hat mehrfach sein Leben riskiert bei verschiedenen Einsätzen. Aber nicht nur Patriotismus hat ihn motiviert, auch jugendliche Lust am Abenteuer. Wie diese Lust mit politischen Intentionen zusammenging, lässt sich heute nur schwer nachvollziehen. Als er als Teenager zu den Kommunisten ging, hatte er keine der Schriften von Marx oder Lenin gelesen.

Nach dem Krieg arbeitete Lanzmann kurz in Berlin an der FU, später kam er als Mitarbeiter zu Les Temps Modernes, der legendären, von Jean-Paul Sartre herausgegebenen Zeitschrift. Auch für diverse andere Magazine schrieb er, ein Starreporter, der politische Reportagen aus China oder Korea fabrizierte, aber auch, vom Jetset fasziniert, über Begegnungen mit Jacques Tati oder Richard Burton und Liz Taylor am Set von "Big Sur" berichtete. Intellekt und Glamour, eine französische Tradition.

Lanzmann war ein Kraftkerl, lebens- und liebeslustig, von jugendlichem Fünfzigerjahre-Überschwang. Sieben Jahre verbrachte er mit Sartre und Simone de Beauvoir in einer denkwürdigen Ménage-à-trois, einer Mischung aus Intimität und Politik, Lust und Intellekt - die auch komische Züge trug. Inzwischen war er Chefredakteur der Temps Modernes geworden. Die Liebesbriefe zwischen Beauvoir und Lanzmann wurden kürzlich an die Yale University verkauft, sie sind bislang nicht gedruckt. Mit Sartre überwarf er sich, weil er sich nach dem Sechstagekrieg 1967 strikt auf die Seite der Israelis stellte.

Seine Filme wollen kein Mitleid, und sie sind nicht auf Erklärung aus. Darin besteht ihre Größe

Der Holocaust hat Lanzmann dann nicht mehr losgelassen. Mehrfach hat er nach "Shoah" - er hat den Film nach der Berlinale viele Jahre lang international persönlich vorgestellt - ungenutztes Material für weitere Filme ausgewertet, nun stehen einzelne Figuren im Mittelpunkt. "Der Karski-Bericht" ist Jan Karski gewidmet, der versucht hatte, Roosevelt von den Plänen der Nazis und der Realität der Judenvernichtung zu informieren und zum Eingreifen zu bewegen. "Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr" erzählt vom Aufstand im Vernichtungslager Sobibor, ausgelöst vom Häftling Yehuda Lerner, der einen deutschen Aufseher erschlug. Schließlich im Jahr 2015 dann "Der letzte der Ungerechten".

Lanzmann nennt "Shoah" ein "Gesamtkunstwerk", und der Film ist auch heute noch schockierend, nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der Form. "Ich dachte wirklich", schreibt er, als er sich zu Steven Spielbergs viel gerühmten Film "Schindlers Liste" zu Wort meldete, "mit Demut und Stolz, es gäbe ein Vor und ein Nach ,Shoah', und ich dachte, nach ,Shoah' könnte man bestimmte Sachen nicht mehr machen. Spielberg hat sie nun gemacht."

Der Holocaust ist nicht darstellbar, das ist es, was Lanzmann an Spielbergs Film kritisiert, er ist la représentation impossible. Spielberg suchte den melodramatischen Effekt, Lanzmanns Filme stoßen falsches Mitgefühl richtig ab und machen jede Erklärung unmöglich. Nicht die Ereignisse des Holocaust sind ihr eigentliches Thema, sondern die Erinnerungen daran und wie man diese vergegenwärtigen kann. Am Ende sind sie, wie jedes große Kino, Reflexionen über die Zeit. Am Donnerstag ist Claude Lanzmann im Alter von 92 Jahren in Paris gestorben.

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