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Nachlass von Imre Kertész:Verwandlung eines Nobelpreisträgers

Imre Kertesz

Imre Kertész (1929 - 2016) erhielt 2002 den Literaturnobelpreis. Sein Nachlass liegt in der Berliner Akademie der Künste, seine Werke erscheinen auf Deutsch im Rowohlt Verlag.

(Foto: dpa)
  • Die Rechte am Nachlass des Nobelpreisträgers Imre Kertész liegen künftig bei einer regierungsnahen Budapester Stiftung.
  • Diese kann künftig Publikationen sowohl verhindern als auch in eigener Regie veranstalten. Das Ziel lautet aus dem zeitweilig geschmähten Autor einen regierungskompatiblen Schriftsteller zu machen.
  • Die Berliner Akademie, in dem Kertész' Nachlass lagert und der Rowohlt Verlag müssen ihr Verhältnis zur Budapester Stiftung nun klären.

Das aktuelle Heft der Zeitschrift Sinn und Form, die von der Berliner Akademie der Künste herausgegeben wird, beginnt mit einem Paukenschlag. Zum ersten Mal sind hier Tagebucheintragungen zu lesen, in denen der ungarische Schriftsteller Imre Kertész in den Jahren 1959 bis 1962 nach der Form und Sprache für seinen "Roman eines Schicksallosen" sucht. Als Mann von noch nicht dreißig Jahren begann Kertész an diesem Buch zu arbeiten, den Jugendlichen vor Augen und im Innern, als der er im Sommer 1944 nach Auschwitz und von dort nach Buchenwald deportiert wurde.

Es wurde ein unerhörtes Buch, es schlug einen Ton an, den es in der Literatur über die Shoah bisher nicht gegeben hatte. Nun wird kenntlich, wie Kertész, der Leser von Camus und Hemingway, Sartre, Beckett und nicht zuletzt Kafka, um diesen Ton des scheinbaren Einverständnisses seines jungen Ich-Erzählers mit dem eigenen Verschwinden in der Todesnähe gerungen hat. Im Jahre 2002 erhielt Kertész den Nobelpreis für Literatur, der wachsende internationale Ruhm des "Romans eines Schicksallosen", der bei der Erstpublikation 1975 kein großes Echo gefunden hatte, war dafür die Voraussetzung.

"Aus dem Archiv" steht den nun publizierten Tagebuchaufzeichnungen an der Stirn geschrieben. Das klingt nach Routine, aber seit Kurzem steckt darin ein ernstes Problem. Am 15. Januar 2019 hat das zuständige Gericht in Budapest in zweiter Instanz und damit endgültig die Rechte am Kertész-Nachlass der regierungsnahen "Stiftung für die Erforschung der Geschichte und Gesellschaft in Mitteleuropa" und dem darin angesiedelten Imre-Kertész-Institut zugesprochen. Damit war die Klage von Marton T. Sass abgewiesen, dem Sohn von Magda, der zweiten Frau und Witwe von Imre Kertész. Er hatte bezweifelt, dass alles mit rechten Dingen zugegangen war, als seine Mutter kurz vor ihrem Tod im September 2016 die ihr zugefallenen Rechte der Budapester Stiftung übertragen hatte.

Lange vor seinem Tod Ende März 2016 hatte Kertész selbst seinen Nachlass im Umfang von etwa 35 000 Blatt an das Archiv der Berliner Akademie der Künste verkauft, im November 2012 wurde er in Anwesenheit des Autors der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Entscheidung für Berlin war kein Zufall, hier lebte Kertész seit 2001, er war Fellow am Wissenschaftskolleg, als ihn die Nachricht vom Nobelpreis, seiner "Glückskatastrophe" ereilte. Und er blieb, als seine Fellow-Zeit endete, auch deshalb in Berlin, weil ihm seine ungarische Heimat unheimlich geworden war. In seinen unter dem Titel "Letzte Einkehr" publizierten Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 2001 bis 2009 unterbricht er das Nachdenken über die Rede, die er in Stockholm halten muss, mit Aufzeichnungen wie diesen: "Die ungarischen Nazis - unter denen sich viele Juden finden - schmähen mich."

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Mit dem Budapester Urteil haben sich nun dauerhaft die Urheberrechte von dem physischen Kertész-Nachlass im Archiv der Berliner Akademie der Künste abgelöst. Es wird keinen Transport der Kertész-Bestände von Berlin nach Budapest geben, sie bleiben im Besitz der Akademie. Aber das 2017 gegründete Budapester Kertész-Institut rückt bei allen Nachlasspublikationen in eine Schlüsselrolle. Für die nun in Sinn und Form veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen wurden noch vor der Urteilsverkündung einmalige Abdruckrechte bei beiden Prozessparteien eingeholt. Künftig aber kann die Budapester Stiftung Publikationen sowohl verhindern, wie in eigener Regie veranstalten.

Das betrifft sowohl die Berliner Akademie als auch den Rowohlt Verlag, der die Weltrechte am publizierten Werk von Kertész hält. Die Akademie ist nun bei Publikationen in Sinn und Form, wie bei Ausstellungen zu Kertész selbst, wie zu Themen, in deren Kontext sie Material aus dem Kertész-Archiv zeigen will, auf die Zustimmung der ungarischen Seite angewiesen. Der Rowohlt Verlag kann weiterhin die bisher publizierten Kertész-Bücher vertreiben, aber keine unabhängigen Nachlasspublikationen planen.

Die rechtliche Lage zwingt nun Marcel Lepper, den Leiter der Abteilung Literatur im Archiv der Berliner Akademie wie auch Florian Illies, den neuen Chef des Rowohlt Verlags, das Verhältnis ihrer Häuser zu der ungarischen Stiftung zu klären. Und da gibt es nur zwei Wege: Distanz oder Kooperation. Sehr zu empfehlen ist bis auf Weiteres Distanz.

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Denn die Stiftung und das Kertész-Institut in Budapest haben eine eindeutige Agenda, die fest in die Kulturpolitik der aktuellen Regierung eingebunden ist. Sie will den jüdischen Nobelpreisträger Imre Kertész in die offizielle Erinnerungspolitik integrieren. War es zeitweilig, wie in Kertész' Tagebüchern nachzulesen, in Ungarn gang und gäbe, ihn wegen seines Judentums, seines Kosmopolitismus und seines Wohnsitzes in Berlin als Autor zu schmähen, der für Ungarn nicht repräsentativ sei und aus der Distanz zu Ungarn Profit ziehe, so ist nun seine Verwandlung in einen regierungskompatiblen Autor das Ziel.

Distanz hieße für die Akademie, der Budapester Stiftung auf Anfrage Kopien aus dem Kertész-Nachlass zu den üblichen Konditionen zur Verfügung zu stellen, aber keinen Kooperationsvertrag zur Auswertung des Nachlasses zu schließen. Für den Rowohlt Verlag hieße Distanz, Nachlasspublikationen nur autonom und im Horizont des Gesamtwerkes zu planen und keine Abstriche vom Konzept zu machen, nur um Publikationsrechte zu erhalten. Für die Budapester Stiftung wären Kooperationsverträge ein Zeichen der Anerkennung und Aufwertung.

Wie so oft führt auch hier die Rede vom Staub der Archive in die Irre. Denn es ist abzusehen, dass Nachlasspublikationen bei Imre Kertész eine besondere Brisanz haben. Es wird sich hier, vor allem in den späten Aufzeichnungen, leicht Material für isolierte Auswahlpublikationen finden lassen, die ihn aussehen lassen wie einen Parteigänger von Viktor Orbán.

Schon an den publizierten Tagebüchern ist ablesbar, wie die Terroranschläge in New York vom 11. September 2001 zur Verschärfung nicht nur des Tons beitrugen, in dem Kertész seit je Israel verteidigte. Er attackierte zugleich in sehr grobem Ton den Islam und jede liberale Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik Europas als Symptom der Selbstaufgabe, der Feigheit und moralischen Debilität, aus der es seit Auschwitz nicht herausgefunden habe.

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