Rechtes Denken Die Rechten zu verstehen, heißt nicht, ihnen zuzustimmen

Dass die Münchner Buchhandlung Lehmkuhl auch rechte Primärtexte anbietet, hat eine Debatte über den Umgang mit diesen Büchern ausgelöst.

(Foto: Catherina Hess)
  • Seit der Rechtspopulismus in Europa erstarkt ist, stellt sich die Frage, wie man mit rechtem Gedankengut umgeht.
  • Die einen plädieren dafür, die Rechten zu ignorieren, die anderen sehen in dieser Ausgrenzung eine unlautere Diskursbeschneidung.
  • Ein anderer möglicher Umgang mit den Rechten könnte im Prozess des Verstehens liegen.
Gastbeitrag von Svenja Flaßpöhler

Vor einem Jahrzehnt hätte man noch glauben können, dass die Demokratie lebendig ist wie nie und wir weltpolitisch voranschreiten auf dem Weg in eine bessere, noch bessere Zukunft. Dann kam 2008 die Finanzkrise und 2015 die sogenannte Flüchtlingskrise. 2010 wurde Victor Orbán in Ungarn Ministerpräsident. 2017 trat Donald Trump in den USA seine Präsidentschaft an. Im selben Jahr schaffte es die FPÖ in die Regierung von Sebastian Kurz. In Deutschland erzielt die AfD derweil neben den Grünen die stärksten Gewinne bei den Landtagswahlen. In Brasilien gewann gerade Jair Bolsonaro die Präsidentschaftswahl, in Italien regieren die populistische Fünf-Sterne-Bewegung mit der rechtsextremen Lega.

Auch dem Buchmarkt geht es nicht gut. Aufgrund des digitalen Wandels wird immer weniger gelesen. Umso besorgniserregender, dass in dieser Zeit massiver Leseunlust ausgerechnet die Bücher rechter Autoren verlässlich in der Bestsellerliste landen. Für das intensive Interesse an diesen Büchern gibt es viele Gründe. Einer davon liegt im Umgang mit ihnen.

Erst der Skandal um "Finis Germania" brachte das Buch auf die Bestsellerliste

Erinnern wir uns an ein besonders eindrückliches Beispiel: an die Causa Rolf Peter Sieferle aus dem Jahr 2017. Sein schmales Buch "Finis Germania" landete aufgrund der geballten Punktevergabe eines Spiegel-Redakteurs auf der angesehenen Sachbuchbestenliste von NDR und Süddeutscher Zeitung. Daraufhin distanzierten sich die Juroren von der Platzierung, die Schwächen des Auswahlmechanismus traten zutage, die Sachbuchbestenliste löste sich auf, der Skandal bugsierte das Buch in die Bestsellerliste. Daraufhin entschloss sich der Spiegel, das Buch kurzerhand von der Liste zu streichen, was es naturgemäß nur noch interessanter machte.

"Niemand will mehr miteinander sprechen"

Die Autorin Margarete Stokowski sagt eine Lesung in der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl ab - weil dort Bücher eines rechten Verlags verkauft werden. Ein Anruf bei Geschäftsführer Michael Lemling. Interview von Felix Stephan mehr ...

Aber was, diese Frage drängt sich unweigerlich auf, hätte man denn stattdessen tun sollen? "Finis Germania" einfach auf der Liste stehen lassen? Es von vornherein behandeln wie jedes andere Buch, sich mit den Inhalten auseinandersetzen und sie damit ernst nehmen? Hätte man Sieferle dadurch nicht erst recht stark gemacht und die Diskursgrenze immer weiter, noch weiter nach rechts verschoben?

Jürgen Habermas würde diese letzte Fragen sicher bejahen. Zur Kerneinsicht seiner deliberativen Demokratietheorie gehört, dass nur zum öffentlichen Diskurs zugelassen wird, was "vernünftig" ist. Der "Unvernunft" darf kein Ohr geschenkt und keine Stimme gegeben werden, um die Demokratie als solche nicht zu gefährden. Erhellend in dieser Hinsicht ist ein Interview, das Habermas im Jahr 2016 den Blättern für deutsche und internationale Politik gab. In dem Interview heißt es: "Nur die Dethematisierung könnte dem Rechtspopulismus das Wasser abgraben. (...) Parteien, die dem Rechtspopulismus Aufmerksamkeit statt Verachtung widmen, dürfen von der Zivilgesellschaft nicht erwarten, dass sie rechte Parolen und rechte Gewalt ächtet." Habermas' Antwort lautete vor zwei Jahren: Ignorieren und Ausgrenzen.

Inzwischen ist die AfD allerdings in den Bundestag und in alle 16 Länderparlamente eingezogen. "Dethematisierung" ist folglich schlichtweg keine Option mehr. Und was ist mit rechten Bürgern, den Wählern der AfD? Auch in dieser Hinsicht wurde der wichtigste Vertreter der Kritischen Theorie in dem Interview deutlich: "Daraus dürften demokratische Parteien für den Umgang mit Leuten, die solchen Parolen nachlaufen, eigentlich nur eine Lehre ziehen: Sie sollten diese Art von 'besorgten Bürgern', statt um sie herumzutanzen, kurz und trocken als das abtun, was sie sind - der Saatboden für einen neuen Faschismus."

Diese Befürchtung ist nachvollziehbar. Insbesondere mit Blick auf das, was Ende August in Chemnitz geschah. Und doch: Der demokratietheoretische Ansatz von Habermas birgt auch ein Problem - geht er doch mit einer klaren politischen Polarisierung einher, die den viel beschworenen Spalt in der Gesellschaft nicht nur vergrößert, sondern sogar mit verursacht. Auf der einen, der guten Seite, steht die Linke als Wächterin und Verfechterin der Vernunft. Auf der anderen Seite der rechte Pöbel, verführbar, dumpf, irrational. Auf eine Formel gebracht: Links ist progressiv. Rechts ist regressiv. Dies ist die Logik, die der deliberativen Demokratietheorie zugrunde liegt.

Versuchen wir uns nur kurz einmal vorzustellen, wie man sich so fühlt als ein Mensch, der elitenfern in, sagen wir, Sachsen lebt, aus Frust AfD-Wähler ist und von linken Intellektuellen liest, die ihn als regressiv und blockiert, also im Grunde als geistig zurückgeblieben bezeichnen. Von Intellektuellen, die nicht mit ihm reden, sich nicht mit ihm auseinandersetzen, sondern ihn schlichtweg, um das Wort von Habermas zu verwenden, "abtun" wollen. Man darf vermuten, dass sich der Frust dieses Menschen und sein Hass auf die Elite nur noch verstärkt. Die Leitmedien? Lügenpresse. Die Kulturelite: Realitätsfern gefangen in ihrer Blase. Nur noch mit sich selbst und genderneutralen Toilettentüren beschäftigt. Tatsächlich war Chemnitz nicht nur ein Ausdruck von Rassismus und einem weitverzweigten, effektiv funktionierenden rechtsextremen Netzwerk, es war auch das Symptom eines tiefen Misstrauens. "Die da oben" verachten uns. Haben uns vergessen. Haben keinen Blick für unsere Probleme. Und vor allem: Sie nehmen uns nicht ernst. Wen verwundert es, dass Menschen, die so denken, die Alternative für Deutschland für die einzig gangbare Lösung halten. Und Bücher kaufen, die aus ihrer Sicht von linksliberalen Leitmedien "zensiert" werden.