bedeckt München 20°

T.C. Boyles "Das Licht":"Scheiß auf Gott, gehen wir auf Trip"

Portrait of author TC Boyle at his home in Montecito that was designed by Frank Lloyd Wright Monte

Thomas Coraghessan Boyle in seinem von Frank Lloyd Wright entworfenen Haus in Montecito.

(Foto: imago/Aurora Photos)
  • Durch T.C. Boyles neuen Roman "Das Licht" weht der Geist der Sechzigerjahre.
  • Trotz LSD-Rausch, Sexpartys, Sekten, Kommunen und freier Liebe ist das Buch viel mehr als ein verspäteter Beatnik-Roman.
  • Es ist eine fantastische Erzählung über unsere Zeit, unsere Träume, Lebenslügen und Irrtümer.

Am Anfang seiner akademischen Karriere ist Fitzhugh Loney, genannt Fitz, ein hoffnungsvoller Doktorand. Ein angehender Psychologe, der es aus dem Nirgendwo bis nach Harvard geschafft hat. Er sieht gut aus, ist klug, charmant, skeptisch und begeisterungsfähig - und alles in allem etwas unsicher. Ein Suchender. Einer von vielen, die an das Glück glauben. An Gott glaubt er nicht, aber er ist Fan der New York Yankees. Doch dieser Irrtum, wenn es denn einer sein sollte, wird nicht zu seinem Ende führen. Es sind andere, dramatischere und absurdere Missverständnisse, die ihn zerbrechen lassen.

Noch aber sind wir am Anfang des Buches "Das Licht" von T. Coraghessan Boyle. Und wir befinden uns in den USA der Sechzigerjahre. Kennedy lebt noch, Vietnam ist eine Nachricht aus dem Radio, und die Frauen wollen aussehen wie Jackie.

Die Macht des Geistes, wie man ihn nur im Cool Jazz erlebt

Wir sehen intensive Farben und grandiose Landschaften, beeindruckende Architekturen, aufstrebende Städte und gepflegte Gärten, wir spüren den Drive der Moderne, ihre faszinierende Zuversicht - und wir hören zu einem guten Drink Musik, Coltrane und das Modern Jazz Quartet. Oder die Beatles.

Wir sind beglückt und ein bisschen beschwipst vor lauter Utopismus, von den Martinis und dem unbestimmten Kindergefühl, dass man sich auch als Erwachsener, als Entwachsener, ja Verstoßener in einer Ära der Jugend die paradiesischen Sommer derselben zurückerobern kann. Wenn man fest daran glaubt. Daran und an die Macht des Geistes, wie man ihn nur im Cool Jazz erlebt. Oder an die Herrschaft der Liebe, wie man sie nur in Popsongs ernst nehmen kann.

Fitz ist Anfang 30 und lebt den amerikanischen Traum. Das schreckliche Ende, das sich wie ein gigantischer Kater nach zu viel billigem Alkohol und zu viel billig verschnittenen Marihuana-, Haschisch- oder Amphetamin-Resten anfühlt und wie ein übervoll abgestandener Aschenbecher schmeckt, wird sich zusammen mit der Musik der Beatles und den Hermann-Hesse-Zitaten (Boyle ist angemessen boshaft, sowohl literarisch als auch musikalisch) erst knapp vierhundert Seiten später einstellen. Ganz regelhaft und normgemäß.

Wie sich das gehört in einem Buch über LSD und hundert andere Drogen, über das Leben als rauschhaftes Experiment, über Sexpartys, Sekten, Kommunen und freie Liebe, über Bewusstseinserweiterung, Selbstfindung und die Sehnsucht nach einem anderen, besseren und lustvolleren Gesellschaftssystem. Wobei das Buch letztlich davon handelt, was der Unterschied ist zwischen "denen", gemeint sind die Spießer und Verwalter überkommener Vorstellungen und mürbe gewordener Traditionen, und "uns". Also den progressiven Heroen, Hedonisten und Pionieren einer neuen Zeit und eines neuen Denkens.

Der leicht zu lesende und zugleich tief die Welten seiner bemerkenswerten Protagonisten auslotende Roman handelt, wie so oft und doch immer wieder überraschend anders bei Boyle, letztlich von der Differenz zwischen "drinnen" und "draußen". Insofern ist "Das Licht", das an diesem Montag bei Hanser und somit verblüffenderweise auf Deutsch noch vor der amerikanischen Ausgabe erscheint, viel mehr als ein verspäteter Beatnik-Roman, der wissenschaftsgeschichtlich Aldous Huxley, literarisch Jack Kerouac, aber auch lebensweltlich der früheren Gauloises-Werbung ("Liberté toujours!") gewidmet sein könnte. Fitz sucht nach einem richtigen Leben im falschen. Vom Ego unserer Epoche des Individuums will er sich mithilfe eines manipulativ geführten Kollektivs unter der Leitung seines LSD-Professors befreien, um auf einem ganz schlechten Ego-Trip alles, wirklich alles zu verlieren. Und die Würde dazu.

T. C. Boyle Welchen positiven Zug erkennen Sie an Donald Trump?
SZ-Magazin

Sagen Sie jetzt nichts

Welchen positiven Zug erkennen Sie an Donald Trump?

Der Schriftsteller T. C. Boyle im Interview ohne Worte über die neue US-Regierung, den Weltuntergang und seine Problemzone.