Süddeutsche Zeitung

T.C. Boyles "Das Licht":"Scheiß auf Gott, gehen wir auf Trip"

  • Durch T.C. Boyles neuen Roman "Das Licht" weht der Geist der Sechzigerjahre.
  • Trotz LSD-Rausch, Sexpartys, Sekten, Kommunen und freier Liebe ist das Buch viel mehr als ein verspäteter Beatnik-Roman.
  • Es ist eine fantastische Erzählung über unsere Zeit, unsere Träume, Lebenslügen und Irrtümer.

Von Gerhard Matzig

Am Anfang seiner akademischen Karriere ist Fitzhugh Loney, genannt Fitz, ein hoffnungsvoller Doktorand. Ein angehender Psychologe, der es aus dem Nirgendwo bis nach Harvard geschafft hat. Er sieht gut aus, ist klug, charmant, skeptisch und begeisterungsfähig - und alles in allem etwas unsicher. Ein Suchender. Einer von vielen, die an das Glück glauben. An Gott glaubt er nicht, aber er ist Fan der New York Yankees. Doch dieser Irrtum, wenn es denn einer sein sollte, wird nicht zu seinem Ende führen. Es sind andere, dramatischere und absurdere Missverständnisse, die ihn zerbrechen lassen.

Noch aber sind wir am Anfang des Buches "Das Licht" von T. Coraghessan Boyle. Und wir befinden uns in den USA der Sechzigerjahre. Kennedy lebt noch, Vietnam ist eine Nachricht aus dem Radio, und die Frauen wollen aussehen wie Jackie.

Die Macht des Geistes, wie man ihn nur im Cool Jazz erlebt

Wir sehen intensive Farben und grandiose Landschaften, beeindruckende Architekturen, aufstrebende Städte und gepflegte Gärten, wir spüren den Drive der Moderne, ihre faszinierende Zuversicht - und wir hören zu einem guten Drink Musik, Coltrane und das Modern Jazz Quartet. Oder die Beatles.

Wir sind beglückt und ein bisschen beschwipst vor lauter Utopismus, von den Martinis und dem unbestimmten Kindergefühl, dass man sich auch als Erwachsener, als Entwachsener, ja Verstoßener in einer Ära der Jugend die paradiesischen Sommer derselben zurückerobern kann. Wenn man fest daran glaubt. Daran und an die Macht des Geistes, wie man ihn nur im Cool Jazz erlebt. Oder an die Herrschaft der Liebe, wie man sie nur in Popsongs ernst nehmen kann.

Fitz ist Anfang 30 und lebt den amerikanischen Traum. Das schreckliche Ende, das sich wie ein gigantischer Kater nach zu viel billigem Alkohol und zu viel billig verschnittenen Marihuana-, Haschisch- oder Amphetamin-Resten anfühlt und wie ein übervoll abgestandener Aschenbecher schmeckt, wird sich zusammen mit der Musik der Beatles und den Hermann-Hesse-Zitaten (Boyle ist angemessen boshaft, sowohl literarisch als auch musikalisch) erst knapp vierhundert Seiten später einstellen. Ganz regelhaft und normgemäß.

Wie sich das gehört in einem Buch über LSD und hundert andere Drogen, über das Leben als rauschhaftes Experiment, über Sexpartys, Sekten, Kommunen und freie Liebe, über Bewusstseinserweiterung, Selbstfindung und die Sehnsucht nach einem anderen, besseren und lustvolleren Gesellschaftssystem. Wobei das Buch letztlich davon handelt, was der Unterschied ist zwischen "denen", gemeint sind die Spießer und Verwalter überkommener Vorstellungen und mürbe gewordener Traditionen, und "uns". Also den progressiven Heroen, Hedonisten und Pionieren einer neuen Zeit und eines neuen Denkens.

Der leicht zu lesende und zugleich tief die Welten seiner bemerkenswerten Protagonisten auslotende Roman handelt, wie so oft und doch immer wieder überraschend anders bei Boyle, letztlich von der Differenz zwischen "drinnen" und "draußen". Insofern ist "Das Licht", das an diesem Montag bei Hanser und somit verblüffenderweise auf Deutsch noch vor der amerikanischen Ausgabe erscheint, viel mehr als ein verspäteter Beatnik-Roman, der wissenschaftsgeschichtlich Aldous Huxley, literarisch Jack Kerouac, aber auch lebensweltlich der früheren Gauloises-Werbung ("Liberté toujours!") gewidmet sein könnte. Fitz sucht nach einem richtigen Leben im falschen. Vom Ego unserer Epoche des Individuums will er sich mithilfe eines manipulativ geführten Kollektivs unter der Leitung seines LSD-Professors befreien, um auf einem ganz schlechten Ego-Trip alles, wirklich alles zu verlieren. Und die Würde dazu.

Sich verlieren: Diese Sehnsucht erstirbt im Leser, der die letzte Seite dieses temporeichen, an sich moralischen, ja wunderbar altmodischen Buches, in dem eigentlich nicht viel passiert, was das Tempo erklären könnte, rauschhaft umblättert. Man dreht "Lucy in the Sky with Diamonds", den Beatles-Song, der angeblich ein LSD-Hinweis ist, wieder nachbarschaftsverträglich leise. Die Rebellion ist beendet. Man stellt den Drink ab, der eh schon einer zu viel war. Und ist nüchtern mit einem Mal. Man möchte seine Frau, die Kinder und den Immobilienkredit umarmen. Das Buch ist eine fantastische Erzählung über unsere Zeit, unsere Träume, Lebenslügen und Irrtümer.

"Er stammte", so wird über den angehenden Psychologen Fitz Loney erzählt, "aus einer langen und nicht weiter spektakulären Linie irischer Trunkenbolde und hatte hart gearbeitet, um in dieses Doktorandenprogramm in Harvard aufgenommen zu werden, und das wollte er nicht aufs Spiel setzen. Er wollte sich keine Gedanken wegen Alkohol oder dieser neuen Wunderdroge oder irgendwas anderem machen müssen, das gefährden konnte, was jetzt wichtiger war als alles andere: den Abschluss, den Job, das Haus, ein besseres Leben für Joanie und Corey. Man nannte es Ehrgeiz, soziale Mobilität, den amerikanischen Traum, und er besaß jede Menge davon."

Joanie, eigentlich Joan, die später ihr Haar wie Joan Baez tragen und eine vorübergehende Bestimmung darin finden wird, mysteriös zu lächeln und mit jedermann und auch mit jeder Frau "zu ficken", sobald sie ihr "Sakrament", ihre Dosis Lysergsäurediethylamid (LSD) intus hat, ist eine gescheiterte Studentin. Und die Frau von Fitz. Sie haben einen Sohn, Corey. Der ist dreizehn Jahre alt. Und die Ehe ist auch dreizehn Jahre alt - und wenn Boyle diese Ehe gleich am Beginn des Romans kurz skizziert, dann tut er das äußerst sparsam und zeigt dabei doch ein ganzes Universum der Enttäuschungen auf.

Fitz wartet im Auto auf seine Frau. Man will zu einer Party. "Der Motor verschluckte sich, fing sich aber wieder, und er drückte auf die Hupe, zweimal, bis Joanies bleiches, verkniffenes Gesicht im Fenster erschien und sie genervt winkte, eine Geste, die alles Mögliche bedeuten konnte, von Kriech unter einen Stein und stirb bis Ich habe mir gerade die Hand gebrochen, und dann war sie auch schon wieder weg ..."

Fitz will ausbrechen. Joan will ausbrechen. Am Ende will auch Corey ausbrechen. Und man versteht das so gut, weil man ja auch selbst dauernd nur ausbrechen will. Man will raus. Dazu muss man rein. Rein in eine Sekte, in ein Kollektiv oder vielleicht auch nur in die Fankurve der Allianzarena oder zu den Zwölf Stämmen oder zu den Veganern, in die Kirche, zum örtlichen Rotary-Club oder sonst wohin, an die Bar notfalls, wo es Versprechungen, Verheißungen und Horizonte der Wahrheit gibt. Wo es ein Licht im Dunkel gibt. Das Licht, das den hoffnungslos in ihrem Regelleben festgefahrenen Loneys leuchtet, ist einerseits ein jesushafter Mann, an den man glauben kann, der LSD-Professor, der mit Drogen und Einsichten handelt, - und andererseits sind es die Drogen selbst. Sie werden immer glücklicher. Haben großartigen Sex und ekstatische Glücksmomente. Die Schar der Doktoranden wird zum Kollektiv. Zur Familie. Zur Sekte. Dann zum lächerlichen, heuchlerischen und präpotenten Irrtum. Dann bricht alles zusammen. "Scheiß auf Gott", heißt es am Ende, "gehen wir auf Trip."

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Quelle:
SZ vom 28.01.2019/heka
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