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Kunst:Endlich frei

Erneuertes MoMA in New York wird wieder geöffnet

Alles neu? Das MoMA in New York gilt als ranghöchstes Museum für moderne Kunst. Hier zu sehen ist eine Installation (ohne Namen) von David Tudor.

(Foto: dpa)
  • Das Museum of Modern Art in New York entfesselt die Kunstgeschichte: nach seiner Wiedereröffnung hängt es jetzt alle drei Monate alles neu.
  • Mit dem wegweisenden Konzept feiert man Anachronismus, Diversität und das Ende des Kanons - und zeigt gleichzeitig eine der interessantesten Sammlungen, die es derzeit gibt.
  • Das zeigt: man kommt auch gut ohne einen Stilbegriff aus.

Es hat vermutlich niemand mehr damit gerechnet, dass auf dem Time Square in New York noch einmal ein Bronze-Denkmal enthüllt wird, ein Reiterstandbild obendrein, das auf einem Sockel aus Kalksandstein fast zehn Meter hoch aufragt. Genau das ist aber geschehen. Der Afroamerikaner Kehinde Wiley - bekannt vor allem als Porträtist von Barack Obama - hat einen Schwarzen in den Sattel gesetzt. Der Titel des Werks "Rumors of War" spielt auf die unzähligen Monumente an, die in den USA immer noch an Generäle aus dem Bürgerkrieg erinnern. Der Anachronismus ist also Teil des Konzepts.

Das Bronze-Ungetüm wirkt nicht nur vor dem Autoverkehr und den Mega-Billboards deplatziert, sondern auch eigentümlich in einer Stadt, die als Metropole wie keine andere Stadt für zeitgenössische Avantgarde steht. New York ist der international bedeutendste Standort für den Kunstmarkt. Und dort residiert das ranghöchste Museum in Sachen Gegenwart, das Museum of Modern Art, kurz MoMA, das die jüngeren Epochen der Kunstgeschichte konsequent als Entwicklungsgeschichte darstellt: Auf den Impressionismus folgte die Moderne, daraus entwickelten sich Fauvismus, Surrealismus und Abstraktion. Formeln wie Abstrakter Expressionismus oder Minimal verlängerten diese Geschichte weit in die Nachkriegszeit.

Der Einmarsch von "Rumors of War" in dieses auf Fortschritt fixierte Terrain wirkt dennoch nicht wie ein Danaergeschenk. Denn das MoMA selbst hat sich von seinem Erfolgsmodell verabschiedet. Es eröffnet erstmals mit einer Präsentation, die vielschichtig ist und erzählerisch. Und schon deswegen nicht mehr verbindlich, weil alle drei Monate neu gehängt wird. In den USA wird die auf Diversität zielende Konzeption als vorbildhaft gefeiert. Dabei übersehen viele, dass nicht der Kunstbegriff erweitert wird, sondern das MoMA nur die Grenzen niederreißt, die es selbst gesteckt und bewacht hat.

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Aus europäischer Perspektive ist das ganze Unternehmen ohnehin nicht so neu. Es war die Londoner Tate Modern Gallery, die schon zur Jahrtausendwende die Kapitel des Kanons aufgebrochen hatte und unter programmatischer Einbeziehung von Unbekanntem oder Peripherem die Säle nach Themen sortierte, nach übergreifenden Kategorien. Der Vorsprung dieses Museums, das seither gezielt auf allen Kontinenten ankaufte, gilt inzwischen als uneinholbar.

Direktoren und Kuratoren folgten in Europa dem Imperativ der Tate: keine Großausstellung - von den immer politischer werdenden Biennalen bis zur Weltkunstschau Documenta -, die nicht eine nach vielen Kriterien ausbalancierte Künstlerliste vorlegt. An den Universitäten bemüht man sich, die Kunstgeschichte des ehemaligen Ostblocks nachzuholen, indem man den einstigen Underground aus Warschau oder Moskau aufarbeitet. Sammlungen werden gezielt um Kunst von Frauen ergänzt. Sogar auf dem Kunstmarkt reüssieren Namen aus Südamerika oder Asien. Und neben avancierten Bildmedien wie Video, Film oder digitaler Animation bezieht man auch Techniken in die Kunst ein, die bis vor Kurzem noch als bestenfalls "kulturell" galten: Keramik, Textil, Tanz.

Die Konzeptkunst der Siebziger ist die letzte Strömung, auf die sich Kunsthistoriker noch einigen können

Während die Szene sich vielsprachig gibt, ist sie - in Bezug auf alle Ismen und Formeln - verstummt. Wie wird man eines Tages diese Epoche nennen, in der wir uns mit all den peripheren Strömungen, vergangenen Modernen und übersehenen Ritualen befassen? Denn eigentlich lassen sich ja auch die Neunzigerjahre nicht auf einen Begriff bringen.

Die Konzeptkunst der Siebzigerjahre ist die letzte Strömung, auf die sich die Kunsthistoriker mit Verbindlichkeit einigen können - und darauf noch, dass man den schwammigen Begriff der Postmoderne für die Kunst ablehnt. Vieles, das jetzt Konjunktur hat, wird mit dem Adjektiv "konzeptuell" erklärt - von seriellen Motiven in der Fotografie bis zu einer Bildhauerei, die eigentlich mit Ready Mades als Rohstoff arbeitet. Oder mit Menschen. Oder mit Tänzen.

Die jüngste Vergangenheit hat allerdings bewiesen: Man kommt auch ganz gut ohne einen Stilbegriff aus. Titelfindungen wie "Neue Leipziger Schule" oder "Formalismus" sind verrauscht, waren wohl kaum mehr als Label, mit denen sich auf Kunstmessen das Angebot sortieren ließ. Vorbei sind die Zeiten, in denen Surrealisten oder Suprematisten an Manifesten und Ausschlussverfahren arbeiteten. Und man macht sich als Künstler auch längst nicht mehr die Mühe, die abfälligen Diffamierungen von Kritikern in klingende Namen wie Impressionismus oder Fauvismus umzumünzen. Künstler scheinen die Etikettierungen, die ihnen angeheftet wurden, nicht zu vermissen.

Der strenge Kanon, der vor allem vom MoMA geprägt wurde, ist selbst zum Anachronismus geworden. Als Erzählweise, die sich als Geisteswissenschaft ausgibt, aber lange nicht reflektierte, wie verknüpft sie mit einer Weltanschauung war, die auf technischen Fortschritt und Durchsetzungsfähigkeit ausgerichtet war. Dem wirtschaftlichen Triumph der USA sollte der Sieg der Abstrakten Expressionisten auf einem boomenden Kunstmarkt entsprechen, den man als Höhe- und Endpunkt der Kunstgeschichte interpretierte.

Die heutige globale und vernetzte Welt, die mehr auf die Erschließung von Märkten und Produktionen ausgerichtet ist, muss sich - wenigstens symbolisch - um Inklusion bemühen und auch das Fremde anerkennen. Dass die Fortschrittsideologie der Welt vor allem das Anthropozän beschert hat, Umweltzerstörung und Klimakatastrophe, trägt zur Skepsis bei - auch bei der Frage, ob die Projektion digitaler Bildprogramme avancierter ist als die Maske eines Indianerstammes, die nach dem Ritual verbrannt wird.

Die Geschichte der Kunst geht weiter, wenn auch oft unter der Überschrift "Untitled, (ohne Titel)"

Die nächste Generation der Kunsthistoriker wächst zudem nicht mehr mit gebundenen Nachschlagewerken und chronologisch sortierten Kunstbibliotheken auf, sondern navigiert sich mit Suchmaschinen durch die Bildwelten des Internets, die auf die Bestände aller Museen und Sammlungen zugreifen. Das Gefühl für Geschichte muss sich adaptieren, wo alles gleichzeitig als Abbildung verfügbar ist.

Es fällt auf, dass die Trennschärfe zwischen virtueller und realer Welt zunimmt: Wer heute jung ist, wird das Gemälde nie mit seiner Abbildung verwechseln. Ausstellung, Konzert, Protest sind so real wie das Denkmal an der Straßenkreuzung, das erneut umkämpft und besetzt werden kann.

Während sich jahrzehntelang niemand mehr für die historischen Figuren in Bronze oder Marmor interessierte, die in Parks unter Moos verschwanden, entzündeten sich in den USA Kämpfe an Kriegsdenkmälern. In Kassel eskalierte der von der AfD befeuerte Streit um einen von der Documenta 14 hinterlassenen Obelisken. Und, fast gleichzeitig mit der Enthüllung des Reiters, den Kehinde Wiley mit einer Rüstung aus Nikes und Hoody armiert hat, feierte man in der Londoner Tate Modern die Vernissage eines Brunnens der gleichfalls schwarzen Künstlerin Kara Walker. Die Wasserspiele, die das Pathos des Empire zitieren, erinnern an die Brutalität des Sklavenhandels und der Kolonialzeit. Während "Queen Vicky" als fette Karikatur um den Sockel schleicht, triumphiert über den Kaskaden eine schwarze Tanzende.

Die Erneuerung des MoMA ist ein überfälliges Rückzugsgefecht, es war Zeit, die Position zu räumen, die sich ohnehin nicht mehr halten lässt. Was bleibt, ist eine der schönsten Sammlungen überhaupt. Sie reicht von Monet und Kandinsky bis zu Duchamp und Sherman. Von Öl auf Leinwand bis zum Negativ und Pixel. Und weil Künstler weiter arbeiten, geht auch die Geschichte der Kunst weiter. Und sei es unter der Überschrift, die ohnehin die beliebteste der Gegenwart ist: "Untitled (ohne Titel)".

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