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Kultur in München:Übergriff statt Parodie

Der Rapper SSIO provoziert mit Sexismus in der Tonhalle - und schießt damit über die Grenzen hinaus, mit denen eine Kunstfigur spielen darf.

Nein, "willst du mit mir auf mein Hotelzimmer gehen und ein Kind zeugen?" ist keine Frage, die ein Rapper einer fremden Frau auf der Bühne seines Konzerts stellen darf. Nicht vor hunderten, anfeuernden Männern im Publikum. Nicht, wenn superkitschige Musik und ein DJ, der Rosenblätter über sie streut, die Situation ins Ironische ziehen sollen. Nicht, wenn er ein zwei Meter großer Berg von einem Mann - sie jung, klein, zierlich und sein Fan ist. Auch nicht, wenn sie selbst auf die Bühne hoch wollte. Leider ist das aber alles so passiert - und leider erst der Beginn einer Szene, die sich während des Auftritts von SSIO in der Tonhalle am Donnerstagabend ereignet hat und über die man sprechen sollte.

Als sie mit einer Antwort auf die Frage zögert, leise Unverständliches murmelt, hilft ihr der Rapper mit der Entscheidung: "Sie hat Ja gesagt!" Jubel brandet in der Halle auf, als hätte die deutsche Nationalmannschaft die Fußballweltmeisterschaft gewonnen. Es ist ein Ja! Aus dem Bühnenboden schießen zur Feier des Tages Rauchfontänen und das Instrumental des nächsten Tracks setzt ein. Es ist ein Ja! SSIO schnappt das überraschte Mädchen an der Taille und sie tanzen gemeinsam über die Bühne. Mit einer schnellen Bewegung hebt er sie vom Boden hoch in die Luft, zieht sie mit gespreizten Beinen an sich. Körper an Körper trägt er sie zur Seite. Unter "Fick-sie"-Rufen aus dem Publikum macht er vielsagende Trockenübungen mit ihr im Arm, bis auch die letzte Reihe in der Halle kapiert hat, dass er nicht auf das Hotelzimmer warten möchte, um einen Nachfolger zu zeugen. Für Minuten verschwinden der Rapper und das Mädchen hinter der Bühne.

Übergriff oder gespielter Witz? SSIO ist eine Kunstfigur, die seit Beginn seiner Karriere mit dem Tabubruch als Stilmittel arbeitet. Teil seiner Rolle ist es, Deutschrap und die Mechanismen der Szene ad absurdum zu führen, zu parodieren, zu überspitzen, ins Groteske zu ziehen. Man kann bei ihm nie sicher sein, was echt ist, was Spiel. In der Tonhalle kann man beobachten, wo die Grenzen dieser oft sehr schlauen, komischen, aber am Donnerstagabend eben auch brutalen Performance liegen: bei den ahnungslosen Nebendarstellern, der jungen Frau, die SSIO in eine Situation zwingt, die sie nicht kontrollieren kann und in der sie machtlos ist. Das ist nicht schön. Also nein, "willst du mit mir auf mein Hotelzimmer gehen und ein Kind zeugen?" ist keine Frage, die ein Rapper einer wildfremden Frau auf der Bühne seines Konzerts stellen darf. Und nein, eine Frau als Showeinlage in eindeutige Posen zu drängen sowieso nicht. Nicht als Anmache. Nicht als Parodie.

© SZ vom 01.02.2020/lfr

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