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Interview mit der Autorin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal:"Rassismus ist kein Gefühl"

"Ich halte es für naiv zu glauben, dass es Menschen gibt, die nicht von Rassismus betroffen sind" - Mithu Sanyal.

(Foto: Guido Schiefer/Guido Schiefer)

Die deutsche Schriftstellerin und Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal über neue Normen, Betroffenheit und die Frage, ob einen Diskriminierung zu einem besseren Menschen macht.

Von Nadja Schlüter

SZ: Frau Sanyal, Ihre Protagonistinnen können sehr gewandt über Rassismus sprechen, sie kommunizieren in einem "fantastischen akademischen Abkürzungscode". Schließt das nicht zu viele Menschen aus?

Mithu Sanyal: Doch, und wenn ich an Unis bin, merke ich immer wieder, dass Menschen Angst davor haben, sich zu beteiligen, weil sie den Code nicht kennen. Darum habe ich in meinem Buch versucht, viele Aspekte der Postcolonial Studies nebenher zu erklären - zum Beispiel durch das Interview, das die Figur Nivedita im Deutschlandfunk gibt, oder durch ihre Blog-Posts. Ich möchte, dass meine Leserinnen und Leser kein abgeschlossenes Studium brauchen. Gleichzeitig ist es mir wichtig, dass sie sich emotional auf die Wahrnehmungswelt von Nivedita einlassen. Die wird nicht erklärt, denn die Erfahrungen von PoCs sind in meinem Buch die Norm.

Wie stehen Sie zur derzeit viel diskutierten Identitätspolitik, die sich immer nur auf ein einziges besonderes Merkmal einer Gruppe bezieht?

Das ist einerseits falsch, andererseits sind es eben vor allem politische Identitäten, über die man bestimmte Rechte einfordern kann, da muss man Sachen vereinfachen. Im Moment gibt es viele gemeinsame politische Forderungen von BIPoCs, aber ich habe es auch schon erlebt, dass schwarze Menschen in Debatten gesagt haben: "Du hast es viel besser als ich." Das stimmt, gleichzeitig sind das sehr verletzende Momente, weil man vorher noch dachte: "Wir sitzen im selben Boot." Und weil da so ein bisschen das Gefühl mitschwingt, dass Diskriminierung uns zu besseren Menschen macht.

Weil eigene Diskriminierungserfahrungen derzeit oft als wesentliche Voraussetzung dafür gelten, über Rassismus sprechen zu dürfen?

Ja. Ganzen Gruppen von Menschen wurde sehr lange verboten zu sprechen, darum ist es wichtig zu sagen: "Wir reden jetzt für uns selbst!" Gleichzeitig ist das Private noch nicht politisch, es muss erst dazu gemacht werden. Erfahrung adelt mich noch nicht. Nehmen wir die jüngste Debatte um die WDR-Sendung "Die letzte Instanz": Natürlich müssen von Rassismus Betroffene eingeladen werden - aber man muss auch Leute einladen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Das ist ja kein Widerspruch, ich kenne ganz viele BIPoC-Rassismus-Expertinnen. Aber wir wollen es immer so gefühlig: "Wie empfindest du denn Rassismus?" Dabei ist Rassismus ja kein Gefühl, sondern etwas, das man analysieren kann. Gleichzeitig würde es eine gesamtgesellschaftliche Debatte unmöglich machen, wenn nur noch Menschen mit Rassismuserfahrung über Rassismus sprechen dürften. Ich halte es sowieso für naiv zu glauben, dass es Menschen gibt, die nicht von Rassismus betroffen sind.

Aber als weiße Person ist man doch nicht davon betroffen?

Auch, wenn man weiß ist, ist man von Rassismus betroffen: Weil man privilegiert ist und man auf der Seite der Schuldigen steht. Da muss man doch darüber nachdenken dürfen, was das mit einem selbst und mit dem eigenen Verhältnis zur Welt macht. Die Forderung "Ihr müsst den Mund halten und euch schämen!" finde ich politisch absurd. Obwohl ich natürlich auch Menschen kenne, bei denen ich mir denke: "Halt bitte den Mund."

© SZ/crab
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