Loveparade-Jubiläum Kickdrums der freien Gesellschaft

Mehr als nur Party: Die Loveparade, hier im Jahr 1999.

(Foto: dpa)

Vor 30 Jahren zogen erstmals Raver durch Berlin. Was viele als stumpfe Party-Demonstration abtaten, hat bis heute eine unterschätzte politische Dimension.

Von Quentin Lichtblau

Adorno, der zeitlebens Versuche, politischen Protest mit "popular music" zusammenzubringen, als oberflächliche Anmaßung verachtete, hat sich am 1. Juli 1989 möglicherweise mehrfach in seinem Grab umgedreht. Etwa 150 Menschen zuckten an jenem Samstag über den nieselregennassen Berliner Kurfürstendamm. Eine politische Demonstration, so war es zumindest bei der Stadt angemeldet, zwei Pritschenwagen, darauf ein Stromgenerator und eine Soundanlage mit der popular music der Stunde, Acid House und früher Techno. Offizielles Motto: "Friede, Freude, Eierkuchen" - die erste Loveparade.

Zwölf Jahre später entzog das Verwaltungsgericht Berlin der Loveparade ihre rechtliche Einordnung als Versammlung. Es fehle ihr an der "Erfordernis der gemeinsamen Meinungskundgabe", der damalige Slogan der mittlerweile zur Groß-Gmbh gewachsenen 2001er-Parade ("Join The Love Republic") wurde als nicht ausreichend gewertet, um der Stadt die alljährliche Reinigung der verstopften Straßen rund um Friedensengel und Tiergarten aufzudrücken.

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Außerdem war Techno für viele mittlerweile Maschinenmusik, Rhythmusgefrickel, hohles Versprechen von Fun, Fun, Fun für schlaflose Kapitalismus-Junkies. Hat Adorno also recht behalten? War auch bei der Loveparade der Versuch, populäre Musik mit Protest zu verschränken, zum Scheitern verurteilt? Gab es diesen Versuch überhaupt? Missbrauchen Techno-Trucks auf der Straße nicht viel mehr das Versammlungsrecht für stumpfen Hedonismus? Und: Ging es bei Techno jemals um Politik?

Die Antwort: Auf jeden Fall! Das Politische im Techno und seiner Schwester House äußert sich nicht in Songtexten oder Slogans, sondern in den geschaffenen Räumen und Erfahrungen.

Die Ursprünge des Techno liegen im Detroit der Achtziger, bei schwarzen Kids wie Juan Atkins und Derrick May, die den Synthie-Sound britischer Wave-Bands und die kühle Funkyness von Kraftwerk in eine eigene, neue Sprache übersetzten. Die in der Community bis dahin dominante Zuversicht des Motown-Soul passte nicht länger zu ihrer Lebensrealität: Die Stadt war im Niedergang begriffen, Fabriken machten dicht, Detroit spaltete sich in weiße, wohlhabende Vorstädte und ärmliche, schwarze Viertel. Mit Techno erschufen sich die Pioniere eine Roboter-Utopie, in der Mensch und Maschine zu Überwesen verschmolzen. Parallel dazu entstand in Chicago die Housemusik als härtere Essenz-Variante von Disco, wie gemacht für die queeren, exzessiven Lagerhallen-Partys der dortigen schwarzen Community.

Diese Partys, sowohl im Techno als auch im House, waren also von Beginn an Orte, an denen Unterschiede von Klasse, Herkunft und Geschlecht bewusst vermischt oder demonstrativ ad absurdum geführt wurden: Du denkst, ich bin ein armer schwarzer Junge aus dem Elendsviertel? Ich bin eine Diva mit grünen Haaren. Oder: Ich bin eine verdammte Mensch-Maschine!

Kann ein Musikgenre ein richtiges Leben im falschen führen?

Ende der Achtziger schwappten Techno und House dann nach Europa, wo sich die vom Neoliberalismus der Thatcher-Jahre geplagten britischen Jugendlichen auf illegalen Riesen-Raves einen "Second Summer of Love" feierten. In Berlin vertonten sie die Euphorie nach 28 Jahren Teilung und Kaltem Krieg, die Gründerväter aus Detroit waren hier bald bekannter als in ihrer Heimat.

Dass diese Musik aus den Lagerhallen Chicagos und Detroits nicht für immer nur reiner Underground bleiben würde, dass irgendwann der Markt das Geschäftsfeld Rave für sich entdecken sollte, war im Techno so absehbar wie bei jedem anderen Genre auch. Auf EDM-Festivals in Footballstadien holen sich die Besucher heute nach dem Einlösen sündhaft teurer Tickets den durchorchestrierten Kick einer einstündigen, durch Pyro- und Leinwandtechnik ergänzten DJ-Performance. Auch die späte Loveparade, die in Duisburg ein fürchterliches Ende nahm, hatte mit nächtelangen Trips in ferne Musik- und Gesellschaftsutopien zuletzt nicht mehr viel gemein.

Aber sind diese Auswüchse wirklich dem Techno anzulasten? Kann ein Musikgenre ein richtiges Leben im falschen führen? Den Rolling Stones wirft schließlich auch niemand vor, dass es Nickelback gibt.

Außerdem: Das gesellschaftlich Diverse, Anmaßende, Raumbildende und eben auch - bewusst oder unbewusst - Politische am Techno hält sich abseits der Footballstadien beharrlich. Damals wie heute zeigt sich die politische Energie von Techno und House besonders dann, wenn die geschaffenen Räume von anderen als Provokation empfunden oder bedroht werden.

Immer noch schleppen in den Provinznestern der Bundesrepublik Woche für Woche junge Menschen Soundsysteme in Straßenunterführungen, um sich vier Stunden später ihren Rave von der Polizei auflösen zu lassen. In Mecklenburg-Vorpommern hatte die Polizei jüngst das Bedürfnis, eine unter dem Begriff "Ferienkommunismus" verhandelte temporäre Parallellgesellschaft namens Fusion-Festival mit drastischen Sicherheitsvorkehrungen zu bedenken.

Immer noch werden Raver und Clubbetreiber in China und den UDSSR-Nachfolgestaaten, wo die Clubs oft die einzig queeren Orte sind und immer auch das Versprechen einer freieren Zukunft enthalten, kriminalisiert und verfolgt. In Georgien führte eine brutale Drogen-Razzia im Technotempel Bassiani dazu, dass am nächsten Tag tausende Menschen per Groß-Rave unter dem Motto "Wir tanzen zusammen, wir kämpfen zusammen" den Platz vor dem Parlament besetzten. Gewalttätigen Attacken von Orthodoxen und Ultra-Nationalisten zum Trotz. Der georgische Innenminister knickte schließlich ein und entschuldigte sich persönlich. Ein absolutes Novum in der noch jungen Demokratie.

Und auch hierzulande wird die Techno-Szene laut, wenn Rechtsextreme und Menschenfeinde an Raum gewinnen, sowohl innerhalb der Szene als auch nach außen. Nach innen, wenn DJs der Szene verwiesen werden, sofern sie sich rassistisch, sexistisch oder homophob äußern. Oder in der Arbeit feministischer DJ-Netzwerke, die dazu beitragen, dass sich das Geschlechterverhältnis hinter dem Mischpult immer mehr angleicht. Nach außen, wie etwa 2018, als Berliner Club-Betreiber und Partykollektive eine AfD-Kundgebung mit einer eigenen Gegeninitiative namens "AfD wegbassen" inklusive zahlreicher Trucks und zehntausenden Teilnehmern flankierten. Viele fühlten sich an Loveparade-Zeiten erinnert - im Positiven wie im Negativen.

Wieder kam die Frage auf: Ist das nun das richtige Zeichen? Ist das überhaupt ein Zeichen? Eine Demonstration, arm an Reden und Sprechchören, dafür reich an tanzenden Menschen? Wer aber unter den Tanzenden stand, zwischen lesbischen Paaren ohne Oberteil, geschminkten Männern, Menschen aller Hautfarben und Altersgruppen, Menschen in Lack und Leder, Tigerkostümen mit grünen, roten, blauen, glatten und krausen Haaren, dem wurde bewusst, dass Techno auch in Zukunft mindestens für all das steht, was die Feinde einer freien Gesellschaft hassen. Wer weiß, vielleicht hätte das sogar Adorno überzeugt.

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