Protest gegen die AfD in Berlin Als wäre mal wieder Loveparade

"AfD wegbassen" lautet das Motto der Protest-Karawane, die sich teils entlang der Strecke der einstigen Berliner Loveparade und auf der Spree bewegt.

(Foto: Hannibal Hanschke/Reuters)

Die AfD ruft in Berlin zur bundesweiten Kundgebung auf, um mit Merkels Politik abzurechnen. Gegendemonstranten starten eine Protest-Karawane. Und haben die Hoheit auf den Straßen und der Spree.

Von Mike Szymanski, Berlin

Dem Protest-Touristen der AfD aus Halle wird Kanzlerin Merkel es wohl nicht mehr recht machen können. Die Deutschlandfahne geschultert, die Herrenhandtasche am Handgelenk baumelnd, holt er mit einem Gedanken von verschwindend kurzer Halbwertszeit aus. "Frau Merkel müsste mal herkommen und fragen: Was könnte man besser machen?"

Das Endergebnis: 5000 AfD-Anhänger, 25 000 Gegendemonstranten

"Bass statt Hass"

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Wirklich? Nun, Merkel ist keine ängstliche Frau. Aber am Sonntagmittag vor dem Berliner Hauptbahnhof stellt sich schon sehr die Frage, wen aus dieser Runde wütender Bürger sie wohl noch von ihrer Person, geschweige denn von ihrer Politik überzeugen könnte; wer überhaupt bereit wäre, ihr zuzuhören. Es dauert nicht lange, dann geht der Gedanke des Mannes aus Halle im lautstarken "Merkel-muss-weg"-Sprechchor unter, als hätte es ihn so nie gegeben. Vor dem Hauptbahnhof ragen lauter Deutschlandfahnen in den Himmel. Der zweite, düstere Refrain, noch dröhnender, bedrohlicher von der Menge immer dann vorgetragen, wenn es um Flüchtlinge geht, lautet: "Abschieben!"

Es ist Politik-Sonntag in der Hauptstadt - wie sollte man sonst diesen etwas eigenwilligen Tag in Berlin nennen, der damit begonnen hat, dass die AfD ihn für sich zu beanspruchen versuchte. Sie hatte in Berlin zur bundesweiten Kundgebung aufgerufen, sie wollte den Sonntag zum Tag der Abrechnung mit Merkels Politik machen, samt Marsch durchs Zentrum und Rede vor dem Brandenburger Tor. Am Sonntag stellt sich die Zahl der zunächst angemeldeten Teilnehmer von 10 000 als etwas großspurig heraus, von 5000 war bald nur noch die Rede. Aber immerhin.

Die AfD mobilisiert - und wenn nicht die eigenen Leute, dann sehr zuverlässig doch deren Gegner. Auch die sind an diesem Sonntag in Berlin auf den Beinen, und zwar so zahlreich, dass bald selbst auf den Wegen im Tiergarten Rechtsverkehr gilt. So verstopft sind die Wege im Park, weil die großen Straßen gesperrt sind und die Polizei im Zickzackkurs durchs Zentrum umleitet. Sie spricht von 25 000 Gegendemonstranten. Ein von der Berliner Clubszene organisierter Umzug von etwa 30 Musikwagen zieht über die Siegessäule zur Straße des 17. Juni, gerade so, als wäre mal wieder Loveparade. Schon lange war der Übergang von der Clubnacht in den Tag nicht mehr so fließend - und so politisch; begleitet vom "Hass ist krass, Liebe ist krasser"-Sticker auf gebräunter Sommerhaut.

"AfD wegbassen" lautet das Motto der Protestkarawane, die sich teils entlang der Strecke der einstigen Berliner Loveparade bewegt. Die Organisatoren sprechen von 10 000 Teilnehmern allein an der Straße des 17. Juni. Insgesamt gibt es 13 Protestveranstaltungen. Gegensätzlicher könnten die politischen Botschaften an diesem Tag kaum sein, die nicht mal einen Kilometer Luftlinie voneinander entfernt unter freiem Himmel vorgetragen werden: AfD-Vorstandsmitglied Beatrix von Storch sagt: "Die Herrschaft dieses Islam in Deutschland ist nichts anderes als die Herrschaft des Bösen." Über den Fußball-Nationalspieler Mesut Özil sagt sie: Er sei "trotz seines deutschen Passes kein Deutscher". Weil er die Nationalhymne nicht singen wolle und sich mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan getroffen habe. Auf der Bühne vor dem Reichstag hat ein Überlebender des Holocaust das Wort: "Wehret den Anfängen.

Die AfD ist so ein Anfang." Bereits vor den Kundgebungen hatte CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer die AfD angegriffen. "Die AfD bringt den Antisemitismus in die Parlamente", hatte sie in einem Gastbeitrag für die Bild am Sonntag geschrieben und die AfD als "Rattenfänger" beschimpft. AfD-Ko-Chef Jörg Meuthen reagierte empört. Dies sei an Schäbigkeit kaum zu überbieten. So geht es an diesem Sonntag hin und her.

Die Frau, die bei den Gegendemonstranten durch den Tag moderiert, sagt: "Wir sind lauter, bunter, besser." Drüben, auf dem anderen Ufer der Spree, heißt es: "Schneller, härter, lauter". Immerhin: Es bleibt weitgehend friedlich - auch dann, als die beiden Lager zum Abschluss am Brandenburger Tor ganz nah aneinander heranrücken. Der AfD-Ko-Chef Alexander Gauland sagt dort, die etablierten Parteien "lieben die Fremden, nicht uns, nicht euch, nicht die Deutschen." Und dann betont er noch, niemand solle sich einbilden, dass die AfD vorübergehe. Aber, für diesen Tag, ist dann Schluss.

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