bedeckt München 15°

Jüdische Identität:Wer bin ich, und wenn ja, wie jüdisch?

In Jerusalem besuchen Dmitrij und sein Vater Leonid die Klagemauer.

(Foto: REUTERS)

In seinem Debütroman erzählt der aus Kiew stammende Dmitrij Kapitelman hinreißend witzig von seinem Vater, einer Reise nach Israel und der deutschen Nicht-Willkommen-Kultur.

Im ICE nach Essen. Eine ältere Dame: "Entschuldigen Sie, aber was genau lesen Sie denn da?" "Oh, was genau, also, ein autobiografischer Roman. Eine Reise nach Israel, ein . . . warum fragen Sie?" "Weil Sie schon seit Frankfurt so glücklich wirken." Glücklich. Puh. Ein großes Wort. So eindeutig und strahlend. Dabei ist es ja sehr schwierig und verworren mit diesem Leonid Kapitelman. Er sagt, er glaube an gar nichts, wenn er aber "Rain Man" ansieht, merkt er danach jedes Mal stolz an, dass Dustin Hoffman auch ein Jude sei. Auch heißt in dem Fall: so wie er selber. Religiöse Traditionen und Rituale hält Leonid Kapitelman für kompletten Humbug. So als wolle er das immer wieder aggressiv unter Beweis stellen, isst er liebend gerne Schweinefleisch, mit schön viel Schweinefleischsoße - will aber nach seinem Tod unbedingt auf einem jüdischen Friedhof bestattet werden.

Das Schicksal im Verein mit dem deutschen Asylkontingentverteiler schickte Kapitelman nach Leipzig

Auch wenn man mal von seinem verschachtelten Verhältnis zum Judentum absieht, ist es nicht leicht, diesen Mann zu fassen zu kriegen. In seinem früheren Leben, in Kiew, muss er ein charismatischer, witziger Mann mit einem großen Freundeskreis gewesen sein. Die Sowjetunion hatte ihm als Juden zwar eine Karriere als Mathematiker verwehrt. Aber er war dann eben ein abenteuerlustiger Kleinunternehmer geworden, der auf eigene Faust auf Einkaufstour nach China fuhr. Hier in Deutschland aber scheint er irgendwann in sich selbst verschwunden zu sein und sein Leben nur noch abzusitzen, ein rundlicher Endfünfziger, der seine eigene Existenz wie eine viel zu schwere Alditüte mit sich rumschleppt. Tagaus tagein steht er in seinem verkruschten Leipziger "Magazin", einer Mischung aus Copyshop, Tante-Emma-Laden und Osteuropaboutique, "grau, unkonzentriert, eingetönt in das teilnahmslose Surren der Kühltruhen".

In diesem aus der Zeit gefallenen Laden schlägt sein Sohn, Dmitrij Kapitelman, ihm am Anfang des Buches vor, gemeinsam nach Israel zu reisen. Weil er hofft, dass sein Vater sich ihm dort offenbart. Endlich offen mit ihm redet statt sich immer tiefer in seinem argumentativen Irrgarten zu verstecken. Und weil er, also Dima, das mit dem Judentum für sich selbst auch nochmal klären möchte, schließlich hat er selbst einen recht prekären Identitätsstatus: Kontingentflüchtling, ukrainischer Pass, Leipziger Kindheit, Berliner Studentenjahre, und als Jude "eine Art Mängelexemplar": Mutter Moldawierin, keine Jüdin. Ausschließlich väterlicherseits Jude zu sein, ist aber "wie eine exklusive und lebenslange Mitgliedschaft in einem Schwimmbad, dessen Becken nie mit Wasser gefüllt ist."

Rechtspopulismus Wie der Antisemitismus an die Ostsee kam
Rechtspopulismus

Wie der Antisemitismus an die Ostsee kam

Nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern stellt sich in einigen beliebten Ostseebädern die Frage, wer zuerst da war: der Fremdenverkehr oder der Fremdenhass?   Von Lothar Müller

Das also ist das Setting: Junger Autor reist mit seinem Vater nach Israel. Klingt nach hohem Peinlichkeitspotenzial. Autobiografische Seelenerkundung, deutsche Selbstfindungsprosa, sanft gewürzt mit jüdischem Humor. Vielleicht haben die Juroren aufgrund solcher Vorurteile dieses Debüt bei der Auswahl zum Buchpreis übersehen? Was Dmitrij Kapitelman daraus macht, ist jedenfalls meisterhaft.

Zum einen erzählt dieses Buch die Biografie einer Einwandererfamilie. Das Schicksal - im Verein mit dem deutschen Aslykontingentverteiler - schickte Dmitrij Kapitelman und seine Eltern 1994 von Kiew nach Leipzig. "Mein Vater ergatterte sein Existenzschnäppchen, die BRD bekam Rabatt auf ihre Vergangenheit." In Deutschland sind sie nur gelandet, weil sie "willkommene Wiedergutmachungsjuden" waren. Der junge Dima merkt freilich nichts davon, dass er willkommen ist. Ringsum Nazis, so viele, dass Kapitelman als Jugendlicher nicht mal auf die Idee gekommen wäre, zur Polizei zu gehen, wenn er wieder drangsaliert wurde.