Süddeutsche Zeitung

Jüdische Identität:Wer bin ich, und wenn ja, wie jüdisch?

In seinem Debütroman erzählt der aus Kiew stammende Dmitrij Kapitelman hinreißend witzig von seinem Vater, einer Reise nach Israel und der deutschen Nicht-Willkommen-Kultur.

Buchkritik von Alex Rühle

Im ICE nach Essen. Eine ältere Dame: "Entschuldigen Sie, aber was genau lesen Sie denn da?" "Oh, was genau, also, ein autobiografischer Roman. Eine Reise nach Israel, ein . . . warum fragen Sie?" "Weil Sie schon seit Frankfurt so glücklich wirken." Glücklich. Puh. Ein großes Wort. So eindeutig und strahlend. Dabei ist es ja sehr schwierig und verworren mit diesem Leonid Kapitelman. Er sagt, er glaube an gar nichts, wenn er aber "Rain Man" ansieht, merkt er danach jedes Mal stolz an, dass Dustin Hoffman auch ein Jude sei. Auch heißt in dem Fall: so wie er selber. Religiöse Traditionen und Rituale hält Leonid Kapitelman für kompletten Humbug. So als wolle er das immer wieder aggressiv unter Beweis stellen, isst er liebend gerne Schweinefleisch, mit schön viel Schweinefleischsoße - will aber nach seinem Tod unbedingt auf einem jüdischen Friedhof bestattet werden.

Das Schicksal im Verein mit dem deutschen Asylkontingentverteiler schickte Kapitelman nach Leipzig

Auch wenn man mal von seinem verschachtelten Verhältnis zum Judentum absieht, ist es nicht leicht, diesen Mann zu fassen zu kriegen. In seinem früheren Leben, in Kiew, muss er ein charismatischer, witziger Mann mit einem großen Freundeskreis gewesen sein. Die Sowjetunion hatte ihm als Juden zwar eine Karriere als Mathematiker verwehrt. Aber er war dann eben ein abenteuerlustiger Kleinunternehmer geworden, der auf eigene Faust auf Einkaufstour nach China fuhr. Hier in Deutschland aber scheint er irgendwann in sich selbst verschwunden zu sein und sein Leben nur noch abzusitzen, ein rundlicher Endfünfziger, der seine eigene Existenz wie eine viel zu schwere Alditüte mit sich rumschleppt. Tagaus tagein steht er in seinem verkruschten Leipziger "Magazin", einer Mischung aus Copyshop, Tante-Emma-Laden und Osteuropaboutique, "grau, unkonzentriert, eingetönt in das teilnahmslose Surren der Kühltruhen".

In diesem aus der Zeit gefallenen Laden schlägt sein Sohn, Dmitrij Kapitelman, ihm am Anfang des Buches vor, gemeinsam nach Israel zu reisen. Weil er hofft, dass sein Vater sich ihm dort offenbart. Endlich offen mit ihm redet statt sich immer tiefer in seinem argumentativen Irrgarten zu verstecken. Und weil er, also Dima, das mit dem Judentum für sich selbst auch nochmal klären möchte, schließlich hat er selbst einen recht prekären Identitätsstatus: Kontingentflüchtling, ukrainischer Pass, Leipziger Kindheit, Berliner Studentenjahre, und als Jude "eine Art Mängelexemplar": Mutter Moldawierin, keine Jüdin. Ausschließlich väterlicherseits Jude zu sein, ist aber "wie eine exklusive und lebenslange Mitgliedschaft in einem Schwimmbad, dessen Becken nie mit Wasser gefüllt ist."

Das also ist das Setting: Junger Autor reist mit seinem Vater nach Israel. Klingt nach hohem Peinlichkeitspotenzial. Autobiografische Seelenerkundung, deutsche Selbstfindungsprosa, sanft gewürzt mit jüdischem Humor. Vielleicht haben die Juroren aufgrund solcher Vorurteile dieses Debüt bei der Auswahl zum Buchpreis übersehen? Was Dmitrij Kapitelman daraus macht, ist jedenfalls meisterhaft.

Zum einen erzählt dieses Buch die Biografie einer Einwandererfamilie. Das Schicksal - im Verein mit dem deutschen Aslykontingentverteiler - schickte Dmitrij Kapitelman und seine Eltern 1994 von Kiew nach Leipzig. "Mein Vater ergatterte sein Existenzschnäppchen, die BRD bekam Rabatt auf ihre Vergangenheit." In Deutschland sind sie nur gelandet, weil sie "willkommene Wiedergutmachungsjuden" waren. Der junge Dima merkt freilich nichts davon, dass er willkommen ist. Ringsum Nazis, so viele, dass Kapitelman als Jugendlicher nicht mal auf die Idee gekommen wäre, zur Polizei zu gehen, wenn er wieder drangsaliert wurde.

Schließlich wurde ihm von vornherein, mit dem Eintritt in die Grundschule klargemacht, dass er hier nichts zu suchen habe: Als er mit seiner Mutter zum ersten Elternabend geht, fragt die ihn, ob ihm einer seiner Freunde einen Platz freigehalten habe. "Ich antwortete wahrheitsgemäß, dass ich keine Freunde in meiner Klasse habe." Als seine Mutter ihn entsetzt fragt, ob das stimme, versteht er gar nicht, "was die Fragerei sollte. Im Heim hat man Freunde, in der Schule nicht. Ich war der stinkende Russenjunge, in der Form hatte man mir das mehrmals auf dem Schulhof kommuniziert." All das ist in den einzelnen Ausdrücken so brillant wie politisch scharfsichtig formuliert. Zugleich steckt in dieser einen, völlig neutral erzählten Szene die ganze Einsamkeit einer Kindheit.

Dann ist da diese großartige Hauptfigur, denn zumindest als Autor hat Kapitelman großes Glück mit seinem Vater. Die philosophische Schwermut, die argumentative Widersprüchlichkeit - man hat sich die Hirnwindungen des Leonid Kapitelman eher wie einen Haufen Luftschlangen vorzustellen, so verdreht ist seine Logik -, all das eingelagert in eine gutversteckte Warmherzigkeit, die zu jähen Momenten enthusiastischer Weltumarmung führt: Hier spricht ein ferner Verwandter von Pnin, dem verschrobenen russischen Professor aus Vladimir Nabokovs gleichnamiger, saukomischer Liebeserklärung an alle Exilanten dieser Welt.

Auf die Einbürgerungseuphorie folgt der Identitätskater

Mit diesem Vater also macht sich Kapitelman auf nach Israel. Die beiden besuchen alte Freunde des Vaters, fahren ans Tote Meer, verbringen ein paar Tage in Jerusalem, gehen an die Klagemauer, und allmählich taut Leonid auf. Er liebt die Sicherheit der Flughäfen und kann sich nicht sattsehen an den Waffen im Museum der Israelischen Streitkräfte, ja wenn es für den Vater ein Leit- wie Leidmotiv auf dieser Reise gibt, dann ist es dieses Gefühl, sich endlich, erstmals irgendwo in Sicherheit zu fühlen, einer unter vielen zu sein.

Aber auch Dima, der Erzähler, der doch so eindeutig nur im Reich der unabhängig-souveränen Skeptiker zu Hause zu sein glaubte, erlebt plötzlich seltsame Zugehörigkeitssehnsüchte. Als ihm ein Mitarbeiter eines Museums sagt, er könne sofort israelischer Staatsbürger werden, setzt sich dieser Satz wie ein Sirenengesang in Kapitelmans Kopf fest. Bürger eines Landes werden. Als einer, der aus der Ukraine fortmusste und dem in Deutschland nun wirklich keiner einen herzlichen Empfang bereitet hat. Sofort Bürger dieses Landes werden! Kapitelman lässt sich eine Bar Mizwa aufschwatzen, so richtig mit "Gebetsequipment" und orthodoxem Singsang. Überflüssig zu sagen, dass ihn am Tag nach dieser Einbürgerungseuphorie "ein ekliger Identitätskater" befällt.

So ist dieses Buch auch ein Antidot gegen den allerorten erstarkenden Nationalismus und das giftige "Identitin", das Kapitelman in Deutschland genauso wie in Israel aufspürt. Am Ende mündet das Ganze sogar noch im eine geradezu grotesk tollkühne Liebesgeschichte: Kapitelman Junior reist - alleine, sein Vater erklärt ihn für verrückt und bleibt angstschlotternd in Israel - in die besetzten Gebiete. Den arabischen Studenten, die er in Hebron kennenlernt, sagt er, dass er Deutscher ukrainischer Abstammung sei - das stimmt und ist kein Problem. Aber dann lernt er Dina kennen, die englische Literatur studiert hat und unter ihrem schwarzen Kopftuch hinreißend aussieht. Am selben Tag sind Wahlen drüben im plötzlich sehr fernen Israel, Netanjahu gewinnt mit seiner Angstpropaganda, und Dima Kapitelman gerät in den größten nur denkbaren Herzensschlamassel samt Nahosterektion. Und im ICE nach Essen muss jemand laut lachen vor Leseglück.

Dmitrij Kapitelman: Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters. Carl Hanser Verlag, München 2016. 288 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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SZ vom 06.09.2016/doer
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