Literatur:Das sind die wichtigsten Bücher des Herbstes

Über diese Bücher spricht man jetzt. Aber was taugen sie? Ein Überblick über den Bücherherbst zu Beginn der Frankfurter Buchmesse.

Aus der SZ-Literaturredaktion

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Jane Gardam: Letzte Freunde

Jane Gardam Letzte Freunde Hanser

Quelle: Hanser

"Letzte Freunde" ist der Abschluss der Romantrilogie um das alte englische Ehepaar Elisabeth (Betty) und Edward (Filth) Feathers. War der erste Band aus der Perspektive des Ehemannes geschrieben und der zweite aus der der Ehefrau, geht es nun um den Mann, von dem Betty ihr Leben lang träumte: Terry Veneering.

Gardams Schreiben wirkt einerseits spektakulär bescheiden, andererseits erzeugt es einen ungeheuren Sog. Sie erzählt das, was ältere Menschen normalerweise für sich behalten, was sie aber auch interessant macht - die Liebeskatastrophen, die verpassten Chancen, die Kreuzungen, an denen sie falsch abgebogen sind. Die Figuren in "Letzte Freunde" haben schon mehr hinter als vor sich, ihre Möglichkeiten schwinden, die Sehnsucht nicht.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von David Pfeifer mit SZ Plus

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Han Kang: Die Vegetarierin

Han Kang Die Vegetarierin Aufbau Verlag

Quelle: Aufbau

Wasser und Sonne - das ist alles, wonach Yeong-Hye, die Protagonistin in Han Kangs Roman "Die Vegetarierin", sich sehnt. Ihr selbstzerstörerisches Antiheldentum gründet in dem Wunsch, sich in eine Pflanze zu verwandeln. Auf dem Weg dahin sondiert der Roman die Abgründe einer patriarchalischen Gesellschaft. Denn Yeong-Hyes Geschichte ist die Geschichte einer Rebellion durch Verweigerung.

In Südkorea ist Han Kangs Roman bereits vor neun Jahren erschienen, im vergangenen Jahr erhielt er den Man Booker International Prize, nun wurde er ins Deutsche übersetzt.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Karin Janker.

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Elena Ferrante: Meine geniale Freundin

Meine geniale Freundin

Quelle: dpa

Elena Ferrante und ihre Enttarnung sind die Literatursensation des Herbstes. Aber "Meine geniale Freundin", der erste Band der "Neapolitanischen Suite", der kürzlich auf Deutsch erschienen ist, wäre auch ohne die Spekulationen um seine Urheberin der Lektüre wert.

Es geht um die besondere Beziehung zwischen Elena Greco ("Lenù") und Raffaella Cerullo ("Lila"). Die beiden sind grundverschieden, doch ist ihre Freundschaft stark genug, sämtliche Männergeschichten, Schwangerschaften und Karriereentwicklungen über mehr als vierzig Jahre auszuhalten. Das alles spielt sich ab vor dem Hintergrund der jüngeren italienischen Geschichte - vom Fiat 1100 über die Kampfschriften der Feministin Carla Lonzi aus den 70er-Jahren bis zu den Korruptionsskandalen der 90er-Jahre.

"Meine geniale Freundin" und seine drei Nachfolger oszillieren zwischen Unterhaltung und großer Literatur, darin liegt ihr Erfolg. Sie entwickeln Seifenopern-Sog und bieten doch brillante Einsichten und tiefgründigen Lesegenuss.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Thomas Steinfeld.

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Philipp Winkler: Hool

Philipp Winkler: Hool

Quelle: SZ

Philipp Winklers Debütroman ist ein Buch über Männer, die nicht Schritt halten können mit der Gegenwart. "Hool" zeichnet das Porträt eines gesellschaftlichen Außenseiters und Verlierers, der sich an männliche Kameradschaftsfantasien klammert und dabei selbst zerstört. Denn mit 27 hat Winklers Hauptfigur Heiko nichts im Leben außer seinen Freunden, seinem Verein Hannover 96 und einem Job im Fitnessstudio - seine Freundin ist ihm weggelaufen.

Philipp Winkler schildert in seinem Roman eine Männerwelt, "mal weiß wie Pommessalz, mal grau wie Beton", die im letzten Aufbäumen in den nächsten Gang schaltet. Wie sein Protagonist Heiko streift sich der Roman erzählerisch die Lederjacke eines Streetworkers über und begleitet seinen Protagonisten in die stinkenden Fußballkneipen.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Philipp Bovermann.

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Navid Kermani: Sozusagen Paris

Navid Kermani Sozusagen Paris Hanser

Quelle: Hanser

"Sozusagen Paris" ist als die andere Seite des Flügelaltars konstruiert, den Navid Kermani mit "Große Liebe" begann. Mit den kümmerlichen Resten enttäuschter Erwartung sitzt ein Schriftsteller im Wohnzimmer seiner immer noch attraktiven ersten Liebe Jutta und muss dabei zusehen, wie sie alles demontiert: nicht nur das Bild, das er sich von ihr gemacht hat, sondern gleich auch noch ihr eigenes Familienleben.

In einer Art doppeltem Präsens erzählt der Roman, was sich in der Villa und im Präsens des Schreibvorgangs ereignet. Einwürfe des Lektors erhalten ebenso Raum wie ausführliche Referate über die Literaturgeschichte, von Flaubert über Zola, Stendhal, Balzac bis zu Julien Green und Proust. Das schadet eher, als es nützt. Denn die Einschübe bringen nicht nur die ohnehin mühsam voranschreitende Handlung ins Stocken. Sie schieben sich auch vor die Wahrnehmung des Erzählers.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Meike Fessmann.

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Christian Kracht: Die Toten

"Die Toten" von Christian Kracht

Quelle: Kiepenheuer & Witsch

Christian Krachts neuer Roman spielt um 1933 und verknüpft die Geschichten eines Schweizer Filmregisseurs und eines japanischen Kulturbeamten. Ersterer möchte einen Gruselfilm in Japan drehen, letzterer dem amerikanischen Kulturimperialismus trotzen. Aber die Handlung ist nur Aufhänger für Kracht-typische Anspielungen, Verweise und Umdichtungen aller Art - von Siegfried Kracauer bis Heinz Rühmann. Das Vertrackte: Man wird weder glücklich, wenn man diese Prosa zu ironisch liest, noch dann, wenn man sie zu ernst nimmt.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Jens-Christian Rabe.

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Colm Tóibín: Nora Webster

Colm Tóibín: Nora Webster

Quelle: SZ

Als ihr Mann Maurice stirbt, muss Nora Webster, Titelfigur in Colm Tóibíns neuem Roman, auf einmal alles alleine stemmen: Job, Haushalt, Kinder. Nora Webster ist eine ebenso einfache wie erstaunliche Frau aus dem Süden Irlands. Bald befreit sie sich vom Muttersein. Wie ihre Ahninnen Anna Karenina, Effi Briest oder Emma Bovary gehört sie schon jetzt in die Galerie der unsterblichen literarischen Frauengestalten. "Nora Webster" ist ein großer Entwicklungsroman über eine Frau in einem über Jahrhunderte unterentwickelten und fremdbestimmten Land, ein stilles Meisterwerk.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Christopher Schmidt.

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Teresa Präauer: Oh Schimmi

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Quelle: Wallstein

Mit Teresa Präauers nunmehr drittem Roman zeichnen sich langsam die Umrisse eines Präauerschen Œuvres ab. Dessen Merkmal ist die Falltür, eine große Klappe, die sich im vermeintlich festen Boden der gehobenen Umgangssprache auftut, sobald Teresa Präauer die Dinge und Menschen beim Wort nimmt.

"Oh Schimmi" erzählt von einem jungen Mann in Liebesnöten, ist zugleich der Roman einer ziemlich verrückten Familie in einem ganz schön bildungsfernen, in Problemvierteln ansässigen Milieu. Der Roman könnte aber auch als gesellschaftskritische Satire auf die gesellschaftskritische Satire gelesen werden. Oder als Hommage an alles Äffische. "Oh Schimmi" ist nicht nur albern, sondern auch klug, ja sogar der eigenen Autorenfigur gegenüber subversiv.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Insa Wilke.

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Don DeLillo: Null K

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Quelle: Kiepenheuer&Witsch

Der Tod ist in allen Büchern von Don DeLillo die geheime Hauptfigur. Doch so direkt wie in seinem neuen Roman, in dem es um seine Abschaffung geht, hat DeLillo ihm noch nie ins Auge gesehen.

In "Null K" geht es um Superreiche, die sich in der kasachischen Steppe in den vorläufigen Tod verabschieden. Kurz vor ihrem biologischen Ende lasse sie sich einfrieren, um die spätere Wiedergeburt zu erleichtern. Auch die Stiefmutter des Ich-Erzählers sieht diesem Schicksal entgegen. Doch bis "es" geschieht, vergehen Tage des Wartens, die Zeit kommt fast zum Stillstand. Und auch der Leser versinkt in den Kapiteln wie in einem schweren, verstörenden Traum.

Lesen Sie hier die Rezension von Jörg Häntzschel.

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Marlene Streeruwitz: Yseut

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Quelle: SZ

Yseut ist der Name der Titelfigur in Marlene Streeruwitz' neuem Roman. Yseut ist weit gereist, sprachgewandt, sehr attraktiv, überaus kunstsinnig - kurz: der Prototyp einer starken Frau Ende sechzig. Ihr Problem: "Sie hatte nicht gelebt." Und das liegt an den Männern. Aber warum zerfällt selbst das reichste Frauenleben in die Kapitel: vor Männern, mit Männern, nach Männern? Der Roman liefert keine eindeutige Antwort. Aber man bekommt Lust, sich wie Yseut zu bewaffnen.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Meredith Haaf.

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Joshua Cohen: Solo für Schneidermann

Schöffling & Co. Joshua Cohen Solo für Schneidermann

Quelle: Schöffling & Co.

In "Solo für Schneidermann" lässt der junge amerikanische Autor Joshua Cohen einen Stargeiger über Judentum, Musik, die alte und die neue Welt monologisieren. Statt zu spielen verkündet der 80-jährige Geiger Laster eines Abends bei einem Konzert, er wolle lieber eine Rede halten über seinen kürzlich verschollenen Freund Schneidermann, einen unfassbar genialen Komponisten. Und dann geht es los: Seite um Seite schwirren die Kommata wie Achtelnoten, selbst eine musikalische Gliederung in Sätze nach Tempo und Stimmung, die sich wohl angeboten hätte, verschmäht Cohen und fegt prestissimo dahin. "Solo für Schneidermann" ist ein aberwitziges, emotional starkes, aber auch sehr anspruchsvolles Buch.

Lesen Sie hier die ausführliche Rezension von Burkhard Müller.

© SZ.de/cag/luc/luc
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