bedeckt München 14°

Literatur:Vom Instinkt der Regenwürmer

Daily Life In Wuhan During Lockdown

Wuhan am 27. Januar 2020, dem vierten Tag des Lockdown, als der Rest der Welt noch dachte, dieses Corona-Virus betreffe sie nicht.

(Foto: Getty Images)

Nahe und ferne Desaster: Das Pandemie-Tagebuch der Autorin Fang Fang erinnert verblüffend an die Zeitzeugenberichte aus Tschernobyl.

Von Felix Stephan

In den Jahren nach der nuklearen Katastrophe in Tschernobyl reiste die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch immer wieder in die Region, um die Überlebenden des Reaktorunfalls zu interviewen. In einem der Gespräche, die sie dort führte, erzählte ihr die Frau eines Feuerwehrmannes, vor allem sei es unerträglich gewesen sei, dass man sie im Krankenhaus nicht zu ihrem sterbenden Mann habe vorlassen wollen. Sie hatten gerade erst geheiratet, "wir hatten uns noch nicht genug aneinander gefreut", und sie flehte die Krankenschwestern an, sie zu ihm zu lassen. Wider besseren Wissens erlaubten sie ihr fünfzehn, zwanzig Minuten. "Was denkst du dir dabei?", fragten die Schwestern, "Er ist kein Mensch mehr, sondern ein Reaktor." Im Interview mit Alexijewitsch erzählt die Frau: "Viele Ärzte, Schwestern, besonders Hilfsschwestern dieses Krankenhauses sind später krank geworden... und gestorben... Aber damals wusste das noch keiner."

Swetlana Alexijewitsch, die im Jahr 2015 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, hat solche Gesprächsprotokolle in ihrem Buch "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" kompiliert. Und an dieses Buch muss man jetzt unweigerlich denken, wenn man das "Wuhan Diary" der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang liest. Die Ähnlichkeiten zwischen den Erzählungen aus den Zentren der Katastrophe sind verblüffend. Auch Fang Fang berichtet von einem unsichtbaren Gegner, der die vertraute Umgebung von einem Tag auf den anderen in ein verseuchtes Gelände verwandelt hat, auch sie berichtet von inkompetenten, opportunistischen Behörden, die durch ihre Vertuschungsversuche die ganz große Katastrophe überhaupt erst herbeiführen, und von gleichgeschalteten Medien, die sich an der Desinformationskampagne der Regierung willfährig beteiligen. Und auch sie berichtet von Ärzten und Schwestern, die selbst nicht wissen, was sie da auf ihren Stationen überrollt, und die wenig später zu den ersten Opfern gehören.

Die Frage drängt sich auf, ob in diesen Ähnlichkeiten nicht vielleicht ein Schlüssel liegen könnte, um eines Tages zu verstehen, was der Menschheit damals im Jahr 2020 überhaupt passiert ist. An öffentlichen und veröffentlichten Corona-Tagebüchern besteht kein Mangel und implizit geht aus ihnen allen hervor, dass das Verstehen und Aufarbeiten noch lange nicht begonnen hat. Stand heute sind weltweit fast 400000 Menschen an dem Virus gestorben und in Afrika und Indien geht es gerade erst los.

Fang Fang beginnt ihr öffentliches Tagebuch, als in Wuhan die Ausgangssperre verhängt wird, um die Vorgänge für die Nachwelt zu dokumentieren. Erstaunlich ist dabei unter anderem, wie viel offene, zornige Kritik an den Behörden sie sich erlaubt, obwohl in China kleinste Verstöße lange Haftstrafen nach sich ziehen können. Sie fordert Rücktritte, appelliert an das Gewissen der Verantwortlichen, hält ihnen all die Toten vor, die heute noch leben könnten, wenn die Behörden ihrer Verantwortung gerecht geworden wären.

Es ist eine Bestandsaufnahme, ein Verzeichnis einiger Verluste

Die Chronologie der ersten Tage: Am 1. Januar wurde der "Südchinesische Markt für Meeresprodukte" in Wuhan von den Behörden geschlossen. Am 7. Januar erklärt der chinesische Virologe Xu Jianguo, dass es sich bei dem neuartigen Virus um ein unbekanntes Coronavirus handelt. Am 10. Januar erklärt ein Vertreter eines Untersuchungsteams, das nach Wuhan entsandt wurde, im staatlichen Fernsehen, dass das Virus "nicht von Mensch zu Mensch übertragbar" und "unter Kontrolle" sei. Am 25. Januar beginnt Fang Fang ihr Blog mit dem Satz: "Ich habe keine Ahnung, ob dieser Eintrag die Leser erreichen wird." Und schon am 3. März, fünf Wochen später, meldet das Zentralkrankenhaus von Wuhan 200 infizierte Mitarbeiter, mehrere Oberärzte am Beatmungsgerät, mehrere Krankenschwestern schweben zwischen Leben und Tod.

Natürlich ist auch das Buch von Fang Fang in erster Linie ein Dokument des Schocks und der Orientierungslosigkeit. Der Text ist fahrig, redundant und richtungslos, weil auch die Autorin nicht weiß, was wichtig und was vernachlässigbar ist, wie die Geschichte eines Tages erzählt werden wird. Es ist eine Bestandsaufnahme, ein Verzeichnis einiger Verluste. Aber gerade diese Unmittelbarkeit macht den Vergleich mit Alexijewitschs Tschernobyl-Buch fruchtbar. Alexijewitsch erzählt im Vorwort, dass am ergiebigsten die Gespräch mit den Bauern waren, die über die Katastrophe nie einen Film gesehen oder ein Buch gelesen hatten, und ganz aus ihrer eigenen Erinnerung heraus sprachen. In diesem Modus spricht auch Fang Fang. Als sie anfängt zu schreiben, gibt es noch keine offizielle Version der Pandemie, offiziell wurde gerade erst die Existenz des unbekannten Virus eingestanden.

Fang Fang empört sich über die unverschämten Preise, die die Apotheker für Atemmasken aufrufen, während die Apotheker die Aufschläge auf die Lieferanten schieben. Sie erzählt, wie eine inoffizielle Tauschwirtschaft um die Atemmasken entsteht, wie sie Gastgeschenke und Bestechungsmittel werden. Und sie berichtet, dass sie sich Sorgen um ihren vorbelasteten Bruder macht, der ganz in der Nähe des Marktes lebt, und wie die Nachbarn gemeinsame Einkaufstouren organisieren, damit die Alten und Kranken nicht vor die Tür müssen, während Behörden und Medien eisern schweigen und beschwichtigen.

Die Wuhaner Autorin Fang Fang.

(Foto: David Levenson)

"Selbst eine gewöhnliche Bürgerin wie ich hatte bereits von der Ansteckungsgefahr des neuen Virus gehört und trug ab dem 18. Januar eine Schutzmaske", schreibt sie: "Und die Medien? Am 19. Januar berichteten sie begeistert vom 'Festmahl der 10000 Familien', am 21. Januar über die riesige Neujahrsgala in Anwesenheit der Führungspersönlichkeiten. Tag für Tag erfreute sich die missgeleitete Bevölkerung an den üppigen Festlichkeiten einer 'Welt in Frieden und Wohlstand', ohne ein Wort der Warnung."

Beide berichten von einem neuen Verständnis dafür, wie verwoben Erde und Menschheit seien

Und in Tschernobyl? Ein Soldat, der in der Sperrzone die Erde umgraben sollte, die "Erde in der Erde vergraben", berichtet Swetlana Alexijewitsch, dass die Einheimischen von nichts wussten, als seine Einheit in der Kreisstadt Choiniki ankam: "Genau wie wir sahen sie ein Dosimeter zum ersten Mal. Wir fuhren weiter, kamen in ein Dorf, dort wurde eine Hochzeit gefeiert: Das junge Paar küsst sich, Musik, Selbstgebrannter... Wie es eben auf einer Hochzeit zugeht." Zwei Angler berichten, dass sie nicht aus den Medien, sondern von den Regenwürmern erfahren haben, dass etwas nicht stimmt: "Wir warteten darauf, dass man uns im Fernsehen etwas erklärte... Uns sagte, wie man sich schützen kann. Aber die Regenwürmer... einfache Regenwürmer! Die verkrochen sich tief in der Erde. (...) Wir kapierten natürlich nicht. Wir buddelten und buddelten. Wir fanden keinen einzigen Regenwurm zum Angeln."

Beide Bücher berichten außerdem von einem veränderten Raumgefühl durch die Katastrophe, von einem neuen Verständnis dafür, wie klein und verwoben Erde und Menschheit in Wirklichkeit seien: "Noch immer benutzen wir alte Begriffe wie 'fern - nah', 'wir - die anderen'", heißt es bei Alexijewitsch, "aber was bedeutet nah oder fern noch nach Tschernobyl, da die radioaktiven Staubwolken schon vier Tage später über Afrika und China waren?" Und als in Wuhan erste Studienergebnisse aus amerikanischen Krankenhäusern eintreffen, schreibt auch Fang Fang im Überschwang von einer neuen Weltgemeinschaft: "Das Virus ist ein Feind der gesamten Menschheit, wir müssen Hand in Hand zusammenarbeiten, wir sitzen in einem Boot."

Trotz allem nimmt Fang Fang den Beamten von Wuhan ihr Versagen nicht einmal persönlich übel, ihr Verhalten entspreche einfach dem Verhalten des durchschnittlichen chinesischen Funktionärs. Die Beamten einer anderen chinesischen Region hätten ganz genauso gehandelt. Ohne schriftliche Anweisungen wüssten sie nicht, was sie tun sollen. "Es sind die üblen Folgen der Negativauslese der Beamtenschaft, den leeren, politisch korrekten Geschwätzes und der Missachtung von Tatsachen, die üblichen Folgen des Verbots, die Wahrheit auszusprechen, die Verhinderung der Medien, den wahren Sachverhalt auszusprechen, die wir jetzt auszubaden haben."

In ihrem Vorwort zum Tschernobyl-Buch schrieb Swetlana Alexijewitsch 1997, dass die Welt durch die nukleare Katastrophe in eine neue Zukunft eingetreten sei und dass sie ihr Buch keine Chronik der Vergangenheit, sondern eine Chronik dieser Zukunft sei, die in Tschernobyl ihren Ursprung habe. Fang Fangs Buch scheint den Verdacht zu bestätigen, dass es sich dabei um die Zukunft handelt, in der wir gerade leben.

Fang Fang: Wuhan Diary. Tagebuch aus einer gesperrten Stadt. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2020. 352 Seiten, 25 Euro.

© SZ vom 06.06.2020/khil
Zur SZ-Startseite
April 29 2014 Toronto ON Canada TORONTO ON APRIL 29 British philosopher Alain de Botton

SZ PlusAlain de Botton im Interview
:"Das Beruhigende ist: Wir wissen, wie man stirbt"

Der britische Philosoph Alain de Botton sagt, es bringt nichts, jetzt optimistisch in die Zukunft zu schauen. Ein Gespräch über den unnützen Satz "Alles wird gut" und worauf es im Leben wirklich ankommt.

Interview von Thorsten Schmitz

Lesen Sie mehr zum Thema