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Leipziger Buchmesse:Das sind die Sachbücher des Frühjahrs

Eine beeindruckende DDR-Familiengeschichte, eine Gesellschaftsanalyse über strukturellen Frauenhass und ein Lesebuch über die chaotische Welt nach 1945. Ein Überblick zur Buchmesse.

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Kate Manne: Down Girl. Die Logik der Misogynie.

Kate Mann Down Girl - die Logik der Misogynie

Quelle: Suhrkamp

"Down Girl" ist eine der seltenen, wirklich bedeutenden kritischen Gesellschaftsanalysen der jüngeren Vergangenheit. Ein echtes intellektuelles Ereignis. Kate Manne behandelt darin die "Logik der Misogynie", die frauenverachtende Struktur und Mentalität der westlichen Gesellschaft, die nicht nur ein Täter, sondern eine ganze Gesellschaft gemeinsam hervorbringt und ununterbrochen stabilisiert. Von einem eher marginialisierten psychologischen Phänomen wird Frauenhass als strukturelles Prinzip des Machterhalts zu einem zentralen politischen. Nicht nur für unverbesserliche Maskulinisten ist das harter, unversöhnlicher Stoff.

Eine ausführliche Rezension von Jens-Christian Rabe lesen Sie hier mit SZ Plus.

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Daniel Gerlach: Der Nahe Osten geht nicht unter

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Quelle: SZ

Dass man auch ohne Weltuntergangsszenarien über den Nahen Osten schreiben kann, zeigt der Journalist und Berater Daniel Gerlach in seinem neuen Buch. Darin geht es um die Situation in Syrien und im Irak, aber auch um Themen wie die Politisierung von Archäologie, die Digitalisierung in der arabischen Welt, die Rolle der Christen oder die arabischen Zivilgesellschaft. All diese Themen sind intelligent ausgewählt und weiten den Horizont über die allgemein übliche Nahost-Krisenberichterstattung hinaus. Daniel Gerlach schafft es, die Widersprüchlichkeit, aber auch die Vielfalt, Dynamik und Kreativität der Region und ihrer Bewohner lebendig zu beschreiben. Dem Autor ist ein hervorragendes Buch gelungen, das auf die übliche Besserwisserei verzichtet und hellsichtig und unterhaltsam Hintergründe beschreibt.

Eine ausführliche Rezension von René Wildangel lesen Sie hier.

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Norbert Frei, Franka Maubach u.a.: Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus.

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Quelle: SZ

Der Erfolg der AfD kommt nicht aus dem Nichts. Nationalistische und rechtsextreme Bewegungen waren in Deutschland nie verschwunden, auch nicht in der DDR. In einem lesenswerten Buch rollen Historiker der Universität Jena die trüben Seiten der deutschen Geschichte nach 1945 auf. Die Wissenschaftler hyperventilieren nicht. Sie suggerieren nicht, Berlin sei Weimar. Sie leugnen nicht die erreichte zivile Ordnung. Aber sie zeigen die Rückfälle und Widersprüche in dieser Ordnung - und die erschreckende Kontinuität in den Angriffen von rechts.

Eine ausführliche Rezension von Tanjev Schultz lesen Sie hier.

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Frank Bösch: Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann.

Frank Bösch: Zeitenwende 1979

Quelle: SZ

Nato-Doppelbeschluss, Sowjetische Truppen in Afghanistan, Revolution in Nicaragua, Ayatollah Khomeinis Rückkehr nach Teheran: Die Geschichte hat es gewollt, dass das Jahr 1979 etliche welthistorische Umbrüche mit sich brachte. Ihnen hat Frank Bösch, Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam, ein fabelhaftes Buch gewidmet: "Zeitenwende 1979". Seine These ist im Untertitel zusammengefasst: "Als die Welt von heute begann". Das Charmante an dieser These: Sie stammt nicht von Bösch. Etlichen Historikern vor ihm ist auch schon aufgefallen, dass 1979 es in sich hatte. Üblich ist es, dass Autoren überzogene oder gar unhaltbare Thesen aufstellen, um sich interessant zu machen. Der Autor Bösch hat nicht sich selbst interessant gemacht, sondern sein Buch. "Zeitenwende 1979" ist ein wunderbarer Brunnen, aus dem man gar nicht genug schöpfen kann. Es enthält eine Fülle von Erkenntnissen, deren viele auch Kenner der Zeitgeschichte packen werden.

Eine ausführliche Rezension von Franziska Augstein lesen Sie hier.

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Ethel Matala de Mazza: Der populäre Pakt

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Quelle: S. Fischer

Die Literaturwissenschaftlerin Ethel Matala de Mazza hat eine Reise unternommen - zunächst in das Berlin der 1920er-Jahre, die Stadt des Feuilletons. Und von dort aus zeitlich rückwärts in die Stadt der Operette, Paris während des Second Empire. Und dann wieder diachron vorwärts nach Wien während des Zeitraums von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg. Anschaulich und materialreich vermittelt das Buch, wie an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten der Pariser, Wiener und Berliner Moderne Massenkultur und Massendemokratie Hand in Hand gehen: Philosophie in Revueform und Kultur für alle!

Eine ausführliche Rezension von Jörg Später lesen Sie hier mit SZ Plus.

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Thomas Karlauf: Stauffenberg. Porträt eines Attentäters.

Thomas Karlauf
Stauffenberg
Porträt eines Attentäters

Quelle: SZ

Kenntnisreich und glänzend geschrieben ist Thomas Karlaufs Biografie über Claus Schenk Graf von Stauffenberg, den bekanntesten der Verschwörer, der den Aktenkoffer mit der Bombe in Hitlers Besprechungszimmer platzierte. Karlauf beschreibt den enormen Einfluss, den der völkisch-illusionäre Dichterfürst Stefan George auf den jungen Stauffenberg hatte und dessen schwärmerische Ideen vom "abendländischen Menschentum" prägte. Was sich heute liest wie die Wahnideen eines irren Gurus, galt damals als edle Gesinnung auch für solche, die sich nicht mit den Nazis gemein machen wollten. Wichtiger bleibt die Erkenntnis: Stauffenberg und seine Mitverschwörer waren vor allem Kinder ihrer Zeit.

Eine ausführliche Rezension von Joachim Käppner lesen Sie hier mit SZ Plus.

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Ines Geipel: Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass.

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Quelle: Klett-Cotta

Ines Geipel verknüpft in "Umkämpfte Zone" die eigene Familiengeschichte so gekonnt und kühl mit der Geschichte der DDR, wechselt derart einleuchtend zwischen intimem Mikro- und historischem Makrokosmos hin und her, dass daraus ein beeindruckendes Buch über die jahrzehntelange Mehrfachvergletscherung einer Gesellschaft wurde. Ihre Kernthese: Das toxische Schweigen, das bei ihr zu Hause über die SS-Vergangenheit der beiden Großväter genauso gelegt wurde wie über die Stasi-Tätigkeit des Vaters, korreliert mit dem aggressiven Angstsystem, den Schweigegeboten und Lügen, auf denen die DDR ihren Staat aufbaute und auf die der Osten später mit einem kollektiven Gedächtnisverlust reagierte. Ihre Biografie dient als Spiegel und als Gegenerzählung zu all den aktuellen Entlastungserzählungen, den restaurativen Weißt-Du-noch-Rotkäppchensekt-Idyllen genauso wie den wutgetränkten Geschichten vom armen Osten als Opfer der Globalisierung, der Wende oder zuletzt der Flüchtlingspolitik.

Ein Porträt über Ines Geipel von Alex Rühle lesen Sie hier mit SZ Plus.

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Felwine Sarr: Afrotopia

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Quelle: Matthes & Seitz

Vor rund 50 Jahren wurden die letzten europäischen Kolonien in Afrika in die Unabhängigkeit entlassen. Doch obwohl sie seit Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich autonom sind, stecken viele der Länder in einer Dauerkrise. Diese Krise hält nicht nur die westlichen Vorurteile am Leben, es hält auch bei den Afrikanern die Wunden offen, die eigentlich längst hätten verheilt sein können. Für Felwine Sarr ist spätestens jetzt der Moment gekommen, an dem Afrika nach der politischen auch seine geistige Unabhängigkeit erstreiten muss. Ausgangspunkt müsse dafür die Einsicht sein, dass Afrikas ausbleibende Erfolge in westlichem Wirtschaften - trotz der jungen Bevölkerungen, trotz des Reichtums an Bodenschätzen - nicht auf die Unfähigkeit des Kontinents zurückzuführen sei, sondern darauf, dass dieses Wirtschaftssystem im Dauerkonflikt stehe mit Afrikas Kultur.

Eine ausführliche Rezension von Jörg Häntzschel lesen Sie hier.

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Peter Frankopan: Die neuen Seidenstraßen. Gegenwart und Zukunft unserer Welt.

Die neuen Seidenstraßen: Gegenwart und Zukunft unserer Welt Gebundenes Buch - 12. März 2019
von Peter Frankopan  (Autor), Henning Thies (Übersetzer)

Quelle: SZ

Amerikanisches Kalkül und Wege des chinesischen Vordringens: Der englische Historiker Peter Frankopan erkundet die "neuen Seidenstraßen". Was man auf den ersten Blick für eine Schwäche halten könnte, ist tatsächlich die Stärke des Buchs: dass es mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Die weltpolitischen Konstellationen sind im Umbruch, und es ist nur schwer zu erkennen, in welche Richtung sie sich entwickeln werden. Der weitere Aufstieg Chinas und der sich beschleunigende Einflussverlust der USA stehen für Frankopan jedoch fest. Und "Seidenstraßen" sind Wege des chinesischen Vordringens. Wenn sowohl die USA als auch China rationale Politik betreiben würden, könnten sie miteinander auskommen.

Eine ausführliche Rezension von Herfried Münkler lesen Sie hier mit SZ Plus.

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Elizabeth Anderson: Private Regierung. Wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen

Elizabeth Anderson Private Regierung. Wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen

Quelle: Suhrkamp

Elizabeth Anderson glaubt, dass wir falsch auf die Arbeitswelt blicken. Ihre zentrale These lautet: "Man erzählt uns, dass wir die Wahl haben zwischen freien Märkten und staatlicher Kontrolle, währen die meisten Erwachsenen ihr Arbeitsleben gänzlich unter etwas Drittem verbringen: der privaten Regierung." Unternehmen seien "Diktaturen in unserer Mitte, die unser Leben allgegenwärtig regieren", so Anderson. Die Philosophin fordert, dass die Lohnabhängigen viel besser vor der Überwachung durch Vorgesetzte geschützt werden. Mit Gegen-Kommentaren renommierter Kollegen schärft das Buch den Blick dafür, dass Arbeitsbedingungen keineswegs Privatsache der Privatwirtschaft sind, sondern eine öffentliche Angelegenheit.

Eine ausführliche Rezension von Johan Schloemann lesen Sie hier mit SZ Plus.

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Harald Jähner: Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945-1955.

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Quelle: SZ

Harald Jähner, lange Feuilleton-Chef der Berliner Zeitung, entwirft eine Mentalitätsgeschichte der Nachkriegsjahre. Es sind nicht neue Quellenfunde oder eigene Recherchen, die dieses Buch auszeichnen, da Jähner an eine breite Forschungsliteratur anknüpfen kann. Vielmehr findet dies glänzend formulierte Werk immer wieder starke griffige Formulierungen, um eine spannungsreiche Zeit in ihren Paradoxien zu fassen. Jähner malt farbenreich ein Bild des großen Wanderns von Millionen Versprengten. Im Unterschied zu anderen Werken zu dem Thema, verzichtet Jähner auf politische Rahmungen und statistische Einordnungen, glänzt dafür aber durch starke Begriffe. Um Jüngeren die chaotische Welt nach 1945 zu verdeutlichen, ist dies ein großartiges Lesebuch.

Eine ausführliche Rezension von Frank Bösch lesen Sie hier.

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Bernd Polster: Walter Gropius. Der Architekt seines Ruhms.

Bernd Polster - Walter Gropius

Quelle: SZ

Was führte dazu, dass ausgerechnet Walter Gropius die legendäre Bauhaus-Schule leiten durfte? Warum er, der nicht einmal zeichnen konnte? Bernd Polster schildert den oft verklärten Übervater des Neuen Bauens als raffinierten Hochstapler. Seine Biografie gleicht in seiner Darstellung nicht einer Heldengeschichte, sondern einem Schelmenroman. Hier soll ein Heldendenkmal gestürzt werden. Manchmal verfehlt Polster den Ton, wechselt ins Genre der Empörung. Trotzdem ist Gropius als Schelm allemal interessanter denn als Heros.

Eine ausführliche Rezension von Jens Bisky lesen Sie hier mit SZ Plus.

© SZ.de/cag/luch

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