Naher Osten Es geht auch ohne Untergangsszenarien

Abends in Bagdad: Kinder spielen in einem Park mit Drachen.

(Foto: AP)
  • Daniel Gerlach hat ein hellsichtiges Buch über den Nahen Osten geschrieben.
  • Seine Werk unterscheidet sich von der üblichen westlichen Besserwisserei und dem alarmistischen Ton.
  • Besonders wohltuend ist das Kapitel über Syrien.
Rezension von René Wildangel

Der palästinensisch-amerikanische Wissenschaftler und Intellektuelle Edward Said hat in seinem 1978 erschienenen Buch über Orientalismus gezeigt, wie im Westen über Jahrhunderte stereotype Diskurse geprägt wurden.

Die Bilder reichen von Romantisierung bis hin zur Dämonisierung, aber immer geht es um Zuschreibungen von außen. In den letzten Jahren waren diese geprägt von Krieg und Grausamkeit in einer zweifellos konfliktgeplagten Region.

Die Sprache der medialen Berichterstattung und nicht zuletzt die Bücher von Nahostexperten spiegeln das wider. "Pulverfass", "Gewaltspirale" und "Brandherd" nehmen vordere Plätze ein bei den Titeln von Büchern, wenn nicht gleich das "Armageddon im Orient" (Michael Lüders, C.H. Beck Verlag) beschworen wird.

Erklärt wird stets, warum in Nahost alles noch schlimmer wird. Dass es auch ohne Weltuntergangsszenarien geht, zeigen Daniel Gerlach und sein Verlag, die Edition Körber. Ob diese Sachlichkeit dem Erfolg zuträglich ist, wird sich zeigen.

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Gerlach beginnt sein Buch mit einer der größeren Öffentlichkeit gänzlich unbekannten Persönlichkeit: Abd al-Rahman al-Kawakibi. Kawakibi war ein Mann der arabischen Erneuerungsbewegung Nahda.

Die bereitete Ende des 19. Jahrhunderts den Boden für den arabischen Nationalismus und hatte aufklärerische Züge - während immer wieder behauptet wird, die islamische beziehungsweise arabische Welt stecke in der Krise, weil sie eben diese Aufklärung nie erlebt habe.

Gerlach stellt Kawakibi als umtriebigen Intellektuellen vor, der die repressive Herrschaft im Osmanischen Reich kritisiert und hinterfragt. Es ist kein Zufall, dass das Buch mit diesem Querdenker beginnt, denn im Folgenden beschreibt der Autor blinde Flecken, die nicht in das allgemeine Bild vom Untergang des Morgenlandes passen.

Gerlach, seit Jahren als Journalist, Berater und Herausgeber des Nahost-Magazins Zenith in der Region unterwegs, greift bei der Schilderung auf seine zahlreichen Recherchereisen und Begegnungen in der Region zurück. Es ist ein durchaus persönliches Buch, und anders als in den meisten Korrespondentenberichten sucht Gerlach das Gespräch auf Augenhöhe.

Sein Buch wird so in Teilen zu einem Reisebericht, der eine journalistische Unvoreingenommenheit gar nicht beansprucht, aber dabei in insgesamt 14 Kapiteln sehr gelungene Differenzierungen vornimmt.

So weitet er den Blick auf die in der Regel auf den schiitisch-sunnitischen Gegensatz reduzierten Konflikte der Region mit der Vorstellung des arabischen Begriffs der "ta'ifiya". Damit ist die Konstruktion von monolithischen Identitäten ethnischer, aber auch religiöser und kultureller Natur gemeint, die für verschärfte innere Auseinandersetzungen und Gewaltausbrüche verantwortlich sind.

Der Begriff ist vor allem nach dem Bürgerkrieg im Irak außerordentlich negativ konnotiert und beinhaltet zugleich die Hoffnung auf die Überwindung dieser Form des Sektarismus (so übersetzt Gerlach den Begriff).

Kritisch hinterfragt der Autor die inflationären Vergleiche mit dem Dreißigjährigen Krieg, denn anders als dieser hat die jüngste Krise in Nahost mit den Aufständen der Bevölkerungen im Arabischen Frühling begonnen.

Gerlach schlägt stattdessen vor, vom möglichen Ende eines vierzigjährigen Krieges zu sprechen. Damit stellt er das Epochenjahr 1979 in den Mittelpunkt, dem Jahr der Islamischen Revolution in Iran, dem dschihadistischen Überfall auf die Große Moschee in Mekka und dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Afghanistan. Ereignisse, die einen enormen Machtzuwachs von Islamisten beförderten, deren Aufstieg bald zu einem Ende kommen könnte.

Geradezu wohltuend ist Gerlachs Kapitel über das mediale Streitthema Syrien. Er beschreibt eine Initiative einflussreicher Syrer unterschiedlicher Herkunft, die für Versöhnung und den Aufbau eines multiethnischen Landes eintreten. Man darf deren Bedeutung zwar ruhig bezweifeln, aber sie ist ein gelungenes Beispiel für einige unterbelichtete Versuche, Zukunftsvisionen für Syrien zu formulieren.

Daniel Gerlach: Der Nahe Osten geht nicht unter. Die arabische Welt vor ihrer historischen Chance. Edition Körber, Hamburg 2019. 312 Seiten, 18 Euro.

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Der menschenrechtliche Einsatz für die juristische Aufarbeitung von Kriegsverbrechen, der im Buch nicht thematisiert wird, wäre ein anderes. Gerlach lässt dabei weder Zweifel an den massenhaften Verbrechen des Assad-Regimes noch an den niederen Motiven vieler seiner Gegner. Die Akzeptanz des jetzigen Status quo und einen Wiederaufbau nach Assads Gusto bezeichnet Gerlach zu Recht als Albtraum.

Denn es gab und gibt Syrerinnen und Syrer, die für ein anderes Syrien eintreten - lange bevor der Krieg in Syrien begann, und auch jetzt, nach mehr als sieben Jahren des verheerenden Konfliktes.

Im Irak trifft Gerlach politische Führer der schiitischen Mehrheit, deren Ansichten ebenso wie die Starre des politischen Systems wenig Anlass zu Hoffnung auf Erneuerung bieten. Aber er zeigt auch die widersprüchlichen Interessen der Milizenführer, den omnipräsenten Wunsch nach Veränderung und die Potenziale der schiitischen Welt für eine "Diversifizierung" eines erstarrten Islambildes. Dazu passend gewährt Gerlach Einblicke in die größte muslimische Pilgerfahrt der Welt - nicht nach Mekka, sondern die schiitischen Reise zum Arba'in-Fest nach Kerbala.

Thematische Kapitel behandeln die Politisierung von Archäologie und alter Geschichte im Nahen Osten, die Digitalisierung in der arabischen Welt oder die oft falsch verstandene und instrumentalisierte Rolle der Christen und ihrer Institutionen in der Region. Ein eigenes Kapitel widmet Gerlach der arabischen Zivilgesellschaft.

Die "vier Geißeln der arabischen Welt"

Anders als die Kritiker, die bei dem Begriff entweder westliche Versuche der Einflussnahme wittern oder die Existenz einer Zivilgesellschaft als reines Wunschdenken abtun, traut Gerlach ihr nicht weniger zu, als die "vier Geißeln der arabischen Welt zu besiegen": Despotismus, Sektarismus, religiöser Extremismus und ökonomische Perspektivlosigkeit.

All diese Themen sind intelligent ausgewählt und weiten den Horizont über die allgemein übliche Nahost-Krisenberichterstattung hinaus. Daniel Gerlach schafft es, die Widersprüchlichkeit, aber auch die Vielfalt, Dynamik und Kreativität der Region und ihrer Bewohner lebendig zu beschreiben. Weil er dieses Potenzial kennt, kommt Gerlach zu folgendem Schluss: Der Nahe Osten geht nicht unter. Euphorisch ist das Urteil nicht, höchstens - so ein von Emil Habibi geprägter Begriff im Arabischen, den Gerlach verwendet - "pessoptimistisch".

Aber schon damit ist der Autor ein fast einsamer Rufer in der sprichwörtlichen Wüste der Nahostexperten. Gerlach ist ein hervorragendes Buch gelungen, das auf die übliche Besserwisserei verzichtet und hellsichtig und unterhaltsam Hintergründe beschreibt.

René Wildangel ist Historiker und schreibt unter anderem zum Schwerpunkt Naher / Mittlerer Osten.

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