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Umstrittener Museumsbau in LA:Amöbe über der Stadt

LACMA

Könnte auch das Hauptquartier eines Filmschurken sein: Modell des geplanten Baus für das Los Angeles County Museum of Art vom Schweizer Architekten Peter Zumthor.

(Foto: Atelier Peter Zumthor)

Brad Pitt ist ein Fan, aber Kunstkritiker laufen Sturm: Peter Zumthors Bau für das Los Angeles County Museum of Art erhitzt die Gemüter in den USA. Was ist davon zu halten?

Von Jürgen Schmieder und Laura Weißmüller

Michael Govan lächelt verschmitzt. Es ist das Lächeln eines Mannes, der sich freut, das aber nie zugeben würde. Der Direktor des Los Angeles County Museum of Art (Lacma) sitzt im 16. Stock eines Bürogebäudes am Wilshire Boulevard in Los Angeles. Von dort hat man einen schönen Blick auf die La Brea Tar Pits, wo einst Mammuts in eine Teergrube geplumpst sind, und auf "Urban Light", eine Installation aus 202 Straßenlampen, sehr beliebt als Instagram-Hintergrund. Im Moment geht es aber um die Baustelle dazwischen, um ein ehrgeiziges und umstrittenes Projekt - und um die Frage des Reporters, ob sich Govan deshalb wie "der Elon Musk der Kunstwelt" fühle. Der bestätigt das, vorsichtig: "Es fühlt sich schon ein bisschen so an, als würden wir zum Mars wollen mit dem Projekt."

Im Sommer, während der Coronavirus-Pandemie, wurden vier historische Gebäude im Osten des Geländes abgerissen. Für 650 Millionen Dollar entsteht nun etwas Neues, das Schauspieler Brad Pitt ein "Meisterwerk aus Licht und Schatten" genannt hat - und der Kritiker Joseph Giovannini "Selbstmord durch Architektur". Wer nun von oben aus die Baustelle betrachtet und dann das 3-D-Modell des fertigen Projekts, das im Flur ausgestellt ist, der bemerkt, dass es keineswegs nur darum geht, ob der Entwurf des Schweizer Architekten Peter Zumthor nun aussieht wie das Hauptquartier eines Superhelden-Bösewichts oder eher wie eine Amöbe.

Es geht darum: Was ist ein Museum, und welchem Zweck dient die darin ausgestellte Kunst? Diese Frage sorgt nicht nur in LA für hitzige Diskussionen. Klar ist, dass Museen - fast immer zentral gelegen, repräsentativ und gesellschaftspolitisch aufgeladen - nach wie vor die Kronjuwelen jeder Stadtplanung sind, auch weil sie zu den teuersten Gebäudetypen gehören. Was für eine Botschaft aber soll die Fassade vermitteln? Welche Ausstellungsräume braucht es heute, wie werden die Besucher geführt? Und was wird überhaupt ausgestellt? Solche Fragen führen schnell mal in einen erbitterten Grabenkampf, der über Jahre ausgetragen wird, zu studieren auch im just eröffneten Humboldt-Forum in Berlin.

LACMA

Modellbild von Peter Zumthors Entwurf für das Los Angeles County Museum of Art.

(Foto: Atelier Peter Zumthor)

In Los Angeles sind die Fronten ähnlich verhärtet. "Elon Musk sieht, wie die Zukunft sein könnte, und man erkennt bisweilen seinen Frust, wenn er versucht, es den Leuten zu erklären", sagt Govan über den Weltraumunternehmer mit Marsflugambitionen und Chef des Elektroautobauers Tesla, spricht aber auch über sich selbst. Wie Musk ist auch Govan überaus charmant, klug, gebildet. Jeder, bei dem man sich nach Govan erkundigt, bestätigt ohne Zögern, dass kaum jemand mehr Ahnung hat von seinem Metier als er, und dass er wie Musk in der Lage sei, die Leute für seine Visionen zu begeistern. Es ist kein Zufall, dass sich Brad Pitt öffentlich für das Design von Zumthor stark macht oder Leonardo DiCaprio die umweltfreundlichen Lampen für "Urban Light" finanziert hat, und dass Hotel-Magnatin Elaine Wynn nun im Vorstand des Museums sitzt. Darüber rümpft das Kunst-Establishment freilich die Nase.

Govan, 57, hat seit seiner Ankunft in Los Angeles im Jahr 2006 immer wieder mutige Entscheidungen getroffen, die sich im Nachhinein als visionär erwiesen haben. 2008 ließ er die Künstlerin Barbara Kruger den Aufzugschacht (die Wände des überdimensionalen Aufzugs sind aus Glas) mit Botschaften gegen Sexismus, Konsumgier und Machtmissbrauch versehen, die zwölf Jahre später noch zeitgemäßer als damals wirken und deshalb eine Retrospektive bekommen, wenn das Museum wieder öffnen darf.

"Es ist ein Schande", sagt Govan über den Lockdown, während er einem die Kunstwerke von Yoshimoto Nara zeigt, die wegen der Pandemie derzeit keiner sehen darf. Da wird nebenbei auch klar, was Govan von einem Museum will: keine Anordnung von Bildern der Vollständigkeit halber. Er möchte, dass seine Besucher verstehen, wie Nara von Punkmusik beeinflusst wurde, und dass seine oftmals kindlichen Figuren deshalb Waffen tragen, um sie wie Spielzeug aussehen zu lassen.

Michael Govan, der Direktor des Los Angeles Country Museum of Art, verteidigt seine kühnen Visionen gegen alle Kritiker.

(Foto: Marco Ugarte/AP)

Es stimmt schon: Das Lacma ist kein Prachtbau, wie es der Louvre oder das Metropolitan Museum of Art sind. Es ist, nun ja, LA. Ein Besuch war hier schon immer mehr Erleben als Lernen, mehr Flanieren als von einem Kunstwerk zum anderen hetzen. Die Virtual-Reality-Installation "Carne y Arena" des Regisseurs Alejandro Iñárritu über Flüchtlinge an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ließ Besucher zitternd am Boden kauern - zu der Zeit, als US-Präsident Donald Trump die Rhetorik gegen Ausländer verschärfte und sich Flüchtlinge aus Honduras, Guatemala oder El Salvador auf den Fußmarsch in Richtung USA machten. Das Gemälde von Mark Bradford, auf dem Worte des 2016 von einem hellhäutigen Polizisten erschossenen Afroamerikaners zu sehen sind, erhielt durch den Tod des Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten in diesem Jahr eine neue Bedeutung.

"Der Regelbruch kann hier funktionieren", sagt Michael Govan über Kalifornien

Das ist Govans Ansatz: Dinge nicht dogmatisch festlegen, sondern bereit sein, die Geschichte umzuschreiben - und auf mehrere Varianten der Zukunft vorbereitet sein. "Wir müssen Sachen nicht mehr in chronologischer Reihenfolge ausstellen. Ein Museum muss kein Ort mehr sein, an dem es Dinge zu betrachten gibt", sagt er: "Wir müssen es spüren, im Gehirn, im Bauch. Es muss emotionales Lernen sein, ohne Hierarchien. Die Menschen sollen Dinge erleben, die andere geschaffen haben. Wie oft haben wir Geschichtsbücher zerrissen und neu geschrieben? Dieses Potenzial wollen wir darstellen: Geschichte verändert sich, und auch für die Zukunft gibt es verschiedene Varianten."

Ganz ähnlich klingt seine Vision für das neue Gebäude. "Kalifornien ist schon immer das Ende der Welt gewesen, der Regelbruch kann hier funktionieren", sagt Govan. Ein Museum in LA kann, nein, es muss anders sein als Pendants in New York oder Paris, dafür benutzt er die Metapher der Box, in die man im Englischen oft gesperrt ist: "Wir tun das, was Leute hier schon immer taten: nicht nur aus der Box heraustreten, sondern sie öffnen, plattmachen und immer wieder neu anordnen." Das Gebäude selbst - obgleich Govan anzumerken ist, wie sehr es ihm gefällt - sei dann nicht mehr so wichtig. Wichtiger ist, was die Besucher darin erleben werden: "Die Mitarbeiter haben 220 Vorschläge gemacht. Wir ordnen nicht neu an, sondern erschaffen viele Möglichkeiten, wie die Zukunft aussehen könnte." Also mehr fließender Taoismus als feste Strukturen.

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Innenansicht von Peter Zumthors Entwurf für das Los Angeles County Museum of Art.

(Foto: Atelier Peter Zumthor)

Zu Govans klarer Vision kommt allerdings ein intellektueller Hochmut, auch das erinnert an Elon Musk. Er wird schnell genervt, wenn andere ihm nicht folgen wollen. Der Architekturkritiker Joseph Giovannini zum Beispiel. Der wehrt sich mit seiner Initiative "Save Lacma" so vehement gegen Zumthors Entwürfe, dass sich daraus eine der heftigsten Architekturdebatten seit Jahren entwickelt hat. Giovannini hat ganzseitige Anzeigen in der New York Times geschaltet, die Govan als zeitgenössischen Nero verunglimpfen, weil er Teile des alten Lacma abreißen ließ. Er hat eine Online-Petitionen gestartet, mit knapp 12 000 Unterschriften gegen den nun erfolgten Abbruch, und einen internationalen Architekturwettbewerb initiiert, bei dem 28 Architekturbüros Gegenentwürfe zu Zumthors Ideen eingereicht haben, darunter immerhin so bekannte Büros wie Coop Himmelb(l)au und Barkow Leibinger.

Die Liste an Argumenten, die Giovannini und seine Initiative gegen Govans und Zumthors Pläne vorbringen, ist lang: Der Entwurf würde zu wenig Ausstellungsfläche bieten, weswegen viele Objekte im Depot verschwinden müssen. Wichtige Bestandteile eines Museums wie eine Bibliothek oder Räume für Schulklassen fehlten. Trotzdem verbrauche Zumthors Plan zu viel Fläche und sei überdies viel zu teuer. Giovannini schätzt, dass der Bau bis zu seiner Fertigstellung eher eine Milliarde Dollar kosten könnte statt den angegebenen 650 Millionen Dollar.

"Ich weiß nicht, warum Giovannini mich so hasst, ich will es aber auch gar nicht wissen", sagt Peter Zumthor am Telefon. Der Architekt, ausgezeichnet mit den wichtigsten Preisen der Branche und einer der bekanntesten seiner Zunft, führt sein Büro immer noch von dem winzigen Schweizer Örtchen Haldenstein aus. Er klingt, trotz der heftigen Kritik, die seinem Projekt in den USA entgegenschlägt, erstaunlich vergnügt.

Seine Gelassenheit erklärt Zumthor mit den Erfahrungen, die er beim Kunsthaus Bregenz gemacht hat: "Am Anfang, als die Fundamente in Bregenz ausgegraben wurden, haben sich alle Bauarbeiter weggedreht, wenn ich auf die Baustelle kam. Als der Rohbau stand, haben sie mich angeschaut. Und als die Glasfassade dann hochgezogen wurde, wurde mir der rote Teppich ausgerollt, das heißt, ich sah Freude und Bewunderung in den Gesichtern. Vielleicht passiert in Los Angeles ja etwas Ähnliches."

Schweizer Architekt Peter Zumthor

Der Schweizer Architekt Peter Zumthor ist sich sicher, dass die Menschen in Los Angeles seinen Bau bald lieben werden.

(Foto: Arno Balzarini/Picture Alliance / dpa)

Die Chancen stehen nicht schlecht. Zumthor ist einer der besten Architekten der Welt, wer in einem seiner Gebäude steht, spürt intuitiv, dass dort ein Meister am Werk war. Egal, ob es sich um ein Handwerkerzentrum im Bregenzerwald, das Kunstmuseum Kolumba in Köln, ein kleines Zinkminenmuseum in Norwegen oder die Therme Vals in der Schweiz handelt. Jede Blickachse sitzt, alle Materialien sind perfekt ausgewählt.

In Berlin musste Peter Zumthor ein Debakel erleben - die Kosten für seinen Bau waren explodiert

Doch auch für Peter Zumthor geht es in LA um viel. Für den 77-jährigen Architekten ist das Lacma sein bislang größtes Projekt, das tatsächlich gebaut wird. Viele seiner Entwürfe blieben Papier. Weil sie zu teuer waren. Weil die Bauherren einen Rückzieher machten. Bis heute beschäftigt ihn sein Trauma in Berlin: Im Jahr 2004 wurden die bereits realisierten Türme seines NS-Dokumentationszentrums wieder abgerissen, die Baukosten waren zu stark gestiegen, der Bauherr, das Land Berlin, hatte das Projekt gestoppt.

Diesmal steht der Bauherr hinter Zumthor. Nicht nur, weil alles "haarscharf im Budget" ist, wie der Architekt es formuliert. Der Schweizer bezeichnet Govan als den besten Bauherren, den er je hatte. Er schätzt, was die Gegner an dem Prozess kritisiert haben: dass er in Ruhe arbeiten konnte. Nicht mal Govans Board ließ der Direktor beim Entwurfsprozess über Zumthors Schulter blicken. Statt eines Architekturwettbewerbs, bei dem sich mehrere Büros mit ihrem Entwurf bewerben und eine Jury den besten Vorschlag auswählt, entschied der Museumsdirektor lieber selbst. Govan glaube nicht an amerikanische Wettbewerbe, zitiert ihn Zumthor, weil der Investor dann doch meist lieber den Freund statt den gekürten Sieger nehme.

Mag sein. Ziemlich autoritär war das Verfahren trotzdem. Die Öffentlichkeit bekam lange gar keine Informationen, und auch jetzt fließen sie immer noch spärlich. Es gibt eine Handvoll Modellentwürfe und ein knappes Video auf der Museumshomepage. Das Erstaunlichste an dem Entwurf ist sicherlich, dass er trotz seiner Größe nur ein Geschoss hat. "Das Gebäude kennt keine Hierarchien, alles ist gleichwertig", erklärt Zumthor das Prinzip. Für die Kunst werde es unterschiedlich große geschlossene Kuben und offene Galerien geben, ganz ähnlich "wie die Straßen und Plätze einer Stadt". Tatsächlich erinnert das an Jean Nouvels Konzept des Louvres in Abu Dhabi, wo sich unter einer gewaltigen Kuppel unterschiedlich große Würfel lose verteilen. Im Gegensatz zum Emirat werde aber in Los Angeles über große Fensterflächen das Gebäude "im ständigen Kontakt zur heutigen Welt sein", bedeutet: "Es ist das Gegenteil einer elitären abgeschlossenen Box des Wissens."

Wenn man in Los Angeles von oben all das betrachtet, was nun in der sogenannten Museum Row in der Gegend Miracle Mile zu sehen ist, versteht man, warum Govan so sehr für Zumthors Gebäude kämpft. Gegenüber ist das Petersen Automotive Museum, das 2015 zu einem wahnwitzigen rot-silbernen Gebilde umgebaut worden ist. Daneben das Museum der Filmakademie, das im September 2021 eröffnet wird und wegen dem Govan, er ist darauf stolz, auch mit Leuten wie Martin Scorsese gestritten hat, damit es so wurde, wie es nun ist. Der Steinbrocken Levitated Mass, der Pavillon für japanische Kunst, der Primal Palm Garden. Es wirkt wie ein Gesamtkonzept, das so dermaßen Los Angeles ist, dass es gerade kein Klischee ist.

So, wie Govan die Welt sieht, soll das fertige Gebäude bei der Eröffnung im Jahr 2024 aussehen. "Kein Zentrum, viele Eingänge, viel natürliches Licht - und das Wichtigste: Es wird sich stets verändern", sagt Govan. Er will sich nicht von Quadratmeterzählern beirren lassen ("Bei meiner Ankunft hatten wir die Hälfte der Fläche, die wir nach dem Bau haben werden"), sondern bei der nächsten Expansion lieber Tentakel in Viertel ausstrecken, in denen es keine Museen gibt: eine Version von "Urban Light" in Compton oder Ausstellungen über Graffiti in South Los Angeles. "Hier, auf diesem Gelände, sind wird dann fertig."

Was aber tut ein Ruheloser wie Govan, wenn er das erreicht hat? Auch da kommt er wieder auf den Vergleich mit Musk zurück, selbst wenn er ihn während des Treffens mehrmals schelmisch abgetan hat. Das Ziel, wenn das Lacma fertig ist, kann nur sein: "Mars."

Anm. d. Red.: In einer früheren Version hieß es, das Museum eröffne im April 2021. Das ist falsch. Aufgrund der Pandemie verschiebt sich der Termin auf September 2021. Wir bitten dies zu entschuldigen.

© SZ/kni
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