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Die Dominanz weißer Männer in der Architektur:Sie hier?

Lesley Lokko

Lesley Lokko hat an internationalen Universitäten gelehrt. Nebenbei schreibt sie erfolgreiche Romane.

(Foto: Getty Images)

Eine New Yorker Architekturschule berief Lesley Lokko, Architektin mit schottisch-ghanaischen Wurzeln, zur Dekanin. Zehn Monate später warf sie hin. Sie hatte genug von Rassismus und Sexismus, die auch sonst diese Disziplin durchziehen wie kaum eine andere.

Von Laura Weißmüller

Lesley Lokko kennt sich mit Worten aus. Vermutlich dürfte die Architektin mit ghanaisch-schottischen Wurzeln eine der ganz wenigen ihrer Branche sein, die internationale Bestseller schreibt. Lokko kennt sich aber auch mit Architekturfakultäten aus. Sie unterrichtete an einer Vielzahl von renommierten Universitäten in den USA, Großbritannien und Südafrika, bevor sie in Johannesburg gleich eine komplett neue Architekturfakultät konzipierte. Der Lehrplan dort ist radikal gedacht, mit möglichst wenig Hierarchien und möglichst viel Diversität. Genau das war der Grund, warum sie ausgewählt wurde, die Bernard and Anne Spitzer School of Architecture in New York zu leiten. Lokko sollte auch hier das Curriculum ins 21. Jahrhundert bringen.

Der Mangel an Respekt für Schwarze, besonders schwarze Frauen, hat sie überrascht

Nicht einmal zehn Monate später schmeißt Lesley Lokko ihr Amt als Dekanin wieder hin. "Der Mangel an Respekt und Einfühlungsvermögen für Schwarze, insbesondere für schwarze Frauen, hat mich überrascht", schreibt sie in ihrem öffentlichen Statement zum Rücktritt. Aus Südafrika kommend, war sie "nicht auf die Art und Weise vorbereitet, wie Hautfarbe sich in den USA manifestiert, und mir fehlten schlicht und einfach die Instrumente, damit umzugehen und die Stereotypen abzuwehren". Die Ermordung von George Floyd habe die Situation dann sogar noch schlimmer gemacht. Auch wenn Lokko eine Weile gebraucht habe, "um zu verstehen, was der Mangel an Einfühlungsvermögen im breiteren Kontext der amerikanischen Gesellschaft bedeutet".

Lesley Lokko gab mehrere Gründe für ihren Rücktritt an: die Pandemie, die New York als einen der ersten großen Hotspots besonders hart traf, der fehlende Rückhalt an der Architekturfakultät, eine überbordendende Bürokratie, mit der sie als Dekanin konfrontiert war - doch der Rassismusvorwurf ist das, was den Fall so eklatant macht. Denn er wirft ein Schlaglicht auf die Architekturwelt und offenbart etwas, das nicht nur Lesley Lokko schockieren sollte.

"Die Architektur ist total weiß! Ich wette, Sie könnten nicht einmal zehn schwarze Architekten aufzählen", brachte es David Adjaye noch vor Lokkos Rücktritt in einem Interview mit der Zeit auf den Punkt. Adjaye ist einer der bekanntesten Architekten der Welt, seine glamourösen Entwürfe schmücken Magazincover, wurden vielfach ausgezeichnet und in Ausstellungen gezeigt. Mit dem National Museum of African American History and Culture in Washington hat er einen der Prestigebauten der Gegenwart entworfen. David Adjaye hat es also in die Riege der Stararchitekten geschafft.

Als Schwarzer ist er dort oben aber ziemlich allein. Rem Koolhaas, Norman Foster, Frank Gehry, Jean Nouvel, Bjarke Ingels - die großen Namen in der Architekturwelt gehören immer noch den weißen Männern. Die Liste der Pritzker-Preisträger, der wichtigsten Auszeichnung der Baukunst, macht das offensichtlich: Es brauchte 25 Jahre, bis es Zaha Hadid 2004 als erste Architektin zu dieser Ehrung gebracht hat. Seitdem ging die Auszeichnung gerade drei Mal an Frauen, einen schwarzen Preisträger sucht man nach wie vor vergeblich. Genauso wie die Attribute weiß und männlich fest mit den allermeisten Spitzenjobs dieser Branche verbunden sind, egal ob es sich um Bauherr, Biennale-Chef oder Bürogründer handelt. Und das, obwohl seit Jahren mehr Frauen als Männer Architektur studieren.

"Je weiter man sich nach oben streckt, desto mehr trifft man auf die gläserne Decke", sagt Regine Keller. Die Landschaftsarchitektin und Lehrstuhlinhaberin für Landschaftsarchitektur und öffentlichen Raum der Technischen Universität München war die erste Dekanin der Fakultät für Architektur an der TU - seit 1868. Die Ausgrenzung von Frauen verlaufe subtil, zum Beispiel wenn Entscheidungen getroffen werden, "in die man nicht einbezogen wird, weil es zufällig schnell gehen musste", so Keller. Klassische Boys-Club-Mechanismen eben.

Doch nicht nur die Riege der Stars in der Architekturwelt ist überwiegend weiß und männlich, die Struktur setzt sich von oben nach unten durch. Als "Petrischale für eklatanten Rassismus" beschreibt die New Yorker Architektin Naila Opiangah im Onlinemagazin dezeen die Architektur. Als sie im Jahr 2012 von Gabun in die USA zog, um dort zu studieren, hatte sie sich nicht vorstellen können, "dass mein Erfolg davon abhängt, wie gut ich meine schwarze und meine afrikanische Identität unterdrücke".

Dabei beschränkt sich der Rassismus in der Architektur nicht allein auf die USA. Ein angehender Architekt bekam in Berlin Anfang des Jahres auf seine Jobbewerbung eine Absage, versehen mit dem Vermerk "bitte keine Araber". Der Hinweis war zwar nicht für ihn gedacht, dafür umso vielsagender. In Frankfurt war man offener: Da wurde eine junge Architektin, die ein Kopftuch auf dem Bewerbungsfoto trug, schlicht mit dem Hinweis abgelehnt, "eine Mitarbeiterin mit islamistischer Grundeinstellung" komme für das Büro nicht in Frage.

Und in London führte der Stadtbezirk Southwark diesen Sommer vor, was er unter Diversität versteht: Der Londoner Bezirk initiierte mit großem Trommelwirbel einen Wettbewerb um öffentliche Bauprojekte. Ausgestattet mit 100 Millionen Pfund pries der Stadtrat diesen selbst als "integrativsten Wettbewerb aller Zeiten", die Aufträge sollten an eine "neue Generation Designer" vergeben werden. Allein: Schwarze waren nicht darunter. Und das, obwohl in Southwark ein Viertel der Bewohner schwarz ist. Im Guardian kommentierten zahlreiche schwarze Architekten und Designer aus London das Ergebnis weniger schockiert als ernüchtert. Der Tenor: sie haben nichts anderes erwartet.

Architektur ist Manifestation von Macht. Es bestimmt der, der Geld und Einfluss hat

Hoffnung, dass sich daran etwas ändert, haben wenige. Woher auch? Laut einer Umfrage des Londoner Architekturmagazins Architects' Journal unter 1300 britischen Architekten und Architekturstudenten nahm der Rassismus in der Branche zwischen 2018 und 2020 im Land noch mal zu. Auch wenn die Sensibilität für die Ausgrenzung anderer in dieser Zeit nicht zuletzt dank der Black-Lives-Matter-Bewegung zugenommen haben dürfte, reicht das wohl nicht, um den deutlichen Anstieg zu erklären.

Das Problem liegt tiefer. "Architektur ist der Ausdruck von Macht", sagt Giovanna Borasi, die Direktorin des renommierten Architekturmuseums Canadian Centre for Architecture (CCA) in Montreal. Sie manifestiere, wer das Geld und wer den Einfluss hat, Aufträge zu vergeben. Hierarchie in Stahl und Beton sozusagen. "Wenn wir an Architektur denken, dann denken wir immer an westliche Architektur," führt Borasi fort. Doch diese Architektur sei auch "ein Entwurf des Kolonialismus".

Das sieht die Harvard-Architekturprofessorin Julia Watson ähnlich: "Die Welt der Architektur spielt eine Rolle bei der Wiederholung der kolonialen Agenda und der Auslöschung von Kultur, Geschichte und Handlungsspielraum für die lokalen Gemeinschaften." Das zeige sich, so Watson, etwa im Klimaschutz, wo nach wie vor Lösungen aus der Ersten Welt teuer an die Dritte Welt verkauft werden, was nicht nur eine Verschuldungsspirale in Gang setze, sondern auch häufig nicht zu dem gewünschten Effekt führe. "Der Westen besteht darauf, dass eine neokoloniale Klimaschutzagenda die Probleme der Entwicklungsländer lösen wird." Schlicht, weil man der westlichen Architektur mehr zutraue.

Das bedeutet: Die Architekturwelt hat ein gewaltiges Rassismusproblem. Wer über Lösungen nachdenkt, muss ans Eingemachte: an die Vorstellung, was Architektur überhaupt ist - und zwar jenseits der westlichen Dogmen. Und an die Wurzeln: es braucht Vorbilder, die schon Kindern zeigen, wie aufregend der Job einer Architektin und eines Architekten ist - und zwar nicht nur privilegierten Waldorfschülern. Das reicht noch lange nicht, aber es wäre ein Anfang. Der sich lohnt. Denn die Architektur bedarf dringend mehr Vielfalt, allein schon um den Krisen unserer Gegenwart gerecht zu werden. Sie braucht dafür die Ideen von Menschen aller Nationalitäten und Hautfarben, Geschlechter und sexueller Ausrichtungen. Es ist Zeit, die Runde zu öffnen. Weiße Männer mit schwarzen Anzügen kennt die Architekturgeschichte schon genug.

© SZ vom 24.10.2020
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