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Ausstellung "Making van Gogh":Wenn Mensch und Werk verschmelzen

21.10.2019, Frankfurt, DEU, Making Van Gogh , Eine Ausstellung ueber die Bedeutung VIncent van Gogh in der Moderne im S

"Making Van Gogh" - Eine Ausstellung über die Bedeutung Vincent van Goghs in der Moderne in Frankfurt.

(Foto: imago images/Hannelore Förster)
  • Im Frankfurter Städel Museum beschäftigt sich die Ausstellung "Making van Gogh" mit dem Nachleben Vincent van Goghs.
  • Van Gogh dient als prominentes Beispiel für die Symbiose von Mensch und Kunstwerk.
  • Erst die Kenntnis über van Goghs Leben eröffnete einem breiten Publikum einen Zugang zu seiner damals so ungewohnten Malweise.

Die Debatte, ob sich Werk und Autor trennen lassen, ob das Werk unabhängig vom Autor zu betrachten sei, war nie tot, in letzter Zeit aber nahm sie wieder Fahrt auf. Meist geht es dabei um persönliches Fehlverhalten, um sexuelle Übergriffe wie bei Kevin Spacey und Michael Jackson oder um Diktatorennähe wie bei Peter Handke. Manch ein langjähriger Fan möchte in solch heiklen Fällen das Werk vor seinem Urheber retten.

Die bildende Kunst strotzt aber vor Beispielen, in denen es dem Ruf von Künstlern im Gegenteil über weite Strecken nützt, wenn in ihrer Rezeption Mensch und Kunstwerk untrennbar miteinander verschmelzen. Der prominenteste Fall einer solchen - posthumen - Symbiose von Mensch und Malerei ist der 1890 viel zu früh gestorbene Vincent van Gogh. Seine furiose Pinselführung, seine blendenden, dick aufgetragenen Farben schienen schon Betrachtern um 1900 Ausdruck eines so obsessiven wie geplagten Charakters zu sein. Nur weil bald alle Moderne-Liebhaber sehr empathisch in van Goghs Gemälden und Zeichnungen immer auch den an seiner Zeit und am Leben leidenden Künstler erkannten, ließ sich dessen so radikal neue Kunst durchsetzen und eroberte dann auch den Massengeschmack.

Ausstellung

Ein Mythos entsteht

Die große Herbstschau im Städel Museum zeigt, wie die Legenden um van Gogh entstanden sind, und wie deutsche Galerien, Sammler und Künstler dem Niederländer den posthumen Ruhm mit begründeten.   Von Johanna Pfund

Den Eindruck vermittelt die große Ausstellung "Making van Gogh" im Frankfurter Städelmuseum. Sie beschäftigt sich mit van Goghs Nachleben in Deutschland in den Jahren 1900 bis 1914, in der Zeit also, als aus dem umfangreichen, so schwer einzuordnenden Œuvre des Niederländers eine Marke wurde. Diese Geschichte zu erzählen ist überfällig, schließlich waren es neben den Niederländern vor allem die Deutschen, denen van Gogh seinen Ruhm verdankt. Und es ist verdienstvoll, dass die Institution sich nicht darauf beschränkt, rund 50 Bilder van Goghs zu zeigen, sondern dies mit einem dezidiert rezeptionshistorischen Ansatz verbindet.

Missverstanden in einem Land der Romantiker

Den Mythos vom nervösen, manischen und unglücklichen Maler setzte schon 1890, noch zu Lebzeiten des Künstlers, der Kunstkritiker Albert Aurier in die Welt, als er schrieb, Vincent van Gogh sei "ein Fanatiker, ein Feind bürgerlicher Nüchternheit und Kleinlichkeit, eine Art trunkener Riese, (...) ein schreckliches und irres Genie, oft überragend, gelegentlich grotesk, immer am Rande des Pathologischen". Van Gogh fühlte sich missverstanden und kritisierte seinen Kritiker in einem Brief, in dem er sich zu seinen Vorbildern, darunter Paul Gauguin, bekannte. Als leicht bis ganz verrückter Einzelgänger sah er sich offenbar nicht; bald darauf bat er seinen Bruder Theo, Aurier davon abzubringen, weiter über ihn zu schreiben. Womöglich fürchtete er um seinen Ruf und seinen Erfolg, wenn er als einsamer Kauz dastand.

Das nützte nichts. In Deutschland, dem Land der Romantiker, fielen Auriers Worte nach van Goghs Tod auf fruchtbaren Boden. Im frühen 20. Jahrhundert suchten Kunsthistoriker, Sammler und Künstler der Avantgarde nach Ahnen, die auch schon entschieden und hochemotional mit allem Dagewesenen gebrochen hatten. Es schreckte sie nicht, sondern machte sie neugierig, wie sehr van Goghs Kunst verunglimpft worden war ("von Pocken befallen" seien seine Bilder, schrieb ein früher Rezensent). Nach einer Retrospektive im Jahr 1905 im Amsterdamer Stedelijk Museum kauften erst deutsche Sammler, dann die Museumsdirektoren systematisch Werke des Niederländers. 1908 erwarb das Städelmuseum sein erstes Gemälde des Meisters, das "Bauernhaus in Nuenen".

Deutsche Expressionisten sogen die Eindrücke auf und bewunderten den Maler für seinen Mut, seine Subjektivität, seine Farbintensität und seine Freiheit. Im Jahr 1914 befanden sich schon rund 150 Gemälde van Goghs in privaten und öffentlichen deutschen Sammlungen.