Picasso-Ausstellung in Köln:Genosse Genie

25. September 2021 - 30. Januar 2022
Der geteilte Picasso
Der Künstler und sein Bild in der BRD und der DDR

Museum Ludwig Köln

Tuch der französischen Delegation der Weltjugendfestspiele in Ost-Berlin, nach einem Entwurf von Picasso, 1951.

(Foto: © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Politik oder Pose? Eine Ausstellung im Kölner Museum Ludwig fragt nach der unterschiedlichen Rezeption von Pablo Picasso in Ost und West.

Von Alexander Menden

Am 13. November 1953 schrieb Bertolt Brecht eine kurze Notiz an den "lieben Genossen" Pablo Picasso. Darin bat er um die Bewilligung des Künstlers, den "herrlichen Plakatentwurf" für das Halstuch der französischen Teilnehmer an den Berliner Weltfestspielen der Jugend und Studenten im Jahre 1951 als Werbung für sein Berliner Ensemble verwenden zu dürfen. Bei dieser Gelegenheit setzte Brecht den Adressaten en passant auch davon in Kenntnis, dass er schon länger ein Picasso-Werk in seinem Haus zeige: "Lassen Sie mich auch gleich gestehen, dass wir Ihre Taube seit Gründung des Theaters als Vorhangzeichen benutzen."

Das BE reiste mit dem Vorhang auch ins Ausland. Ausgerechnet in Paris, der Wahlheimat Picassos, bestand die Theaterleitung 1954 vor einer Aufführung von "Mutter Courage und ihre Kinder" darauf, dieses politische Symbol, das Picasso immer und immer wieder nutzte, zu entfernen. Brecht willigte ein, um die Aufführung zu retten. Der Vorhang ist nun im Kölner Museum Ludwig zu sehen, nebst einer Kopie des Brecht-Briefes. Ob Picasso ihn je erhielt, ist nicht bekannt. Er antwortete ohnehin nur in Ausnahmefällen.

Das Exponat ist Teil der Ausstellung "Der geteilte Picasso", welche die unterschiedlichen Wahrnehmungen des Künstlers in Ost- und Westdeutschland beleuchtet. Dass seine Taube ein solches Politikum wurde, verdankte sich einer Positionierung des Spaniers, die im Westen während des Kalten Krieges beargwöhnt, letztlich aber als zu vernachlässigende Pose gewertet wurde - Werner Schmalenbach erklärte ihn für "unpolitisch", Arbeiten wie "Guernica" zu "Ausnahmen". Während der letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges hatte Picasso, von den Nazis als "entartet" eingestuft, in Paris ausgeharrt, obwohl es für den Weltstar ein Leichtes gewesen wäre, in ein sicheres Land auszureisen. Er war so zu einem Symbol künstlerischen Widerstands geworden. 1944 trat er in die Kommunistische Partei Frankreichs ein - und blieb auch nach dem Krieg Mitglied. Er gab Spenden, malte Stalin-Porträts und reiste sogar ein paarmal persönlich zu Veranstaltungen der Friedensbewegung.

Im Westen fürchtete man Propaganda, im Osten konzentrierte man sich auf antifaschistisch Deutbares

Die Kölner Schau versucht, Picassos Aneignung durch die kapitalistischen und kommunistischen Systeme nachzuzeichnen. Als Beispiel dient unter anderem das Gemälde "Massaker in Korea" von 1951. Kompositorisch ein klares Zitat auf Goyas "Erschießung der Aufständischen", bezieht sich der Titel auf den Korea-Krieg, der 1950 begonnen hatte. Im Osten wurde es als Kritik an amerikanischen Kriegsverbrechen gedeutet, obwohl das Bild selbst, abgesehen vom Titel, wenig Hinweise auf Ort und Zeit des dargestellten Massakers gibt. Bei Ausstellungen im Westen wurden dennoch Bedenken laut, ob das nicht antiwestliche Propaganda sei.

25. September 2021 - 30. Januar 2022
Der geteilte Picasso
Der Künstler und sein Bild in der BRD und der DDR

Museum Ludwig Köln

Plakat aus den Siebzigern gegen den Radikalenerlass, der linken "Verfassungsfeinden" die Beschäftigung im öffentlichen Dienst der Bundesrepublik verwehrte.

(Foto: © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2021/Museum Folkwang)

Die Behauptung der Ausstellungsmacher, dieses Bild sei in Ostdeutschland weitaus bekannter als im Westen, wäre zu belegen, es hängt immerhin im Pariser Musée Picasso. Klar ist, dass man in der DDR wenig Zugang zu den damals bereits unerschwinglichen Originalen hatte und man sich in Reproduktion und Rezeption auf politisch und antifaschistisch Deutbares konzentrierte. Ein interessanter Nebenaspekt sind hier die Picasso-Leihgaben aus der Kölner Sammlung, die Peter Ludwig in den Siebzigerjahren dem DDR-Maler und Volkskammer-Mitglied Willi Sitte anbot - ein Angebot, das freudig angenommen wurde.

Der "Kommunist" Picasso ließ sich zu seinem Château chauffieren

Die Thematik könnte also, gerade in solchen Details, durchaus spannend sein. Allerdings tut sich "Der geteilte Picasso" schon durch die Präsentation keinen Gefallen. Die Architektur hat der Künstler Eran Schaerf gestaltet. Unbehandeltes Holz und wenig besucherfreundlich platzierte Stellwände prägen das Bild. Auf beiden Seiten dieser Wände ist neben immerhin 40 Originalen ein Überreichtum an Faksimiles und Dokumenten angebracht. Alle, die kein ernsthaftes akademisches Interesse an der Materie haben, werden so wohl kaum zum genauen Studium von Depeschen, Zeitschriftenartikeln und Katalogauszügen animiert. Dass eine Keramikarbeit wie die "Eule" von 1952 in die Schau aufgenommen und im Zentrum einer riesigen, flachgelegten Spanplatte recht einsam präsentiert wurde, scheint sich eher dem Umstand zu verdanken, dass sie Teil der Ludwig-Sammlung ist, als einer inhärenten politischen Bedeutung.

Es gibt gute Gründe dafür, Pablo Picasso nicht auf eine politische Haltung festzulegen. Ein Künstler, der sich so mühelos von Stil zu Stil bewegte, der sich Kommunist nannte, aber auch in der Limousine zu seinem Château in die Normandie chauffieren ließ, kann kaum je systemisch gefasst werden. Wenn man es - und sei es auch nur in Wiedergabe der Sicht anderer auf ihn - dennoch tut, könnte es weitaus weniger spröde, unsinnlich und letztlich verwirrend geschehen als jetzt im Museum Ludwig.

Der geteilte Picasso. Der Künstler und sein Bild in der BRD und der DDR. Köln, Museum Ludwig. Bis 30. Januar. Der Katalog kostet 35 Euro.

© SZ/jhl
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