Interview mit Lisa Maria Baier:"Görlitz ist ein großes Dorf"

Interview mit Lisa Maria Baier: Podest, Kinositze, Slogans: das umstrittene Werk "Kulisse" vor der Görlitzer Stadthalle.

Podest, Kinositze, Slogans: das umstrittene Werk "Kulisse" vor der Görlitzer Stadthalle.

(Foto: Lisa Maria Baier)

In Sachsen ist Streit um ein Kunstwerk entbrannt, das Kritik übt am Abtreibungsverbot in Polen. Die Stadt will es abbauen lassen. Ein Gespräch mit der Künstlerin.

Von Ulrike Nimz, Leipzig

Noch steht es in Sichtweite der deutsch-polnischen Grenze, das Werk "Kulisse" der Meisterschülerin Lisa Maria Baier. Ausgewählt für die Ausstellung "Görlitzer Art", sollte es eine Hommage an die Filmstadt werden, dann ergänzte die Künstlerin Slogans wie "Abtreibung ohne Grenzen", um sich mit Frauen zu solidarisieren, die im Nachbarland für ihre Rechte auf die Straße gehen. Die Stadt warf ihr daraufhin Vertragsverletzung vor, inzwischen beschäftigt der Fall die Gerichte. Ein Gespräch über Kunst als falsch verstandenes Marketing und warum gerade jetzt alle nach Görlitz ziehen sollten.

SZ: Frau Baier, Ihre "Kulisse" hat zuletzt viel Aufsehen erregt. Im "Spiegel" hieß es, Ihre Installation spalte die Stadt. Gut?

Lisa Marie Baier: Aufmerksamkeit hat natürlich was Gutes, wobei ich nicht glaube, dass die Stadt gespalten ist. Wenn mir Menschen am Ausstellungsort begegnen, dann sind sie meist zugewandt und neugierig. Bislang gab es so gut wie keine negativen Kommentare. Selbst wenn: Ich wollte ja, dass die Menschen diskutieren, das ist doch der Sinn von Kunst im öffentlichen Raum. Sonst hätte ich auch einfach eine Parkbank bunt anmalen können.

Zur Person

Die Konzeptkünstlerin und Meisterschülerin Lisa Maria Baier, 1988 in Görlitz geboren, studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden und in Budapest. In ihren Arbeiten setzte sie sich wiederholt für Frauenrechte ein.

Ihr Werk war mal als Hommage an die Filmstadt Görlitz gedacht, nun ist es ein kritischer Kommentar zur Abtreibungspolitik Polens. Warum die Änderungen?

Das Ganze ist ja als Ideenwettbewerb für die Ausstellung "Görlitzer Art" gestartet. Man konnte sich mit einer Projektskizze bewerben. Meine war zu diesem Zeitpunkt sehr allgemein gehalten: ein Podest, Geländer, Kinositze, Leinwand. Es ging um Innen- und Außenperspektiven in der Grenzstadt Görlitz, die ja oft Kulisse für historische Kinostoffe war. Ich dachte da eher an "Die Bücherdiebin" und "Käthe Kruse" als Tarantinos "Inglourious Basterds". Als klar war, dass das Kunstwerk direkt an der deutsch-polnischen Grenze stehen wird, wollte ich mich mit den Frauen solidarisieren, die dort gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz demonstrieren, sozusagen im "falschen Film" leben.

Vor den Kinosesseln haben Sie Metallschlaufen angebracht, ähnlich wie bei einem gynäkologischen Stuhl. Der Betrachter blickt auf kämpferische Slogans und Kleiderbügel. Schon provokanter als der prämierte Entwurf.

Dass künstlerische Projekte Entwicklungen unterworfen sind, dass sich Ideen im Laufe eines Jahres verändern und konkretisieren, ist für mich selbstverständlich und - so dachte ich - auch erwünscht. Bis mir der Kulturbürgermeister eine Mail geschrieben hat, in der er rechtliche Schritte ankündigte. Ich dachte: Oh Gott, brauche ich jetzt einen Anwalt?

Lisa Maria Baier 
Kulisse

"Sonst hätte ich auch einfach eine Parkbank bunt anmalen können": Künstlerin Lisa Maria Baier.

(Foto: Privat)

Die Stadt Görlitz wirft Ihnen Vertragsbruch vor und will das Werk abbauen lassen. Man begründet den Schritt auch damit, dass dies nicht die Art der politischen Kommunikation sei, die man mit der polnischen Seite pflege. Haben Sie Beschwerden aus der Nachbarstadt erreicht?

Im Gegenteil. Schon beim Aufbau stand plötzlich ein polnisches Pärchen neben uns und hat spontan zum Akkuschrauber gegriffen, um zu helfen. Mittlerweile hat sich ja auch die Sprecherin von Zgorzelec zu Wort gemeldet und gesagt, dass man kein Problem mit meinem Werk hat.

Das Dresdner Verwaltungsgericht sah es wie der Görlitzer Kulturbürgermeister: Der Stadt stehe ein außerordentliches Kündigungsrecht und eine Entfernung des Werkes zu. Sie haben Revision eingelegt, sehen die Kunstfreiheit verletzt.

Natürlich, man macht mir ein Grundrecht streitig, obwohl sich nichts an meinem Werk gegen etwas oder jemanden wendet. Da steht nicht "Nieder mit dem Patriarchat!" oder so. Man kann sich dort nicht mal mehr wie geplant hinsetzen. Das Objekt ist eingezäunt. Das war vorher auch nicht klar, und ich habe deswegen nicht gleich den Vertrag gekündigt. Auch nicht, als es hieß, ich könne nicht mit Beton arbeiten, das hält der Boden nicht aus. Ich habe mich dann für Holz entschieden. Das ist eine ganz andere Ästhetik, ein ganz anderes Konstrukt, aber jetzt auf einmal wird darauf gepocht, dass die Umsetzung exakt so sein muss wie in der Bewerbung skizziert.

Offensichtlich ist die Botschaft das Problem.

An der Hochschule habe ich mal gelernt: Jede Kunst ist politisch, ob man nun einen Zeichenstift in die Hand nimmt oder eine Holztribüne baut. In Ungarn, während meines Studiums, habe ich erlebt, dass die Menschen dort Denkmäler ganz selbstverständlich kommentieren, durch das Hinlegen von Steinen, Schuhen, Gedankenblättern. Das wurde nie weggeräumt von der Polizei. Immerhin wird auch der Zaun um "Kulisse" jetzt bespielt, manche hängen Tampons dran, ist doch super.

Man hat Ihnen eine Einzelausstellung angeboten und eine Podiumsdiskussion. Warum haben Sie abgelehnt?

Ich finde es seltsam, mir erst rechtliche Schritte anzudrohen und dann doch mit mir reden zu wollen. Mein Angebot, direkt am Kunstwerk zu diskutieren, wurde jedenfalls ausgeschlagen. Es hieß: erst nach Abbau der Installation, was ich ziemlich sinnlos finde.

Sehen Sie Ihr Werk als Auftragskunst?

Ich bin Konzeptkünstlerin, man müsste mir erst mal erklären, wie das überhaupt funktionieren soll.

2019 organisierten Sie in Dresden eine Schreiminute, später entstand daraus das Videoprojekt "Girl, you should smile more", für das sehr viele Frauen auf sehr unterschiedliche Weisen ihrer Wut Luft machten. Geschlechterungerechtigkeit ist schon eine Weile Ihr Thema.

Deshalb überrascht es mich, dass alle überrascht sind. Ich kann als Künstlerin doch erwarten, dass man sich im Rahmen eines Wettbewerbs grob über mein Schaffen informiert. Kunst ist kein Stadtmarketing. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, bei meiner Arbeit irgendein Image mitzudenken. Der ganze Streit schadet Görlitz doch viel mehr als "Kulisse".

Weil sich jetzt alle wieder über den finsteren, reaktionären Osten wundern können?

Dabei ist Görlitz übelst bunt. Die Kreativen sind wahnsinnig gut vernetzt, der Stadtrat ist, mal abgesehen von der AfD, sehr motiviert. Es gibt so viele tolle Projekte. Man lässt Künstlerinnen und Künstler drei Monate kostenfrei in der Stadt wohnen. Es gibt hier noch genug Freiräume, alles sehr unelitär.

Und doch mussten bei der ersten "Görlitzer Art" Werke wegen Beschädigung abgebaut werden. Auch bei der Stadtkunstschau "Gegenwarten" in Chemnitz gab es Vandalismus. Als Manaf Halbouni 2017 drei Busse auf den Dresdner Neumarkt stellte, ging es gleich wieder um den Untergang des Abendlandes. Warum ist die Empörung oft so groß?

Ich bin mir sicher, in Hessen oder dem Saarland wäre dasselbe passiert. Mein Vater hat früher in der Nähe von München gelebt, und wenn ich den besucht habe, mit Dreadlocks und Piercings, dann war das ein Spießrutenlauf. Görlitz ist ein großes Dorf. Wenn man Themen wie Abtreibung oder Sex öffentlich anspricht, sind die Leute das nicht gewohnt. Man kann nicht einfach überall Kunst hinstellen und hoffen, dass das alle toll finden.

Sondern?

Kunst muss man hier erklären, vermitteln. Und ansonsten: geschehen lassen, geschehen lassen, geschehen lassen. Je lauter und experimenteller, desto besser. In Zukunft werden ja viel mehr Künstlerinnen und internationales Publikum in die ländlichen Regionen ziehen, schon weil die Städte so teuer sind. Ich kann es kaum erwarten.

© SZ/hert
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